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Rolle des Paares

Die Rolle des Paares in einer polyamorischen Struktur

Es geht um das alte Thema: Gibt es Alternativen zur strikten ausschließlichen Monogamie in den Beziehungen zwischen Menschen ( Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann ) ? Die es bejahen tun dies oft nicht ohne das zweifelnde Gefühl, daß "Experimente mit Mehrfachbeziehungen" gar zu oft schiefgehen. Die es verneinen, sind bestrebt, an ihren bestehenden Beziehungen festzuhalten und ebendiese nicht durch "Experimente mit Mehrfachbeziehungen" gefährden wollen. Von daher beschäftigt sich dieser Aufsatz mit der Rolle der Paarbeziehung in einer polyamorischen Struktur.

1. These: Das Paar ist unverzichtbar!

Es ist ein Irrtum zu glauben, eine befreite Beziehungskultur müsse in der Überwindung der Paarbeziehung beginnen oder gar enden. Im Gegenteil. Was überwunden werden muß sind Beziehungsstrukturen, die Partner auch dann noch aneinander binden, wenn keine Liebe (mehr) vorhanden ist oder die die Entsagung und Ausschließlichkeit zur Vorbedingung erfolgsreichen Liebeslebens machen. Die exklusive Monogamie als ausschließliches Modell steht zur Diskussion, nicht aber die Paarbeziehung, denn

   * jede Beziehung zwischen zwei Menschen stellt eine Paarbeziehung dar

   * die Paarbeziehung ist die kleinste, sozusagen atomare Einheit dar, zu der sich Menschen verbinden können. Sie bietet die größte Chance auf Dauerhaftigkeit und Stabilität.

   * jede komplexe Struktur wird sich letztlich aus Paarbindungen als Elemente zusammensetzen. Ohne Paarbeziehungen ist eine stabile komplexe Struktur gar nicht denkbar.

2. These: Wer eine Paarbeziehung nicht handhaben kann, kann auch keine komplexen Beziehungen handhaben

Hier möchte ich die polyamorische Lebensweise ausdrücklich von dem abgrenzen, was gemeinhin Promiskuität genannt wird. Promiskuität bedeutet wörtlich "Geschlechtsverkehr mit Fremden" und beinhaltet eine weitgehende Unfähigkeit oder einen Unwillen, sich an einen Partner dauerhaft zu binden. Promiskuität ist in gewissem Sinn sogar der Gegensatz zu Polyamory. Wo Promiskuität auf allgemeine erotische Konkurrenz und selbstsüchtigen Egoismus hinausläuft, da erfordert Polyamory ausdrücklich Solidarität, Verantwortung und Bindungsfähigkeit. Jedes komplexe polyamorische Beziehungsfeld ist letztlich nur so stabil wie die Paarbeziehungen, aus denen es sich zusammensetzt. Viele Leser können sicherlich aus eigener Erfahrung bestätigen, daß promiske Szenen gemeinhin zum Kollaps neigen und meistens lauter unglückliche Menschen zurücklassen.

3. These: Es ist sinnvoll, als Paar polyamorische Beziehungen einzugehen

Dreiecksbeziehungen sind weitaus häufiger als der Durchschnittsmensch glaubt, selbst wenn er sich selbst gar zu oft und verschämt in solche Konstellationen hineinbegibt. Bei der Auftrennung einer Paarbeziehung kommt es oft zu Dreieckskonstellationen, die aber meist nicht offen gelebt werden, sondern von einem oder beiden Partnern heimlich gepflegt werden. Die üblichen Ergebnisse eines solchen Umganges sind explosive Auftrennung an und für sich lebensfähiger Paarbeziehungen, Verwundungen und Verletzungen, Demütigungen und emotionale Verwüstungen. Dabei liegt eine produktive Lösung auf der Hand: das Paar, das sich dafür entscheidet, gemeinsam in polyamorische Beziehungsstrukturen einzutreten, hat sehr große Aussichten, die eigene Paarbeziehung zu verfestigen und zu vertiefen. Denn schließlich "betrügen" die Partner nicht einander, sondern gehen bewußt in eine gemeinsame Erfahrung. Dazu gehört natürlich eine Kleinigkeit: Solidarität.

4. These: Die Paarsolidarität ist die Basis jeder komplexen Solidarität

Menschen in Paarbeziehungen, die polyamorische Strukturen leben wollen, gehen am sinnvollsten nicht nur gemeinsam, sondern auch solidarisch in solche Erfahrungen hinein. Die große Gefahr bei allen komplexen Beziehungsformen ist das existenzielle Grundgefühl Eifersucht. Und Eifersucht läßt sich nicht wegdiskutieren, sondern muß aktiv überflüssig gemacht werden (so wie Angst allgemein überflüssig gemacht werden kann, wenn kein Grund zur Angst vorhanden ist). Das erfordert genau betrachtet eine Tugend, die viele für entbehrlich halten: Treue. Nur ist die Treue hier anders zu verstehen. Treue beinhaltet hier die bewußte Entscheidung beider an der Paarbeziehung Beteiligter, an der Paarbeziehung unter allen Umständen festzuhalten und den Partner nicht im Stich zu lassen, auch und gerade nicht in seinen Problemen mit der Eifersucht.

5. These: Eine ideale polyamorische Struktur besteht aus vielen stabilen Paarbeziehungen

Das ist der entscheidende Punkt. Da jede Beziehung zwischen zwei Menschen per se eine Paarbeziehung ist, kann ein polyamorisches Strukturfeld auch so gedacht werden, daß der einzelne Mensch in eine oder mehrere Paarbeziehungen eingebunden ist, die jede für sich stabil sind und unterschiedliche Schwerpunkte haben. Wird die Paarbeziehung von ihrem repressiven, autistischen Beigeschmack befreit, so wird sie zur Basiseinheit eines liebenden polyamorischen Beziehungsfeldes.

6. These: Die Solidarität innerhalb der Geschlechter ist ein tragender Faktor

Kein Mensch ist frei von Eifersucht, denn Eifersucht ist ein natürliches Gefühl. Der Mitliebhaber oder die Mitliebhaberin kann nur aus ganzem Herzen angenommen werden, wenn er oder sie als Bruder oder Schwester aufgefaßt werden kann. Jegliches Spielen mit erotischen und sexuellen Rivalitäten ist da nicht nur abträglich, sondern schwer schädlich.

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