Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Lösungsweg in eine lebenswerte Zukunft: der Stamm

von Roland Raven, erschienen in der NHZ Nr. 2

"Nur Stämme werden überleben"

Dieser Satz, geprägt von einem Aktivisten der amerikanischen Indianerbewegung, legt gewisse Apokalypse- oder Weltuntergangsszenarios nahe. Doch er muß nicht apokalyptisch verstanden werden. Stabile Gemeinschaften überdauern in aller Regel jedes individuelle Leben. Das ist schon seit alters her so. Nur sind uns Menschen die identifikationsfähigen Gemeinschaften abhanden gekommen, die ein Überdauern individueller Werke überhaupt ermöglichen.

Stabile Organisationen der Jetztzeit zeigen sicherlich ein großes Beharrungsvermögen, denken wir an Staaten, Firmen, Konzerne, Parteien und Verbände. Aber wem können diese Organisation noch so etwas wie eine soziale Heimat gewähren?

Die traditionelle Kleinfamilie ist am Endpunkt der Entwicklung angekommen. Das will nicht heißen, daß es etwa keine Kleinfamilien mehr gäbe. Aber es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die lebenslange ausschließlich monogame Zweierbeziehung auf der Grundlage der Ehe kein allgemeingültiges Modell für die Strukturierung der Primärbeziehungen eines Menschen mehr sein kann. Ein anderes Modell ist vorherrschend geworden: es ist die Lebensabschnittspartner – Kultur, manchmal auch als sequenzielle Monogamie bezeichnet. Beziehungen haben eine mittlere Lebensdauer von 3-7 Jahren. Alleinerziehende mit Kindern und Singles sind eine vorherrschende Existenzform geworden. Zwar spricht man von einer gewissen Renaissance der Ehe, doch ist die Rückbesinnung auf die traditionelle Form oft nur eine Reaktion auf die Hilflosigkeit, mit der Vereinzelung und Atomisierung in unserer heutigen Welt zurechtzukommen.

Vorherrschende Lebensgemeinschaftsmodelle

Vorgestern
Großfamilie, Sippenstrukturen
Gestern
Kleinfamilie (Kernfamilie)
Heute
Alleinerziehende mit Kindern (sogenannte unvollständige Kernfamilie)
Singles
Lebensabschnitts – Paare (temporäre Monogamie mit und ohne Trauschein)
Morgen ?

Individualismus und Atomisierung

Schon viele Gesellschaftswissenschaftler haben den Trend zu einer fortschreitenden Atomisierung in den Lebensgemeinschaftsmodellen festgestellt. Die menschliche Identität reduziert sich im fortschreitenden Maße auf das einzelne Individuum. Letztlich prägt sich hier auch der Individualismus aus, der dieses Jahrhundert im wesentlichen dominierte.

"Jeder ist seines Glückes Schmied"

In diesem Satz, der unbestreitbar viel Wahrheit enthält, kommt letztlich aber auch die Haltung zum Ausdruck, daß jeder Mensch im Grunde sich auf sein eigenes Glücksmodell konzentrieren soll und muß. Autonomie und Unabhängigkeit stehen im Vordergrund.

Nur thesenhaft möchte ich formulieren, daß dieses Paradigma "jeder ist seines (eigenen) Glückes Schmied (und niemand sonst)" am Ende des 20. Jahrhunderts mindestens unzureichend und unbefriedigend ist. Die gesamte menschliche Zivilisation ist so sehr auf Kooperation gegründet, daß es keinen Sinn machen würde, wenn ausgerechnet auf der Ebene der persönlichsten Beziehungen Ellbogenprinzip statt Kooperation dominieren würde.

Neues Paradigma: "Jeder ist des Glückes Schmied, des eigenen und der anderen. Auch andere sind meines Glückes Schmied, und ich der Schmied des Glücks der anderen".

Was ist ein Stamm?

Historisch ist ein Stamm eine Großgemeinschaft aus Sippenverbänden. Diese Sippenverbände, wissenschaftlich als Gens bezeichnet, zeichneten sich durch Erbfolge und Blutsverwandschaft aus. In der Frühgeschichte kann man matrilineare und patrilineare Gentes unterscheiden, wobei die patrilinearen Gentes mit der Entstehung des Patriarchats zusammenhängen.

Kann der historische Stamm ungebrochen unser Vorbild sein? Er kann es nicht ungebrochen sein, denn die Rekonstruktion der Gens erscheint aus vielerlei Gründen weder möglich noch ratsam. Sie ist allein schon deswegen nicht möglich, weil die ursprüngliche Gens stets auch eine Wirtschaftsgemeinschaft und –organisation war. Dies läßt sich unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen kaum noch realisieren. Hinzu kommt, daß die historische Gens auch nie eine Wahlgemeinschaft, sondern stets eine Zwangsgemeinschaft war. Man wurde in sie hineingeboren und konnte sie nicht einfach wechseln.

Neudefinition des Begriffes Stamm

Eines an der historischen Stammesstruktur ist allerdings bedeutsam und bedenkenswert: der Stamm war stets ein Verband aus Primärorganisationen. Als Primärorganisationen bezeichne ich Organisationen, die die Primärbeziehungen eines Menschen strukturieren. Primärbeziehungen eines Menschen sind stets seine Eltern, seine Kinder und seine Liebespartner. Insofern ist die historische Gens ebenso eine Primärorganisation wie in späteren Epochen die Klein- oder Kernfamilie. Wenn die Kinder "aus dem Haus" gehen, wechseln sie in der Regel auch ihre Primärbeziehungen. An die Stelle der Elternbeziehung tritt die Beziehung zu Gleichaltrigen (Peer-Group) und später die zum Liebespartner.

Und wie sieht es heute damit aus? Der Zerfall der letzten Primärorganisation, der Kleinfamilie, läßt die Menschen nach der Pubertät vereinsamt und isoliert zurück. Nur selten gewinnen Freundschaftsbeziehungen eine solche Stabilität und Dauerhaftigkeit, daß sie die verschwundenen Primärorganisationen ersetzen.

Der Stamm war also historisch ein Verband von Primärorganisationen. Diese Auffassung will ich an dieser Stelle übernehmen. Welche Primärorganisationen aber können wir für die Zukunft annehmen oder entwickeln?

Primärorganisationen: primäre Lebensgemeinschaften

Wenn der Stamm in seiner erweiterten Definition (Verband von Primärorganisationen) als lohnende Zukunftsperspektive ins Auge gefaßt werden soll, dann ist auch ein Blick auf die möglichen Elemente eines solchen Stammes zu werfen.

Es ist sinnvoll, die Elemente, also Primärorganisationen, eines Stammes nicht auf ein einziges Modell zu begrenzen, sondern alle möglichen Formen von Primärorganisationen zu nennen und zu betrachten:

Das ist zum einen die trotz der allgemeinen Zerfallserscheinungen resistente Kleinfamilie, die zwar nicht als allgemeingültiges Modell, aber doch als eine konstante Form wohl weiter existieren wird. Wenn auch die lebenslange Monogamie auf der Basis der individuellen Geschlechtsliebe (sogenannte romantische Liebe) statistisch nur von wenigen Paaren zur beiderseitigen Zufriedenheit verwirklicht wird, so kann doch als sicher angenommen werden, daß es immer wieder Paare gab, gibt und geben wird, die diese Form wünschen und sinnvoll leben wollen und können. Hier läßt sich natürlich mit ein wenig Schematismus zwischen offenen und geschlossenen Ehen unterscheiden, was aber für unsere Betrachtung außer Belang bleibt.
Da sind neue erweiterte Formen der klassischen Ehe, die ich als Gruppenehe bezeichnen möchte. Speziell in den USA findet dieses Modell in der Polyamoristenbewegung zunehmend Anklang. Für die Gruppenehe läßt sich sagen, daß alle Kriterien der klassischen Ehe wie Treue, Fürsorglichkeit, Verbindlichkeit und Wirtschaftsgemeinschaft für sie weiterhin gelten, nur daß die Ehe zwischen mehr als zwei Personen geschlossen wird. Diese Primärorganisation bietet eine große Vielfalt und ist geeignet, die Vorteile der Kleinfamilie mit der Vermeidung ihrer wichtigsten Nachteile zu verbinden (Stabilität plus Vielfalt).
Als uralte tradierte Form käme auch noch die Großfamilie hinzu, die ihre Resistenz auch immer wieder beweist. Mehrere aufeinanderfolgende blutsverwandte oder angeheiratete Generationen in einem organisatorischen Verband ist ihr Merkmal. Auffällig ist, daß die heutige Kultur auch dieser tradierten Lebensform kaum reale Existenzmöglichkeiten mehr bietet, obwohl sie sich in einzelnen Aspekten (Altenpflege, Kindererziehung) als durchaus leistungsfähig und sinnvoll erweisen kann. Im weitesten Sinne entspricht dieser Typ auch der historischen Form der Gens.
Hinzu käme eine weitere Form, die ich als Gruppenfamilie bezeichne. Hierbei schließen sich mehrere Kleinfamilien zu einer Lebensgemeinschaft zusammen, wobei die Kleinfamilien aber ihre monogame Struktur beibehalten. Diese Organisationsform, die auch schon zunehmend praktiziert wird, ist durchaus in der Lage, die hoffnungslos überlastete Kleinfamilie zumindestens in einigen Schwerpunkt – Problemfeldern zu entlasten: Kinderbeaufsichtigung, zum Teil auch Haushaltsführung.
Schließlich ist noch eine Struktur zu nennen, die ich allgemein als Wohngruppe bezeichnen möchte, klassisch auch als Wohngemeinschaft (WG) bezeichnet. Diese Struktur impliziert keine erotischen oder sexuellen Binnenbeziehungen, sondern ist eine auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft, die auf Freundschaft und Commitment beruht. Zu ihr können Singles und Alleinerziehende, sogar eingebettete Paare zählen. Übergangsformen zu anderen Primärorganisationsmodellen sind natürlich möglich.

Damit wären die möglichen Primärorganisationsmodelle vollständig erfaßt. Jede konkrete Form gehört mehr oder weniger eindeutig dem einen oder anderen hier genannten Typ an. Es werden weder gegenwärtige noch tradierte noch zukünftige Modelle ausgeschlossen. Anything goes.

Merkmale eines Stammes

Mehr thesenhaft als ausführlich möchte ich die Merkmale eines Stammes der Zukunft darstellen. Es handelt sich dabei um die Umreißung eines Zieles, das den Weg für Lösungsmodelle finden hilft:

Merkmale eines Stammes der Zukunft sind:

  1. Gemeinsamer Name und gemeinsame Identität (modern ausgedrückt: sogenannte Corporate Identity)
  2. Klare und eindeutige Elemente, d.h. Primärorganisationen. Diese können unterschiedlichen Typen angehören, sollten aber über eigene Identitäten und Namen verfügen. Die Zugehörigkeiten sind eindeutig, können sich aber ändern durch individuelle Entscheidung.
  3. Gemeinsamer Besitz. Dieser Besitz sollte idealerweise Grundbesitz sein, kann aber auch Besitz von Kapital sein. Der kollektive Besitz von Qualifikation ergibt sich schon aus der Existenz des Stammes selbst.
  4. Gemeinsame Rituale, Riten und Feste. Dieser Punkt kann nicht deutlich genug betont werden. Wenn der Stamm subjektiv erfahrbar das Alltagsleben mit Freude, Lust und Erfüllung zu organisieren weiß, dann kann von einer wirklichen sozialen Heimat gesprochen werden.
  5. Gemeinsame kulturelle, pädagogische, wirtschaftliche und u.u. sogar wissenschaftliche Einrichtungen.
  6. Gemeinsame übergreifende Rechtsform gegenüber der Außenwelt. Davon unbeschadet können einzelne Subsysteme oder Teilsysteme des Stammes über eigene Rechtsformen entlang der jeweiligen Aufgaben und Ziele verfügen.
  7. Koordinierende und kommunizierende zentrale Instanzen. Historisch gab es da Stammesräte, Ältestenräte, etc.
  8. Kooperativ-synergetische Entscheidungsstrukturen, die auf positiver Konsensbildung und effizienten Entscheidungsfindungsmethoden beruhen.
  9. Transprogramming als allgemeine Methode, die darauf beruht, daß alle ihre Ziele in den Verband einbringen können und dürfen und alle allen bei der Zielerreichung helfen. Transparenz als Grundlage von Vertrauensbildung. Problemlösungszyklus als grundlegende Metamethode (Methode, Methoden anzuwenden).
  10. Resultierend aus 8 und 9 folgt daraus stringent eine gemeinsame Ethik und Moral, die naturgemäß mehr eine konsultative als eine restriktive Moral sein sollte.

 

Der Weg zum Ziel

Steht das Ziel erst einmal fest, so findet sich immer ein Lösungsweg, so lautet das Kardinalaxiom (Grundsatz aller Grundsätze) der Problemlösung. So findet sich auch bei näherer Betrachtung, daß keiner der 10 Punkte praktisch schwer zu realisieren ist. Vielmehr kommt es darauf an

Die notwendigen Lösungselemente zu erfassen und zu gliedern
Die notwendigen dazu gehörenden Teilschritte zu ermitteln und richtig anzuordnen
Den Teilschritten entsprechende Zeitplanung zuzuordnen
  1. Gemeinsamer Name und gemeinsame Identität kann im Laufe der nächsten Monate in einem allgemeinen Meinungsbildungsprozeß erarbeitet werden. Der Name sollte symbolisch sein und mit sinnlichen Eindrücken verbunden werden können (das sind immer die besten Namen)
  2. Primärorganisationen können nicht aus dem Boden gestampft werden, sondern müssen sich herausbilden. Aber es ist zweifellos hilfreich, wenn sich gezielt mit dieser Thematik beschäftigt wird, so daß jeder seine Wünsche klären kann und bessere Chancen hat, die ihm gemäße Primärbeziehungsform zu finden.
  3. Gemeinsamer Besitz. Ist eine Frage der Gründung einer geeigneten Rechtsform, optimalerweise eine Genossenschaft, und der Erarbeitung sinnvoller Finanzierungsmodelle. Ab einer gewissen Projektgröße geht erfahrungsgemäß alles ganz leicht.
  4. Gemeinsame Rituale, Riten und Feste. Sollten aus den schon vorhandenen Ansätzen erarbeitet und kultiviert werden. Früh übt sich, was ein Stamm werden will.
  5. Gemeinsame kulturelle, pädagogische, wirtschaftliche und u.U. sogar wissenschaftliche Einrichtungen sind wahrscheinlich schon längst existent, sie brauchen nur sinnvoll in das Projekt eingebracht zu werden.
  6. Gemeinsame übergreifende Rechtsform gegenüber der Außenwelt ist wohl sinnvollerweise eine Genossenschaft.
  7. Koordinierende und kommunizierende zentrale Instanzen können zweifellos schon vorab erprobt und geübt werden.
  8. Kooperativ-synergetische Entscheidungsstrukturen sollten trainiert und allgemein geübt werden. Entsprechende Kurse und Trainings sind eine bloße Organisationsfrage.
  9. Transprogramming ist letztlich ein Sammelbegriff für die Techniken des kooperativ-synergetischen Modells.

Eine gemeinsame Moral entwickelt sich schon so zwangsläufig, daß dieser Punkt kaum einer weiteren Betrachtung HIER bedarf.

 

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Stand: 12. Februar 2005