Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Ist ein autonomer Staat Nemetien in der Europäischen Gemeinschaft denkbar?

von R. Raven, aus der NHZ Nr. 1, März 2000

Natürlich ist er denkbar. Fast alle heute existierenden Staaten verdanken ihre Existenz den Imperialismen der Geschichte. Zumindest für die großen Staaten trifft dies ausnahmslos zu. In Frankreich, England und Spanien ringen die nationalen Minoritäten um die Selbständigkeit, so z.B. die Basken, die Katalanen, die Bretonen, die Schotten, die Waliser etc. In Deutschland ist die nationale Frage eine sehr neuralgische Frage, wurden doch unter der Fahne des deutschen Nationalismus zwei Weltkriege angezettelt. Die relativ späte Bildung dessen, was deutsche Nation genannt wurde, führte dazu, daß vergessen wurde, was eine Nation ausmacht. Deutschland war keine Nation auf der Grundlage der Freiwilligkeit und des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Sowohl das erste, als auch das zweite Reich gingen aus militärischen Eroberungen hervor. Es gibt indessen mehrere kleine Staaten, die sehr wohl dem deutschen Sprachkulturkreis angehören: die Schweiz, Österreich, Luxemburg und Liechtenstein. Von diesen Staaten ging noch nie ein Krieg aus.

Belgien ging aus der Abspaltung der südlichen Niederlande vom restlichen Holland hervor, als Staatsname wurde der Name eines alten keltischen Volksstammes gewählt, die Belger. Warum sollte dies nicht bei Nemetien auch möglich sein?

Bis heute wird der Begriff Nation in unserem Sprachgebrauch als schicksalhafte Zugehörigkeit verstanden, die durch gemeinsame Sprache, Kultur und genetische Volkszugehörigkeit definiert ist. Angeblich wären die großen Nationen auch aus einem kontinuierlichen Prozeß der Herausbildung einer einheitlichen Struktur von völkisch-genetischer Abstammung, Sprache und gemeinsamer Ökonomie entstanden. Das ist nur zu einem geringen Teil richtig. Die großen "Nationen" verdanken ihre Entstehung historischen Zufällen, die mit der Entstehung großräumiger feudaler Reiche zusammenhingen. So entstand Frankreich aus der Zerstörung der großen okzitanischen Kultur durch Papsttum und französischem Absolutismus. Der spanische Staat verdankt seine Existenz der Unterdrückung der Basken, der Katalanen, der Andalusier, der Galicier und der Aragonier. Die Völker selbst haben wenig zu entscheiden gehabt.

Dies trifft auch auf Deutschland zu. Das militärische Gewicht der preußischen Militärstaates war so groß, daß Deutschland bis heute preußisch geprägt ist. Die Identität einer nordeutschen Region, die durch sprachliche und kulturelle Traditionen durchaus möglich gewesen wäre, kam nie zum Zuge. Die ökonomische Macht des Nordens wurde zerstört, die aus dem Altsächsischen hervorgegangene Sprache fristet heute als "Plattdeutsch" eine Randexistenz. Eine bayrische Identität kommt bis heute -nur verzerrt- in Gestalt der rechten Sonderpartei CSU zum Tragen, obwohl Bayern im 19. Jahrhundert der Hort des Liberalismus und der Freisinnigkeit war.

Ein Modell für eine autonome staats- und völkerrechtliche Einheit Nemetien in Europa könnte die Geschichte der Schweiz sein. Die Schweiz entstand aus einem Zusammenschluß von Landschaften, sogenannten Kantonen, die nicht gewillt waren, sich einer der großen Mächte jener Zeit zu unterwerfen. Im Laufe der Schweizer Geschichte traten mehr und mehr weitere freie Kantone der Schweiz bei. Die Schweiz ist auch ein Modellfall, wo unterschiedliche Sprach- und Kulturgebiete sich zu einer Nation zusammenfanden. Ein autonomes Nemetien wäre sehr wohl als freiwilliger Zusammenschluß von freien Kantonen, im Kern der Pfalz, der Kurpfalz, Baden und Nordelsaß denkbar. Nemetien wäre die endgültige Überwindung des deutsch-französischen Gegensatz und ein Ende der tragischen Geschichte der beteiligten Landschaften.

Ein aus Regionen zusammengesetztes Europa wäre ein friedfertiges Europa. Unser Eintreten für ein Freies Nemetien ist von daher in keiner Weise eine Abgrenzung von anderen Völkern und Regionen. Eingrenzung ist nicht Abgrenzung. Ein freies Europa kann nur aus freien Regionen bestehen. Die Grenzen sind gefallen und wir werden keine neuen errichten wollen, im Gegenteil wollen wir die Grenzen öffnen, die die Völker der großen Nationalstaaten von ihrer Selbstbestimmung trennen. In diesem Sinne sind wir einig mit den Aktivisten aus dem Baskenland, aus Katalonien, aus Savoyen, aus der Bretagne, aus Schottland und Wales, aus Andalusien und aus Okzitanien.

Für ein Europa der freien Regionalstaaten!

Für ein autonomes Nemetien!

 

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Stand: 12. Februar 2005