Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Überwindung des globalen Kapitalismus durch die Gründung von intentionalen Gemeinschaften?

Von Roland Raven, erschienen in der NHZ Nr.5, Dezember 2002

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In der Tat, das wäre naiv. Wir gehen nicht davon aus, durch die Gründung noch so zahlreicher Gemeinschaften die heutige Weltordnung schrittweise überwinden oder aus den Angeln heben zu können. Die Überwindung der ungerechten und ausbeuterischen Weltordnung kann nur durch gemeinsame Anstrengung zumindestens der produktiven Teile der Gesellschaft erfolgen. Das ist eine politische Aufgabe von gewaltiger Größenordnung, die wir (Nemeter) alleine ohnehin nicht leisten können. Jedoch sind wir der Überzeugung, daß wie immer auch eine lebenswerte Zukunftsgesellschaft erreicht werden wird, diese im wesentlichen aus Netzen kommunitärer Gemeinschaften bestehen wird. Eine Gesellschaftsordnung kann erst durch eine neue abgelöst werden, wenn alle Elemente der neuen Ordnung zumindestens keimhaft im Schoße der alten herausgebildet sind. Hierzu zählt auch, daß Formen und Methoden kommunitären Lebens und Arbeitens auch erforscht und erprobt sein müssen, ehe die ganze Weltzivilisation zu ihnen übergehen können. In der Tat bezweifeln wir, daß es auf die ferne Zukunft vertagt werden kann, kommunitäre Systeme zu entwickeln und zu erproben. Gerade die sozialistische Bewegung krankte nicht unbeträchtlich auch daran, daß sie nur die politische Machtergreifung im Auge hatte und die Fragen nach der Gestaltung der Übergangsgesellschaft in eine dunkle Zukunft verschob. Ein extremes Beispiel ist die russische Revolution 1917. Die Revolutionäre von 1917 mußten angesichts ihrer Isolierung von den industriellen Zentren Europas und Nordamerikas in einem äußerst rückständigen Land auf kapitalistische Zwangsmethoden in Wirtschaft und Politik zurückgreifen, die sich rasch verselbständigten und das totalitäre und menschenverachtende System des Stalinismus hervorbrachten. Der Gegensatz zwischen dem Stalinismus (sogenannter "Kommunismus") und dem kapitalistischen Westen prägte lange das Weltgeschehen, bis der Zusammenbruch dieser Zwangssysteme das Scheitern sozialistischer Zukunftsperspektiven zu beweisen schien. Es gab Komiker unter prokapitalistischen Publizisten und Wissenschaftlern, die sogar von einem "Ende der Geschichte" sprachen. Jedoch bleibt es eine Tatsache, daß die Menschen nur dann bereit sein werden, für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen, wenn sie zumindestens die Umrisse und Strukturen einer neuen gerechteren Weltordnung in Wirtschaft und Politik sich vorstellen und erfassen können. Um ein historisches Beispiel zu nennen: Die mittelalterliche Feudalgesellschaft wurde immer wieder durch Bauern- und Stadtbürgeraufstände erschüttert, aber sie fiel endgültig (im Rahmen revolutionärer politischer Umwälzungen), als die neue bürgerliche (also kapitalistische) Gesellschaft bereits voll entwickelt war. Erst nachdem Industrieproduktion, Eisenbahn, moderne Maschinerie, Presse, Parlamentarismus, d.h. alle Elemente einer nachfeudalen Gesellschaft voll entwickelt waren, fiel die Feudalgesellschaft mit absoluter Monarchie, Leibeigenschaft und Grundherrschaft unter den Wogen der politischen Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Solange also nicht alle Elemente einer nachkapitalistischen Gesellschaft auf allen relevanten Ebenen (Ökonomie, Kultur, Politik, Wissenschaft, Technik) voll entwickelt sind, so lange gibt es auch keine Chance zur Überwindung des bestehenden Systems, und dies um so mehr, als eine nachkapitalistische Gesellschaft die kapitalistische in allen ihren Errungenschaften übertreffen muß.

Natürlich beantwortet das alles noch nicht die Fragen, in welchen konkreten Schritten revolutionärer oder evolutionärer Form die ungerechte kapitalistische Weltordnung überwunden werden kann. Diese Fragen bedürfen im Zeitalter der kapitalistischen Globalisierung auch einer weltweiten Antwort unter Beteiligung sehr vieler Menschen, idealerweise der Mehrheit der Weltbevölkerung. Wir können und wollen aber nicht warten mit konkreten Schritten zur Umgestaltung des Alltagslebens, bis eine weltweite politische Bewegung sich abzeichnet, so sehr wir das auch wünschen. Ein guter Leitsatz der Ökologiebewegung ist der Terminus: "Global denken, lokal handeln". Das eine geht nicht ohne das andere. In diesem Zusammenhang sehen wir das Projekt Nemetien. Wir legen die Grundsteine für eine Zukunftsgesellschaft, als Modelle und als konkret gewordene Utopien.

Viele Gemeinschaften haben ideelle Konzepte, die durchaus als reaktionär bezeichnet werden können. Wie soll von dieser Bewegung der Impuls zur Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft ausgehen?

Die sich entfaltende Gemeinschaftsbewegung wird unter Umständen nicht der politische Vorkämpfer der kapitalistischen Gesellschaft sein. Dies können nur die zu politischem Bewußtsein gelangten produktiven Arbeiter der Welt sein, vor allem in den Bereichen der Industrieproduktion und der Informations-technologie. Die Gemeinschaftsbewegung kann aber für eine Zukunftsgesellschaft leisten, die Methoden und Prinzipien zu entwickeln, die für funktionierende kommunitäre Gesellschaften nötig sind. Sie sind ein weiträumiges Experimentierfeld, wo sich zwangsläufig traditionelle ("reaktionäre") und innovative Konzepte mischen und begegnen. Nicht alles, was traditionell ist, muß deshalb schlecht sein. Oft wird von gewissen politischen Sekten den Gemeinschaften angekreidet, daß sie sich mit spirituellen Themen auseinandersetzen, was per se reaktionär sein soll ("Religion ist Opium fürs Volk"). Es ist jedoch aber gerade eine Entdeckung der Gemeinschaftsbewegung, daß Spiritualität eine soziale (d.h. gemeinschaftsbezogene) Funktion ist. Für die kirchlich organisierte Religion gleich welcher Spielart mag es der Fall sein, daß sie im wesentlichen systemstabilisierende Funktion hat, und im kapitalistischen System bedeutet das eben: den Kapitalismus stabilisierend. Aber auch kommunitäre Gemeinschaften stellen kleine Systeme dar, und die gemeinschaftsstabilisierende Wirkung von Spiritualität ist hier auch spürbar. Systemstabilisierende Funktion von Spiritualität, das stimmt also im wesentlichen, aber es kommt eben darauf an, was für ein System stabilisiert wird. Und wenn ein kommunitäres System (eine Gemeinschaft) sich durch Spiritualität stabilisiert, so ist aus meiner Sicht nichts dagegen einzuwenden. Isolierte politische Sekten lieben Schwarzweiß – Denken und so ist es nicht verwunderlich, daß für sie Spiritualität = Religion = prokapitalistisch = schlecht ist. Ihnen fehlt jedoch zum einen der historische Überblick und zum anderen der vorurteilsfreie analytische Verstand (vom erfahrenen Erleben ganz zu schweigen). Auch die klassenlosen "urkommunistischen" Gentilgesellschaften waren spirituell geprägt, entwickelten Riten und Kultur. Es ist letztlich spätkapitalistische Arroganz zu glauben, die Menschen der präantiken Stammeskulturen hätten aus lauter Blödheit heilige Orte eingerichtet und Kräfte der Natur verehrt. Es handelte sich schlichtweg um eine andere Art der Interaktion des Menschen mit der Natur. Dies führte auch teilweise dazu, daß die Kräfte der Natur personifiziert wurden (Götter), ungewohnt für uns, die wir mit dem Leitbild einer nicht greifbaren, unsichtbaren göttlichen Supermacht (christliches Gottesbild) religiös erzogen wurden. Jedenfalls war das ein anderes Verhältnis zur Natur, speziell zur belebten Natur, als der kapitalistische Drang, die Erde und ihre Ressourcen auszubeuten und letztlich zu zerstören, was letztlich ein Nachhall des biblischen Wahns ist: "Macht euch die Erde untertan". Nach unseren heutigen Erkenntnissen hatten die präantiken und antiken Kulturen alle entwickelte spirituelle Ebenen, die gleichwohl nicht durch Dogmen und Buchreligionen geprägt waren, sondern durch Kreativität, Erleben und Intuition (keine festgelegten Götterbilder, oft noch nicht einmal das, sondern philosophisch hochstehende Konzepte wie der frühe Taoismus oder der Buddhismus).

Zurück zu den politischen Sekten, die der Gemeinschaftsbewegung vorhalten, spirituelle Kultur zu entwickeln und überhaupt reaktionär zu sein. "Reaktionär" ist hier meist ein anderer Begriff für "nicht linientreu" gemessen an dem kleinlichen politischen und weltanschaulichen Horizont, den diese Gruppen meist haben. Der Begriff "reaktionär" umschreibt als wissenschaftlich-historischer Begriff eigentlich nur Beharrungskräfte einer überalterten Gesellschaftsordnung (man denke an den Fürsten Metternich, der mit Soldaten und Standrecht meinte, die Entwicklung der Demokratie aufhalten zu können). Die Gemeinschaften insgesamt stellen jedoch im Rahmen der krisenhaften spätkapitalistischen Kultur mit ihren zerbrechenden Sozialstrukturen eine innovative Herausforderung dar, egal auf welche Ideen und Konzepte der Vergangenheit sie experimentell zurückgreifen, sie sind kulturell revolutionär, weil sie nicht nur propagieren, sondern beweisen: "eine andere Welt ist möglich!".

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Stand: 12. Februar 2005