Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Stammesbildung –

was ist das?

von Roland Raven, erschienen in der NHZ Nr.1, März 2000

Zur Definition "Stamm"
Moderne Stämme
Stammesbildung als Organisationsprozeß und Gemeinschaftsbildungsprozeß
Charismatische Persönlichkeiten als Katalysator der Stammesbildung?

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Zur Definition Stamm

Historisch ist der Stamm eine soziale Struktur, die über Jahrtausende und Jahrzehntausende hinweg das Leben der Menschen strukturierte und Identität definierte. Der historische Stamm ist eine Gemeinschaft aus Sippenverbänden, sogenannten Gentes.

Im übertragenen Sinne wird der Begriff Stamm immer wieder für treue, verbindliche Identifikationsgemeinschaften verwendet. So bezeichnen sich Pfadfinderverbände und bündische Gliederungen gern als Stamm. Auch in der Internet – Gemeinde wird von sogenannten Tribes gesprochen. Viele Menschen sind sich einig, daß mit dem Verlust der Stammes – Struktur der Menschheit eine wichtige Struktur verlorengegangen ist. Immer wieder kommt es zu sozusagen unbewußten Stammesbildungen etwa in Form sogenannter Fandoms, Fan – Clubs, Subkulturen etc.

Moderne Stämme

Es fehlt an tragfähigen, allgemein anerkannten Begriffen, die den neuen Typus Gemeinschaft umschreiben könnte, der im Entstehen begriffen ist. Konstanten sind:

- gemeinsamer und gemeinschaftlicher Besitz an Grund und Boden
- gemeinsame Bestrebungen zu alternativen Formen des Wirtschaftens
- gemeinsame Nutzung von Alltagsressourcen

Es genügt nicht, wenn sich Menschen zusammenfinden, die der gemeinsame Wunsch eint, in Gemeinschaft leben zu wollen. Gar zu oft verlaufen solche Projektansätze im Sande, zumal der Start eines Gemeinschaftsprojektes die schwierigste Phase ist. Ich verwende den Begriff Stamm im folgenden als Bezeichnung für eine Gemeinschaft des neuen Typs. Diese Begriffswahl erscheint mir besser als die nebulöse Bezeichnung "Gemeinschaft", die zu allgemein ist und im wesentlichen einen emotionalen Aspekt hat.

Stammesbildung als Organisationsprozeß und Gemeinschaftsbildungs - Prozeß

Gemeinschaftsbildungs heißt Stammesbildung, mithin also Ausbildung einer gemeinsamen Identität, auf der die Gemeinschaft, der Stamm eine tragfähige ideelle Basis erhält. Es ist hier sinnvollerweise zwischen der Ebene Organisation und der Ebene Identitätsgemeinschaft zu unterscheiden. Organisationen haben eine rationale Struktur und rationale Ziele. Gemeinschaften haben emotionale Strukturen und emotionale Symbole und Identifikationsmerkmale. Beide Ebenen sind zur Stammesbildung notwendig, wo eine Ebene wegfällt oder vernachlässigt wird, zerfällt der Gruppenzusammenhang schnell. Also: Stammesbildung heißt für eine Initiativgruppe

- Organisationsausbildung mit rationaler Struktur und rationalen Zielen
- Gemeinschaftbildung mit emotionalen Strukturen, Symbolen und Identifikationsmerkmalen.

Und zwar beides gemeinsam. Die Prozesse der Stammesbildung auf beiden Ebenen müssen natürlich parallel laufen, aber sie haben eine unterschiedliche Kultur. Ist es bei der Organisationsausbildung wichtig, Methoden zu entwickeln, die jeweils besten Lösungen zu entwickeln, so ist das beim Aspekt Gemeinschaftsbildung etwas anderes. Hier ist es müßig, nach den "besten Lösungen" zu suchen, sondern es müssen Identifikationsmerkmale gefunden werden, die von allen Mitgliedern mitgetragen werden. Dies setzt, wie bei der Organisation auch, den Prozess einer Konsensbildung voraus.

Charismatische Persönlichkeiten als Katalysator der Stammesbildung?

Nicht zufällig haben sich die bekanntesten Gemeinschaften der neueren Zeit um sogenannte charismatische Persönlichkeiten herum gebildet, so etwa bei Findhorn, Auroville, ZEGG, Stamm Füssen, Tamera, aber auch bei der ehemaligen AAO. Für viele war das ein Ansatzpunkt von "Kritik", die aber meist an der Sache vorbei ging. Es handelt sich bei kollektiven Identitätsfindungsprozessen im wesentlichen um emotionale Prozesse, über deren Natur oft wenig Klarheit besteht. Natürlich kristallisiert sich der Identitätsfindungsprozeß eines Stammes am einfachsten um eine charismatische Person herum, die die ideelle Gesamtheit des Stammes am besten repräsentiert. Trotzdem bin ich davon überzeugt, daß es auch ohne besondere charismatische Einzelpersönlichkeiten geht, wenn den emotionalen Prozessen in der Stammesbildung von allen Beteiligten genügend Rechnung getragen wird.

Und hier ist zu sagen, daß emotionale Prozesse sich nicht um abstrakte Begriffe, sondern um Symbole und Bilder herum kristallisieren. Diese Prozesse lassen sich aber sehr wohl auch gemeinsam bewußt gestalten und benötigen nicht unbedingt eine charismatische Zentralfigur. Je mehr daran teilhaben und teilnehmen, um so besser.

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Stand: 01. Mai 2006