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R.Raven

Thesen zum "Spontanfick"

Eine Stellungnahme von Roland R.

Von Heima wurde auf dem letzten Maitea – Treffen der Impuls eingebracht, daß wir uns darüber Gedanken machen sollten, wie der "Spontanfick" in geeigneter Weise ritualisiert werden könnte, weil das "im ZEGG ein großes Problem darstellt, weil es dabei immer wieder so unendlich viele Verletzungen gibt": Ich habe relativ heftig darauf reagiert und möchte meine Reflexionen zu dem Thema in den folgenden Thesen zum Ausdruck bringen.

   1.Es ist das unverbrüchliche Recht eines jeden Menschen, mit anderen Menschen gleich welchen Geschlechts oder welcher Rasse oder welcher sonstigen Kategorisierung auch immer sich zu einem "Spontanfick" oder einem One-night-stand zusammenzutun, wenn die beteiligten Personen in dieser Absicht übereinstimmen. Es ist aber auch das unverbrüchliche Recht eines jeden Menschen, vom "Spontanfick" Abstand zu nehmen, wenn er das will. Das zum Prinzipiellen.

   2.Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß es solange es Menschen gibt, die zu sexuellen Empfindungen in der Lage sind, immer wieder zu "Spontanficks" oder One-night-stands kommen wird. Es gibt viele Dauerbeziehungen, die aus zunächst unverbindlichen "Spontanfick" – Situationen hervorgegangen sind, und es gibt zahllose Menschen, die den "Spontanfick" für sich eigentlich ablehnen, und trotzdem in Situationen geraten, wo sie sich auf einen One-night-stand einlassen. Und es gibt Menschen, die von One-night-stand  fasziniert sind und diese als Lebenstil pflegen. Diese Tatsachen werden sich durch keinerlei moralische Verbote oder Gebote jemals aufheben lassen. So weit zum Faktischen.

   3.Meine heftige Reaktion hat allerdings eine persönliche Geschichte. Ich war mehrere Male im ZEGG zu Besuch und mich persönlich auseinandersetzen müssen mit den Gefühlen, die eine Szenerie in mir auslöste, in der der One-night-stand zumindestens von vielen Menschen geradezu kultisch propagiert und praktiziert wird. Zuerst betrachtete ich diese Gefühle als rein persönliches Problem etwa in der Art: ich bin ja viel zu befangen im Umgang mit Sexualität, nicht "befreit" genug, habe die tiefgründigen Weisheiten des ZEGG  noch nicht genügend begriffen und habe noch einiges vor mir, ehe ich ein "neuer Mensch" in einer befreiten MEIGA – Welt geworden ist. Immerzu mußte ich mich mit meinem hartnäckigen gefühlsmäßigen Widerstand gegen die sogenannte "Buhl – Atmosphäre" beschäftigen. Dieser Widerstand hinderte mich sehr effektiv daran, mich auf die Welt der scheinbar paradiesischen One-night-stands einzulassen.

   4.Als Helfried mir zum ersten Male vom ZEGG erzählte, beschrieb er die Auffassung des ZEGG, daß das ZEGG "Promiskuität" (er nannte dieses Wort) als den sinnvollen Umgang  mit Sexualität propagiere. Ich hatte Helfried deswegen kritisiert, weil solche Äußerungen meines Erachtens bei ZEGG – Unkundigen Ängste schürte (ich denke beispielsweise an die MIKA – Leute), die sich bis zum Haß steigerten. Ich muß heute sagen, daß ich Helfried zu Unrecht kritisierte. Helfried gab zwar nicht offizielle Standpunkte des ZEGGS im Wortlaut getreu wieder, aber er beschrieb aus seiner Sicht und auch meiner heutigen Sicht sehr korrekt, wie er das ZEGG wahrgenommen hatte.

   5."Promiskuität" als Begriff bedeutet "Geschlechtsverkehr mit Fremden", d.h. sexueller Kontakt mit Menschen, die einem fremd sind und auch fremd bleiben. Diese Definition nur, damit wir wissen, wovon wir reden.

   6.Es ist vollkommen unbestreitbar, daß Promiskuität im definierten Sinne ein Im ZEGG und im ZEGG – Umfeld verbreiteter sogenannter Life – Style ist. Das bedeutet nicht, daß alle ZEGG – Bewohner und ZEGG – Freund Anhänger des promisken Lebenstiles sind. Jedoch ist im ZEGG – Umfeld Promiskuität signifikant verbreiteter als in anderen Szenerien.

   7.Es ist mir bekannt, daß es nicht sinnvoll ist, ohne nähere Prüfung von ZEGG – Ansichten oder ZEGG – Auffassungen zu sprechen. Das ZEGG ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Auffassungen gemeinsam leben und einander respektieren lernen. Ich habe nach wie vor große Hochachtung vor den Gründern des     ZEGG und bin von der Ehrbarkeit ihrer Zielsetzungen überzeugt. ZEGG und auch Tamera haben die Gemeinschaftsbewegung fruchtbar beeinflußt und ich habe nicht die Absicht,     "das ZEGG zu kritisieren" oder sonst etwas. Das ZEGG ist so wie es ist das Produkt der Interaktion seiner Bewohner und Freunde, und es ist gut, richtig und perfekt so wie es ist.

   8.Es ist mir bekannt, daß die Projektionen der zahlreichen ZEGG – Besucher und auch ZEGG – Anhänger nicht identisch sein müssen mit den Auffassungen, Meinungen und    Praktiken der ZEGG – Gründer und der ZEGG – Bewohner. Aber so wie jeder Mensch das Recht auf seine eigene Meinung hat, so hat auch jeder Mensch das Recht auf seine      eigenen Projektionen.

   9.Es ist unbestreitbar, daß das ZEGG vielen Menschen die Möglichkeit gibt, eigene Grenzen zu erkunden und gewohnte Lebensauffassungen zu hinterfragen und zu überprüfen. Es      ist aber auch unbestreitbar, daß viele dieser Menschen zu Missionaren der "ZEGG-Idee" in eigener Sache werden, wenn es etwa darum geht, den promisken One-night-stand als      den vorbildlichen Lebensstil einer befreiten schönen neuen Welt auszugeben. Jeder, der die Szenerie kennt, weiß, daß sie von Männern und Frauen wimmelt, die auf den schnellen     Aufriß, auf den möglichst anonymen Sex, auf die promiske Befriedigung rein körperlicher Impulse und kurzfristigem Geltungsbedürfnis aus sind. Ich wiederhole nochmals, daß     jeder Mensch, der dies tut, das ausdrückliche und unverbrüchliche Recht darauf hat, dies zu tun, mit allen Menschen, die das auch zu tun geneigt sind.

   10.Die von verschiedenen Menschen des ZEGG – Umfeldes geäußerte Auffassung, daß die Bereitschaft, die Fähigkeit und der Wille zum anonymen Sex ein Merkmal einer befreiten     Sexualität und eines liebevollen und veredelten Verhältnis zwischen den Geschlechtern darstellt, ja geradezu ein Modell für eine internationale gewaltfreie Alternative (MEIGA),     muß sich auch gefallen lassen, daß sie überprüft wird, vor allem auch dann, wenn Enthaltsamkeit vom promisken Anonym-Sex als Ausdruck einer verklemmten, noch nicht      befreiten, sozusagen unreifen Persönlichkeit gewertet wird. Dies sind keine bloßen Behauptungen, solche Äußerungen wurden wiederholt gegenüber Menschen, die der     Promiskuität abholt sind, gemacht, und werden immer wieder gemacht.

   11.Ich wiederhole nochmals: Promiskuität ist ein Life – Style und er hat als solcher volle Berechtigung zu existieren und von jedem Menschen, der sich dafür entscheidet, gelebt zu     werden. Niemand, der promisk lebt, soll nach meiner Auffassung dafür kritisiert oder an den Pranger gestellt werden. Aber Promiskuität ist nicht der einzige Life – Style und schon     gar nicht die einzige Alternative zu den Life – Styles der lebenslangen ausschließlichen Monogamie und der sequentiellen (also zeitlich befristeten) ausschließlichen Monogamie.     Und vor allem weise ich den Anspruch der Promiskuitäts – Apologeten zurück, daß jeder Mensch nach ihren Maßstäben leben sollte, wenn er dem Anspruch gerecht werden     wollte, unverklemmt und "befreit" zu sein.

   12.Jeder Lebensstil hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Jeder Lebensstil hat seinen eigenen Preis. Wer in einer lebenslangen ausschließlichen Monogamie seinen Life – Style sieht,     der verzichtet bewußt auf die Möglichkeit anderer Beziehungen. Wer die sequentielle ausschließliche Monogamie lebt, der verzichtet bewußt auf die Möglichkeit der      Weiterentwicklung früherer Beziehungen. Und wer Promiskuität lebt, der geht bewußt das Risiko empfindlicher Verletzungen und Demütigungen ein. Die Verletzung und      Demütigung als Risiko ist der unvermeidliche Schatten der Promiskuität, so wie die Enthaltsamkeit der unvermeidliche Schatten der lebenslangen ausschließlichen Monogamie ist.     Ich persönlich bekenne mich zum Polyamory – Lebenstil, der vernetzte, also polygame, aber vertraute und treue Beziehungen verwirklichen will. Auch dieser Lebenstil hat seinen     Preis, der aus abgeschwächten Portionen der Nachteile anderer Lebensstile besteht. Ich bin gleichwohl nicht der Meinung, daß jeder Mensch diesen Lebenstil leben sollte,    sondern nur diejenigen Menschen, denen er zusagt.

   13.Von den sexuellen Neigungen her ist die Aussage der Wissenschaften immer wieder, daß der Mensch biologisch und kulturhistorisch zu vielen Lebensstilen in der Lage ist und     unter Umständen im Laufe seiner Lebens auch seine Orientierung möglicherweise ändert. Ohne jetzt unausgewiesene statistische Aussagen machen zu wollen, behaupte ich     einmal, daß die Skala der Orientierungen von extrem promiskuitär ("wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment") bis zu extrem asketisch reicht mit     dazwischen liegenden Bereichen: monogam lebenslang – monogam sequentiell (Lebensabschnittspartner) – polygam mit Haupt- und Nebenbeziehungen, die wiederum temporär     bis kontinuierlich – polygam mit wechselnden Partnern usw. Die ganze Palette in wenige Begriffe zu erfassen ist schwierig. Unmöglich aber ist die Frage nach dem "richtigen"     Lebensstil, welche mir ähnlich sinnlos scheint wie die Frage nach der einzig "richtigen" Religion oder Weltanschauung.

   14.Nochmals: Promiskuität ist keinesfalls die einzige Alternative zu den monogamen Lebensstilen und ich werde jede Auffassung kritisieren, die diesen Eindruck erwecken will.    Promiskuität ist EIN Lebensstil, der ein volles Recht hat, gelebt zu werden, aber sich ebensowenig anmaßen sollte, die Anhänger anderer Lebensstile abzuwerten, wie es von den     Anhängern der Monogamie verlangt wird.

   15.Daß Promiskuität nicht der alleinseligmachende Lebensstil sein kann, läßt sich schon an der Tatsache ersehen, daß es bei seiner Ausübung immer wieder zu empfindlichen    Verletzungen kommt. Im ZEGG wird offenbar die Frage diskutiert, wie durch entsprechende Rituale diese Verletzungen verhindert werden könnten. Das kommt mir vor wie die     Fragestellung, wie im Rahmen der Monogamie die Enthaltsamkeit von anderen Beziehungen verhindert werden könnte, welche ja hier den entscheidenden Nachteil darstellt.

     Anders ausgedrückt: fällt die Enthaltsamkeit bei der Monogamie weg, dann ist es entweder keine Monogamie mehr oder die Monogamie ist überhaupt gelogen (wenn nämlich der    Partner nichts mitkriegt). Und fällt das Risiko von Verletzung und Entehrung bei der Promiskuität weg, dann ist es entweder keine Promiskuität mehr oder die "freie Liebe" ist     überhaupt gelogen. Was zu beweisen wäre.

   16.Wer sich nach einem anonymen Sex – Erlebnis etwa im ZEGG verletzt oder entehrt fühlt, ist mit Sicherheit nicht körperlich verletzt. Es handelt sich bei dieser Verletztheit um ein    Gefühl, also das Wahrnehmen eines Energiezustandes. Er betrifft in aller Regel die Verletzung des Selbstwertgefühls, der sich dann ergibt, wenn der One-night-stand – Partner    einem nach der gemeinsam verbrachten Nacht nicht mehr kennt und ignoriert, oder einem nicht in der erwarteten Weise behandelt. Dies betrifft die Haltung des/der Betroffenen zu zwei Themen: die Wertschätzung der eigenen Person (das sogenannte Selbstwertgefühl) und der eigenen Sexualität, sowie (und das ist ein sehr wichtiger Punkt) die Wertschätzung der Sexualität schlechthin. Es betrifft weiterhin die Erwartungen an die Person des One-night-stand-Partners

   17.Zur Wertschätzung der eigenen Person und der eigenen Sexualität. Wer sich nach einem One-night-stand entehrt und verletzt fühlt, beschreibt dies meist mit den Worten "ich fühle mich benutzt". Für die meisten Menschen ist sexuelle Aktivität gleichbedeutend mit Öffnung und Hingabe. Wird diese Hingabe abgewertet, wird dies schnell mit der Herabsetzung der gesamten Person verbunden und assoziiert, da sexueller Selbstwert mit dem Identitätsgefühl stark verbunden ist. Spirituell ausgedrückt, wenn die sexuelle Energie ursprünglicher Ausdruck der universellen Lebensenergie ist, dann ist die Abwertung der eigenen Sexualität ernergetisch ein unvermeidlicher Angriff auf die Identität und das Selbstwertgefühl der betroffenen Person. Anders ausgedrückt: in der Sexualität sind die Menschen tendenziell viel verletzlicher als auf anderen Gebieten. Wer also hinsichtlich der Bewertung der eigenen Sexualität durch den anderen nicht nur bloße Lügen hören will, geht geradezu naturnotwendig das Risiko der Abwertung der eigenen Person und Sexualität ein, wenn er mit einer unbekannten Person zum One-night-stand schreitet. Nur wer keinerlei Wertschätzung der eigenen Person und der eigenen Sexualität besitzt, bleibt von dieser Gefahr frei.

   18.Die Wertschätzung der Sexualität. Es gibt hier eindeutig Unterschiede zwischen den Menschen, und diese Unterschiede sind richtig und notwendig. Lax ausgedrückt gibt es Menschen, für die Sexualität im wesentlichen ein körperliches Bedürfnis wie Essen und Trinken ist (jemand sagte mir mal: "etwas ganz alltägliches und profanes wie Kaffeetrinken"), das in einer geeigneten Weise körperlich befriedigt werden muß. Und es gibt Menschen, für die Sexualität ein heiliger, spiritueller, ja geradezu magischer und mystischer Akt ist. Und es gibt zwischen diesen beiden Extrempositionen der Bewertung alle nur möglichen Zwischenschattierungen. Nach meiner Meinung hat das nichts, aber uch gar nichts mit "befreit" oder verklemmt" zu tun, denn jeder Mensch kann jede Handlung vollkommen unterschiedlich bewerten. Für den einen mag etwa die Nahrungsaufnahme ein heiliger Akt sein, für den anderen erledigt sie sich durch den besuch der Würstchenbude an der Ecke. Um es klar hervorzuheben: jeder Mensch hat das Recht darauf, jede Handlung, eingeschlossen die sexuellen, so zu bewerten wie er es möchte. Jedoch möchte ich folgende These aufstellen: je tendenziell höher die Wertschätzung der Sexualität als solche bei Menschen ist, desto weniger werden sie bereit sein, sie abwerten zu lassen. Hat Sexualität den Charakter gar eines heiligen spirituellen Aktes, dann    wird mensch diesen heiligen spirituellen Akt eher vor Profanisierung schützen als jemand, für den sie ohnehin eher profanen Charakters ist. Anders ausgedrückt: nützlich für eine promiske Orientierung ist eine eher profane Bewertung der Sexualität als solche, denn die geafhr der Entwertung der Sexualität (und dasmit auch der eigenen Sexualität und der eigenen Person) ist damit am niedrigsten.

   19.Erwartungen an die Person des One-night-stand – Partners. Wer an einen One-night-stand – Partner mit der Erwartung herangeht, nur einen One-night-stand – Partner zu finden, wird selten unter Verletzungen leiden. Die vergleichende Statistik hat unter den bundesdeutschen Singles ermittelt, daß etwas über 80 % zu den sogenannten Romantikern zählen und weniger als 20 % zu den sogenannten Hedonisten. Während die Hedonisten den promisken Lebensstil bewußt bejahen und praktizieren, befinden sich die Romantiker eigentlich auf der Suche nach einem geeigneten Partner. Treffen Hedonist und Romantiker in einem One-night-stand aufeinander, so ist die Konfliksituation eigentlich schon klassisch. Nur zwischen Hedonisten wird es konfliktarm verlaufen. Zwischen Romantikern ist allein schon deshalb ein Erwartungskonflikt angelegt, weil die gegenseitigen Erwartungen einander meist nicht entsprechen und die Abwertung mindestens eines der beiden Beteiligten wegen "mangelnder Attraktivität" erfolgt. Auch das ist ein Risiko, dessen sich jeder mensch bewußt sein muß, wenn er promiske Praktiken leben will.

   20.Ausgerechnet der als "verderbter Magier" bezeichnete Aleister Crowley wies in seinen Werken über Magie immer wieder darauf hin, daß eine sexuelle Verbindung "zu irgendeinem Lebewesen" ein Band der Verantwortlichkeit erschaffe. Dies muß nicht unbedingt ein Vorteil sein. Sexuelle Beziehungen öffnen nach Auffassung der magischen Geheimlehren IMMER energetische Kanäle, und diese müssen nicht notwendigerweise und nicht unbedingt positive Energien transferieren. Wem das nicht klar ist, der möge sich  die seelischen Verwüstungen vor Augen halten, die bei Vergewaltigungsdelikten bei den Opfern entstehen. Die körperlichen Verletzungen sind meistens unbedeutend, die seelischen Verletzungen können allerdings einem "Mordanschlag auf die Seele" gleichkommen. Sicherlich handelt es sich bei promisken Begegnungen um freiwillige  Begegnungen, aber es geht doch darum, daß jeder sexuelle Kontakt einen energetischen Kanal öffnet, der Energien gleich welcher Art, also auch "schwarze" transferieren kann.

21.Alle die zuletzt genannten Erwägungen sind sicher nicht neu und spektakulär. Sie sollten nur nochmals herausstellen, daß das Risiko von Verletzung und Demütigung untrennbar mit der Promiskuität verbunden ist. Nur wenn die Wertschätzung aller Menschen von allen anderen Menschen gleich hoch, die Wertschätzung der Sexualität bei allen Menschen gleich niedrig und die Erwartungen an die One-night-stand – Partner auch gleich niedrig bei allen Menschen wären, dann wäre das Risiko von Verletzung und Demütigung schon logisch minimal. Ansonsten lassen sich die genannten Konflikte grundsätzlich nicht vermeiden. Trotzdem ist es natürlich das Recht eines jeden Menschen, promisk zu leben, zeitweise oder ständig, wenn er das will. Der Anspruch dagegen, daß die Ausübung von Promiskuität gleichzusetzen wäre mit einer "befreiten" Sexualität ist schon grundsätzlich auszuschließen. Der Anspruch der Promiskuitäts – Enthusiasten, das alleinseligmachende Konzept gefunden zu haben, Sexualität zu leben, ist um nichts besser als die Morallehren der katholischen Kirche (lebenslange Monogamie) oder eines Gurus wie Sai Baba (strikte Monogamie auch bei Fehlen von Liebe).

   22.Ich habe einen Aspekt des ZEGG immer als unangenehm empfunden, auf den ich jetzt zu sprechen kommen will. Ich füge nochmals hinzu: damit möchte ich die Leistungen von ZEGG und Tamera nicht in Zweifel ziehen oder diese Projekte als ganzes abqualifizieren oder kritisieren. Aber wer von solcher missionarischer Haltung erfüllt ist wie viele ZEGG- Bewohner und ZEGG – Anhänger, der wird sich auch einmal "einen Spiegel geben lassen" müssen.

   23.Obwohl ich die ersten Male mit dem festen Willen ins ZEGG gefahren bin, mich jeglichem Bemühen um One-night-stands zu enthalten, war es so gut wie unmöglich für mich, mich der "Buhl-Atmosphäre" zu entziehen. Ich hielt dies wie schon gesagt zunächst für ein rein persönliches Problem (bin nicht "befreit" genug, muß noch "so viel" vom ZEGG lernen, muß mich erst noch von meinen "Verklemmtheiten" befreien etc.). Merkwürdigerweise hatte ich bei den Füssenern diese Empfindung überhaupt nicht, obwohl die Füssener nach klaren Fragen von mir auch zugaben, im wesentlichen polygam zu leben. Dann fiel mir im ZEGG und in ZEGG – Kreisen immer wieder die eingeschränkte Kommunikation auf Wiederholt wurde mir signalisiert, daß ich nur zu "verkopft" wäre. Bei konkreten Fragen stieß ich wiederholt auf eine sprichwörtliche "Mauer" um die ZEGG – Bewohner, eine Erscheinung, von der ich nur wenige Ausnahmen fand. Sicherlich ist die Grundannahme des ZEGG richtig, daß die meisten Menschen Verletzungen in Liebesfragen erlitten haben und sicherlich ist es auch richtig, diese Themen im Forum zu thematisieren. Aber der spruchwörtliche Druck, Verletzungen in Liebesfragen in der eigenen Lebensbiographie durch One-night-stands in den ZEGG –Liebeszimmern zu kompensieren, ist so spürbar, daß es sich nicht um ein rein persönliches Phänomen handeln kann. Ich möchte an dieser Stelle nicht die zahllosen Aussagen zitieren, die es von den verschiedenen Menschen hinsichtlich dessen gibt. Ich belasse es bei der These: sehr viele Menschen verspüren im ZEGG einen Druck, eigene Verletzungen durch den Wunsch nach promisken Erlebnissen in Liebeszimmern auszuheilen. Ich bin mir darüber bewußt, daß den ZEGG- Bewohnern hier kein Vorwurf gemacht werden kann, die von Besuchern abverlangen, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Ich will hier überhaupt keinen Vorwurf machen, sondern nur eine Tatsache auf der "Schwingungsebene" feststellen und ihre Ursachen betrachten.

   24.Ich habe schon angedeutet, daß ich Besucher des ZEGG für die Hauptverursacher dieser "Anbagger-Stimmung" halte. Es ist auch keineswegs verwunderlich. Jährlich tausende von Besuchern, die mit unerfüllten sexuellen und erotischen Sehnsüchten in die Seminare des ZEGG strömen mit dem eingestandenen oder unbewußten Wunsch nach "heilenden" Sex – Erlebnissen Auch ich habe diesem Druck schon nachgegeben und Erlebnisse genossen, die mir vor allem durch Flüchtigkeit und dem Gefühl von Abwertung und Gefühlskälte im Gedächnis geblieben sind. Klar war ich für mich selbst verantwortlich und war mir bewußt, welches Risiko ich eingehe. Ich erwähne es auch nur deshalb, weil ich damit auch dokumentieren will, daß es nicht nur Frauen so im ZEGG geht und nicht die sprichwörtliche Herzlosigkeit der Männer daran "schuld" ist. "Schuld" ist niemand und doch jeder, denn jeder übernimmt schließlich die Verantwortung für sich selbst, und das ist auch richtig so. Es handelt sich meines Erachtens viel eher um ein sprichwörtliches "morphogenetisches Feld", auf das ja nicht nur die ZEGG-Gründer, welche Intentionen sie auch immer haben und hatten, sondern eben auch die zahllosen Besucher mit ihren "unerlösten" Sehnsüchten Einfluß haben. Ich habe in der Geschichte unserer Gruppe Maitea und ihrer Vorläufer auch immer wieder erlebt, daß viele Besucher aus anderen ZEGG – nahen Gruppen vor allem mit dem Wunsch nach promisken Erlebnissen zu uns kamen. Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß Menschen – und ich meine hier Männer wie Frauen -, die nur "auf das eine aus sind", wenig hilfreich sind für die Enstehung eines Stammes und im großen und ganzen die Entwicklung nur aufhalten. Dies sage ich, der ich Sexualität über alles liebe und überzeugter Anhänger des Polyamory – Lebensstiles bin. Ich sage nochmals deutlich, daß das Anliegen dieser Menschen ehrbar – ja ehrbar – und berechtigt ist und sie das Recht haben sollen, ihr Anliegen und ihren Lebensstil zu leben. Es ist nur die Frage, ob es unser Ziel und unsere Aufgabe ist, dem Bedürfnis dieser Menschen nach promisken Lebensstil bevorzugt Raum zu verschaffen. Ob es unsere Aufgabe ist, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ein Grunddefizit des promisken Lebensstiles, das mit diesem untrennbar verbunden ist, durch Rituale zu kaschieren. Ob es unsere Aufgabe und unser Ziel ist, den promisken Lebensstil als Universalalternative  für eine Welt der Zukunft zu propagieren und die ideologischen Versatzstücke, die die ZEGG – Enthusiasten im Rüstzeug führen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen und die der anderen zu verurteilen, einfach nachzuplappern.

   25.Noch einige Ausführungen zu dem, was ich "Buhl – Atmosphäre" genannt habe. Ich habe darüber viel nachdenken und nachfühlen müssen und ich bin gern bereit, das alles zu offenbaren. Ich sprach früher von der "Attraktionsebene" und wurde dafür von einer engen Freundin heftig kritisiert mit dem Tenor, was ich denn gegen Attraktivität einzuwenden hätte. Natürlich habe ich nichts gegen Attraktivität einzuwenden, aber es ist sinnvoll, diesen Begriff etwas zu beleuchten. Attraktivität bedeutet nach landläufigem Verständnis Anziehungskraft, und erotische Attraktivität im besonderen die Anziehungskraft auf das andere Geschlecht. Im ZEGG konnte ich beobachten, daß die meisten Menschen Probleme mit ihrer Attraktivität haben. Das ist nichts neues, bekanntlich haben die Supermodels der Welt die größten Probleme mit ihrer Attraktivität, da sich dieser Faktor sofort auch in Geldwert umschlägt. Als Attraktivitätsebene bezeichnete ich in der Vergangenheit die Ebene, die von äußeren Faktoren wie Aussehen oder Verhalten beschäftigt. Da promisker Sex nicht auf Vertrautheit, sondern auf Fremdheit oder sogar Anonymität beruht, ist es nicht verwunderlich, daß hier die sogenannte Attraktivität eine sehr große Rolle spielt, ist doch Attraktivität der entscheidende Faktor unter diesen Umständen, ob mensch mit jemandem in die Kiste springt oder nicht. Andererseits ist es auch in bestehenden Beziehungen zweifellos sinnvoll, für den Partner attraktiv zu sein. Das zugrundeliegende Problem ist meines Erachtens auch nicht die Attraktivität, sondern der Umgang mit Attraktivität. Attraktivität kann ein Vehikel sein, um sich im sexuell-erotischen Wettstreit Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen, Attraktivität kann aber auch ein Geschenk eines Menschen an seine Liebespartner sein. Mindestens im zweiten Falle ist selbst beim besten Willen nichts gegen Attraktivität zu sagen.

   26.Mit "Buhl – Atmosphäre" meine ich eine Szenerie des Verdrängungswettbewerbs, bei dem Männer darum konkurrieren, die attraktivste Frau "zu kriegen" und Frauen darum, den attraktivsten Mann "zu kriegen". Ich behaupte sicher nichts falsches, wenn ich vermerke, daß die Protzerei in diesen Dingen im ZEGG – Umfeld relativ verbreitet ist. Vorderhand wird noch niemand direkt verletzt dadurch, aber die Grenze ist fließend. Schlafe mit einer Frau/einem Mann, in den/die jemand anders verliebt ist, aber nicht zusammen, und protze mit deiner Errungenschaft, und schon ist die Verletzung da. Oder: protze mit deiner Fähigkeit, einen besonders attraktiven Menschen des anderen Geschlechtes in die Kiste zu ziehen und qualifiziere andere Andersgeschlechtliche als "unattraktiv" ab, und du wirst eine Menge Freunde haben. Zwar wissen wir alle, daß Attraktivität sich nur in Grenzen objektivieren läßt. Jeder Mensch empfindet Menschen, die er liebt als schön und es ist sicher richtig, daß liebende Menschen tendenziell auch als schön erlebt werden. Doch bei der von mir so bezeichneten "Buhl-Atmosphäre" handelt es sich um etwas anderes. Es geht eigentlich nicht um Attraktivität, sondern es geht um Übervorteilung von Geschlechtsgenoss/inn/en beim Kampf um die knappe Ressource Sex und/oder Verliebtheit der anderen. Wahre Liebe indessen ist nie die Liebe der anderen, sondern immer die Liebe, die mensch selbst lebt und empfindet, und das ist meines Erachtens das Gegenteil von "buhlen", das heißt im erotischen Kampf die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen und seine egomanen Punkte zu sammeln. Ich weiß, daß die ZEGG – Begründer etwas anderes unter dem Begriff "freie Liebe" verstanden, aber es ist auch wahr, daß in der ZEGG – Szenerie der erotische Konkurrenzkampf zunächst in verschärfter und unverhohlener Form auftritt. Nicht umsonst fielen schon Äußerungen wie "der und der bemühte sich um die oder die und ich habe sie aber gekriegt" etc. Eine solche Szenerie ist es auch, die Menschen mit konventionellen Moralvorstellungen polygame Beziehungsstrukturen fürchten läßt, denn es sind letztlich solche lieblosen Verhältnisse, die sie unbewußt fürchten.

   27.Es geht mir ausdrücklich nicht darum, mich etwa von ZEGG oder Tamera zu distanzieren. Wir haben als Etxekoak den Kampf gegen die Pogromisten von Ökolinx nicht umsonst geführt mit der Forderung, dem ZEGG, Tamera und den beiden "Gurus" Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Mir ist bewußt, daß das ZEGG und Tamera sich auch nicht anhand von Einzelereignissen, Einzelerlebnissen und aus dem Zusammenhang gelösten Textstellen beurteilen läßt. Ich betrachte das ZEGG nach wie vor als eine befreundete Gemeinschaft. Aber eine wichtige Entwicklung unserer Gruppe bestand darin, vom Status einer MEIGA – Gruppe (d.h. einer Gruppe von Anhängern Dieter Duhms /Sabine Lichtenfels /ZEGG/Tamera) uns zu lösen und zu eigenen gemeinsamen Auffassungen und Werten zu finden. ZEGG – nahe Auffassungen haben ein ausdrückliches Recht, in unseren Reihen vertreten und geäußert zu werden. Aber selbst im Sinne des ZEGG (das sich nach eigenen Aussagen auch keine "ZEGG-Gruppen" wünscht, sondern weitere entstehende Gemeinschaften) ist es wenig hilfreich, ZEGG – Assessoires in Meinung und Handlung einfach zu kopieren. Und den promisken Lebenstil einseitig als erstrebten Lebenstil zu propagieren wäre meines Erachtens ein Fehler, der aus Unachtsamkeit entsteht. Selbst im ZEGG leben nicht nur Anhänger des promisken Lebensstiles. Der promiske Lebensstil ist meines Erachtens nur für eine Minderheit von Menschen geeignet, ihn generell zu empfehlen ist meines Erachtens nicht verantwortlich, ebenso wenig verantwortlich wie das Postulat der Unauflöslichkeit der Ehe durch den Vatikan.

   28.Eine wichtige Aufgabe der Zukunftsforschung besteht meines Erachtens darin,. Lebensstile in ihrem jeweiligen Wert zu erfassen, die freiwillige und verantwortliche Entscheidung der Menschen für einen Lebensstil zu unterstützen und Hilfestellungen zu geben, den jeweiligen Lebenstil sinnvoll für alle Beteiligten zu leben. Da ich mich zum Polyamory – Lebensstil bekenne, besteht mein Interesse darin, mit Gleichgesinnten in Kommunikation zu treten, um diesen Lebensstil sinnvoll zu gestalten. Es ist für mich Zeitverschwendung, über Defizite eines Lebenstiles mir den Kopf zu zerbrechen, der ohnehin nicht der meine ist und an dessen Kultivierung von meiner Seite kein persönliches Bedürfnis besteht. Ich vermeide es, mit unvertrauten Menschen sexuelle Beziehungen einzugehen – auch wenn ich es auch schon getan habe – und ich möchte meine Anstrengungen darauf konzentrieren, vertrauten Menschen die Sicherheit zu geben mit mir in Beziehung ohne Gefahr von Verletzung und Entehrung zu treten. Meinem polyamorischen Lebenstil entspricht es im übrigen auch, lieber auf eine Möglichkeit zum sexuellen Kontakt zu verzichten als die Gefahr einzugehen, vertraute Menschen dadurch zu verletzen, von den unvertrauten ganz zu schweigen. Und wenn ich von diesem Postulat in der Vergangenheit schon abgewichen bin, so hoffe ich, daraus gelernt zu haben.

R. Raven