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| Lösungsweg
in eine lebenswerte Zukunft: der Stamm
von Roland Raven, erschienen in der NHZ Nr. 2 |
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"Nur Stämme werden
überleben"
Dieser Satz, geprägt
von einem Aktivisten der amerikanischen Indianerbewegung, legt gewisse Apokalypse- oder
Weltuntergangsszenarios nahe. Doch er muß nicht apokalyptisch verstanden werden. Stabile
Gemeinschaften überdauern in aller Regel jedes individuelle Leben. Das ist schon seit
alters her so. Nur sind uns Menschen die identifikationsfähigen Gemeinschaften abhanden
gekommen, die ein Überdauern individueller Werke überhaupt ermöglichen.
Stabile Organisationen der Jetztzeit zeigen
sicherlich ein großes Beharrungsvermögen, denken wir an Staaten, Firmen, Konzerne,
Parteien und Verbände. Aber wem können diese Organisation noch so etwas wie eine soziale
Heimat gewähren?
Die traditionelle Kleinfamilie ist am
Endpunkt der Entwicklung angekommen. Das will nicht heißen, daß es etwa keine
Kleinfamilien mehr gäbe. Aber es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die lebenslange
ausschließlich monogame Zweierbeziehung auf der Grundlage der Ehe kein allgemeingültiges
Modell für die Strukturierung der Primärbeziehungen eines Menschen mehr sein kann. Ein
anderes Modell ist vorherrschend geworden: es ist die Lebensabschnittspartner
Kultur, manchmal auch als sequenzielle Monogamie bezeichnet. Beziehungen haben eine
mittlere Lebensdauer von 3-7 Jahren. Alleinerziehende mit Kindern und Singles sind eine
vorherrschende Existenzform geworden. Zwar spricht man von einer gewissen Renaissance der
Ehe, doch ist die Rückbesinnung auf die traditionelle Form oft nur eine Reaktion auf die
Hilflosigkeit, mit der Vereinzelung und Atomisierung in unserer heutigen Welt
zurechtzukommen.
Vorherrschende
Lebensgemeinschaftsmodelle
| Vorgestern |
 | Großfamilie, Sippenstrukturen |
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| Gestern |
 | Kleinfamilie (Kernfamilie) |
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| Heute |
 | Alleinerziehende mit Kindern (sogenannte
unvollständige Kernfamilie) |
 | Singles |
 | Lebensabschnitts Paare (temporäre Monogamie
mit und ohne Trauschein) |
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| Morgen |
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Individualismus und
Atomisierung
Schon viele Gesellschaftswissenschaftler
haben den Trend zu einer fortschreitenden Atomisierung in den Lebensgemeinschaftsmodellen
festgestellt. Die menschliche Identität reduziert sich im fortschreitenden Maße auf das
einzelne Individuum. Letztlich prägt sich hier auch der Individualismus aus, der dieses
Jahrhundert im wesentlichen dominierte.
"Jeder ist seines Glückes Schmied"
In diesem Satz, der unbestreitbar viel
Wahrheit enthält, kommt letztlich aber auch die Haltung zum Ausdruck, daß jeder Mensch
im Grunde sich auf sein eigenes Glücksmodell konzentrieren soll und muß. Autonomie und
Unabhängigkeit stehen im Vordergrund.
Nur thesenhaft möchte ich formulieren, daß
dieses Paradigma "jeder ist seines (eigenen) Glückes Schmied (und niemand sonst)"
am Ende des 20. Jahrhunderts mindestens unzureichend und unbefriedigend ist. Die gesamte
menschliche Zivilisation ist so sehr auf Kooperation gegründet, daß es keinen Sinn
machen würde, wenn ausgerechnet auf der Ebene der persönlichsten Beziehungen
Ellbogenprinzip statt Kooperation dominieren würde.
Neues Paradigma: "Jeder ist des
Glückes Schmied, des eigenen und der anderen. Auch andere sind meines Glückes Schmied,
und ich der Schmied des Glücks der anderen".
Was ist ein Stamm?
Historisch ist ein Stamm eine Großgemeinschaft
aus Sippenverbänden. Diese Sippenverbände, wissenschaftlich als Gens
bezeichnet, zeichneten sich durch Erbfolge und Blutsverwandschaft aus. In der
Frühgeschichte kann man matrilineare und patrilineare Gentes unterscheiden, wobei die
patrilinearen Gentes mit der Entstehung des Patriarchats zusammenhängen.
Kann der historische Stamm ungebrochen unser
Vorbild sein? Er kann es nicht ungebrochen sein, denn die Rekonstruktion der Gens
erscheint aus vielerlei Gründen weder möglich noch ratsam. Sie ist allein schon deswegen
nicht möglich, weil die ursprüngliche Gens stets auch eine Wirtschaftsgemeinschaft und
organisation war. Dies läßt sich unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen
kaum noch realisieren. Hinzu kommt, daß die historische Gens auch nie eine Wahlgemeinschaft,
sondern stets eine Zwangsgemeinschaft war. Man wurde in sie hineingeboren und
konnte sie nicht einfach wechseln.
Neudefinition des Begriffes Stamm
Eines an der historischen Stammesstruktur
ist allerdings bedeutsam und bedenkenswert: der Stamm war stets ein Verband aus
Primärorganisationen. Als Primärorganisationen bezeichne ich Organisationen, die
die Primärbeziehungen eines Menschen strukturieren. Primärbeziehungen eines Menschen
sind stets seine Eltern, seine Kinder und seine Liebespartner. Insofern ist die
historische Gens ebenso eine Primärorganisation wie in späteren Epochen die Klein- oder
Kernfamilie. Wenn die Kinder "aus dem Haus" gehen, wechseln sie in der Regel
auch ihre Primärbeziehungen. An die Stelle der Elternbeziehung tritt die Beziehung zu
Gleichaltrigen (Peer-Group) und später die zum Liebespartner.
Und wie sieht es heute damit aus? Der
Zerfall der letzten Primärorganisation, der Kleinfamilie, läßt die Menschen nach der
Pubertät vereinsamt und isoliert zurück. Nur selten gewinnen Freundschaftsbeziehungen
eine solche Stabilität und Dauerhaftigkeit, daß sie die verschwundenen
Primärorganisationen ersetzen.
Der Stamm war also historisch ein Verband
von Primärorganisationen. Diese Auffassung will ich an dieser Stelle übernehmen. Welche
Primärorganisationen aber können wir für die Zukunft annehmen oder entwickeln?
Primärorganisationen: primäre
Lebensgemeinschaften
Wenn der Stamm in seiner erweiterten
Definition (Verband von Primärorganisationen) als lohnende Zukunftsperspektive ins Auge
gefaßt werden soll, dann ist auch ein Blick auf die möglichen Elemente eines solchen
Stammes zu werfen.
Es ist sinnvoll, die Elemente, also
Primärorganisationen, eines Stammes nicht auf ein einziges Modell zu begrenzen, sondern
alle möglichen Formen von Primärorganisationen zu nennen und zu betrachten:
 | Das ist zum einen die trotz der allgemeinen
Zerfallserscheinungen resistente Kleinfamilie, die zwar nicht als
allgemeingültiges Modell, aber doch als eine konstante Form wohl weiter existieren wird.
Wenn auch die lebenslange Monogamie auf der Basis der individuellen Geschlechtsliebe
(sogenannte romantische Liebe) statistisch nur von wenigen Paaren zur beiderseitigen
Zufriedenheit verwirklicht wird, so kann doch als sicher angenommen werden, daß es immer
wieder Paare gab, gibt und geben wird, die diese Form wünschen und sinnvoll leben wollen
und können. Hier läßt sich natürlich mit ein wenig Schematismus zwischen offenen und
geschlossenen Ehen unterscheiden, was aber für unsere Betrachtung außer Belang bleibt. |
 | Da sind neue erweiterte Formen der klassischen Ehe, die ich
als Gruppenehe bezeichnen möchte. Speziell in den USA findet dieses Modell in der
Polyamoristenbewegung zunehmend Anklang. Für die Gruppenehe läßt sich sagen, daß alle
Kriterien der klassischen Ehe wie Treue, Fürsorglichkeit, Verbindlichkeit und
Wirtschaftsgemeinschaft für sie weiterhin gelten, nur daß die Ehe zwischen mehr als zwei
Personen geschlossen wird. Diese Primärorganisation bietet eine große Vielfalt und ist
geeignet, die Vorteile der Kleinfamilie mit der Vermeidung ihrer wichtigsten Nachteile zu
verbinden (Stabilität plus Vielfalt). |
 | Als uralte tradierte Form käme auch noch die Großfamilie
hinzu, die ihre Resistenz auch immer wieder beweist. Mehrere aufeinanderfolgende
blutsverwandte oder angeheiratete Generationen in einem organisatorischen Verband ist ihr
Merkmal. Auffällig ist, daß die heutige Kultur auch dieser tradierten Lebensform kaum
reale Existenzmöglichkeiten mehr bietet, obwohl sie sich in einzelnen Aspekten
(Altenpflege, Kindererziehung) als durchaus leistungsfähig und sinnvoll erweisen kann. Im
weitesten Sinne entspricht dieser Typ auch der historischen Form der Gens. |
 | Hinzu käme eine weitere Form, die ich als Gruppenfamilie
bezeichne. Hierbei schließen sich mehrere Kleinfamilien zu einer Lebensgemeinschaft
zusammen, wobei die Kleinfamilien aber ihre monogame Struktur beibehalten. Diese
Organisationsform, die auch schon zunehmend praktiziert wird, ist durchaus in der Lage,
die hoffnungslos überlastete Kleinfamilie zumindestens in einigen Schwerpunkt
Problemfeldern zu entlasten: Kinderbeaufsichtigung, zum Teil auch Haushaltsführung. |
 | Schließlich ist noch eine Struktur zu nennen, die ich
allgemein als Wohngruppe bezeichnen möchte, klassisch auch als Wohngemeinschaft
(WG) bezeichnet. Diese Struktur impliziert keine erotischen oder sexuellen
Binnenbeziehungen, sondern ist eine auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft, die auf
Freundschaft und Commitment beruht. Zu ihr können Singles und Alleinerziehende, sogar
eingebettete Paare zählen. Übergangsformen zu anderen Primärorganisationsmodellen sind
natürlich möglich. |
Damit wären die möglichen
Primärorganisationsmodelle vollständig erfaßt. Jede konkrete Form gehört mehr oder
weniger eindeutig dem einen oder anderen hier genannten Typ an. Es werden weder
gegenwärtige noch tradierte noch zukünftige Modelle ausgeschlossen. Anything goes.
Merkmale eines Stammes
Mehr thesenhaft als ausführlich möchte ich die Merkmale
eines Stammes der Zukunft darstellen. Es handelt sich dabei um die Umreißung eines
Zieles, das den Weg für Lösungsmodelle finden hilft:
Merkmale eines Stammes der Zukunft sind:
- Gemeinsamer Name
und gemeinsame Identität (modern
ausgedrückt: sogenannte Corporate Identity)
Klare und eindeutige Elemente, d.h. Primärorganisationen.
Diese können unterschiedlichen Typen angehören, sollten aber über eigene Identitäten
und Namen verfügen. Die Zugehörigkeiten sind eindeutig, können sich aber ändern durch
individuelle Entscheidung.
Gemeinsamer Besitz. Dieser Besitz sollte idealerweise
Grundbesitz sein, kann aber auch Besitz von Kapital sein. Der kollektive Besitz von
Qualifikation ergibt sich schon aus der Existenz des Stammes selbst.
Gemeinsame Rituale, Riten und Feste. Dieser Punkt kann
nicht deutlich genug betont werden. Wenn der Stamm subjektiv erfahrbar das Alltagsleben
mit Freude, Lust und Erfüllung zu organisieren weiß, dann kann von einer wirklichen
sozialen Heimat gesprochen werden.
Gemeinsame kulturelle, pädagogische, wirtschaftliche und
u.u. sogar wissenschaftliche Einrichtungen.
Gemeinsame übergreifende Rechtsform gegenüber der
Außenwelt. Davon unbeschadet können einzelne Subsysteme oder Teilsysteme des Stammes
über eigene Rechtsformen entlang der jeweiligen Aufgaben und Ziele verfügen.
Koordinierende und kommunizierende zentrale Instanzen.
Historisch gab es da Stammesräte, Ältestenräte, etc.
Kooperativ-synergetische Entscheidungsstrukturen, die auf
positiver Konsensbildung und effizienten Entscheidungsfindungsmethoden beruhen.
Transprogramming als allgemeine Methode, die darauf
beruht, daß alle ihre Ziele in den Verband einbringen können und dürfen und alle allen
bei der Zielerreichung helfen. Transparenz als Grundlage von Vertrauensbildung.
Problemlösungszyklus als grundlegende Metamethode (Methode, Methoden anzuwenden).
Resultierend aus 8 und 9 folgt daraus stringent eine gemeinsame
Ethik und Moral, die naturgemäß mehr eine konsultative als eine restriktive Moral
sein sollte.
Der Weg zum Ziel
Steht das Ziel erst einmal fest, so findet
sich immer ein Lösungsweg, so lautet das Kardinalaxiom (Grundsatz aller Grundsätze)
der Problemlösung. So findet sich auch bei näherer Betrachtung, daß keiner der 10
Punkte praktisch schwer zu realisieren ist. Vielmehr kommt es darauf an
 | Die notwendigen Lösungselemente zu erfassen und zu gliedern |
 | Die notwendigen dazu gehörenden Teilschritte zu ermitteln
und richtig anzuordnen |
 | Den Teilschritten entsprechende Zeitplanung zuzuordnen |
- Gemeinsamer Name und gemeinsame Identität kann im Laufe der
nächsten Monate in einem allgemeinen Meinungsbildungsprozeß erarbeitet werden. Der Name
sollte symbolisch sein und mit sinnlichen Eindrücken verbunden werden können (das sind
immer die besten Namen)
- Primärorganisationen können nicht aus dem Boden gestampft
werden, sondern müssen sich herausbilden. Aber es ist zweifellos hilfreich, wenn sich
gezielt mit dieser Thematik beschäftigt wird, so daß jeder seine Wünsche klären kann
und bessere Chancen hat, die ihm gemäße Primärbeziehungsform zu finden.
- Gemeinsamer Besitz. Ist eine Frage der Gründung einer
geeigneten Rechtsform, optimalerweise eine Genossenschaft, und der Erarbeitung sinnvoller
Finanzierungsmodelle. Ab einer gewissen Projektgröße geht erfahrungsgemäß alles ganz
leicht.
- Gemeinsame Rituale, Riten und Feste. Sollten aus den schon
vorhandenen Ansätzen erarbeitet und kultiviert werden. Früh übt sich, was ein Stamm
werden will.
- Gemeinsame kulturelle, pädagogische, wirtschaftliche und
u.U. sogar wissenschaftliche Einrichtungen sind wahrscheinlich schon längst existent, sie
brauchen nur sinnvoll in das Projekt eingebracht zu werden.
- Gemeinsame übergreifende Rechtsform gegenüber der
Außenwelt ist wohl sinnvollerweise eine Genossenschaft.
- Koordinierende und kommunizierende zentrale Instanzen können
zweifellos schon vorab erprobt und geübt werden.
- Kooperativ-synergetische Entscheidungsstrukturen sollten
trainiert und allgemein geübt werden. Entsprechende Kurse und Trainings sind eine bloße
Organisationsfrage.
- Transprogramming ist letztlich ein Sammelbegriff für die
Techniken des kooperativ-synergetischen Modells.
Eine gemeinsame Moral entwickelt sich schon so
zwangsläufig, daß dieser Punkt kaum einer weiteren Betrachtung HIER bedarf.
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