Natürlich ist er denkbar. Fast alle heute
existierenden Staaten verdanken ihre Existenz den Imperialismen der Geschichte. Zumindest
für die großen Staaten trifft dies ausnahmslos zu. In Frankreich, England und Spanien
ringen die nationalen Minoritäten um die Selbständigkeit, so z.B. die Basken, die
Katalanen, die Bretonen, die Schotten, die Waliser etc. In Deutschland ist die nationale
Frage eine sehr neuralgische Frage, wurden doch unter der Fahne des deutschen
Nationalismus zwei Weltkriege angezettelt. Die relativ späte Bildung dessen, was deutsche
Nation genannt wurde, führte dazu, daß vergessen wurde, was eine Nation ausmacht.
Deutschland war keine Nation auf der Grundlage der Freiwilligkeit und des
Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Sowohl das erste, als auch das zweite Reich gingen
aus militärischen Eroberungen hervor. Es gibt indessen mehrere kleine Staaten, die sehr
wohl dem deutschen Sprachkulturkreis angehören: die Schweiz, Österreich, Luxemburg und
Liechtenstein. Von diesen Staaten ging noch nie ein Krieg aus.
Belgien ging aus der Abspaltung der
südlichen Niederlande vom restlichen Holland hervor, als Staatsname wurde der Name eines
alten keltischen Volksstammes gewählt, die Belger. Warum sollte dies nicht bei Nemetien
auch möglich sein?
Bis heute wird der Begriff Nation in unserem
Sprachgebrauch als schicksalhafte Zugehörigkeit verstanden, die durch gemeinsame Sprache,
Kultur und genetische Volkszugehörigkeit definiert ist. Angeblich wären die großen
Nationen auch aus einem kontinuierlichen Prozeß der Herausbildung einer einheitlichen
Struktur von völkisch-genetischer Abstammung, Sprache und gemeinsamer Ökonomie
entstanden. Das ist nur zu einem geringen Teil richtig. Die großen "Nationen"
verdanken ihre Entstehung historischen Zufällen, die mit der Entstehung großräumiger
feudaler Reiche zusammenhingen. So entstand Frankreich aus der Zerstörung der großen
okzitanischen Kultur durch Papsttum und französischem Absolutismus. Der spanische Staat
verdankt seine Existenz der Unterdrückung der Basken, der Katalanen, der Andalusier, der
Galicier und der Aragonier. Die Völker selbst haben wenig zu entscheiden gehabt.
Dies trifft auch auf Deutschland zu. Das
militärische Gewicht der preußischen Militärstaates war so groß, daß Deutschland bis
heute preußisch geprägt ist. Die Identität einer nordeutschen Region, die durch
sprachliche und kulturelle Traditionen durchaus möglich gewesen wäre, kam nie zum Zuge.
Die ökonomische Macht des Nordens wurde zerstört, die aus dem Altsächsischen
hervorgegangene Sprache fristet heute als "Plattdeutsch" eine Randexistenz. Eine
bayrische Identität kommt bis heute -nur verzerrt- in Gestalt der rechten Sonderpartei
CSU zum Tragen, obwohl Bayern im 19. Jahrhundert der Hort des Liberalismus und der
Freisinnigkeit war.
Ein Modell für eine autonome staats- und
völkerrechtliche Einheit Nemetien in Europa könnte die Geschichte der Schweiz sein. Die
Schweiz entstand aus einem Zusammenschluß von Landschaften, sogenannten Kantonen, die
nicht gewillt waren, sich einer der großen Mächte jener Zeit zu unterwerfen. Im Laufe
der Schweizer Geschichte traten mehr und mehr weitere freie Kantone der Schweiz bei. Die
Schweiz ist auch ein Modellfall, wo unterschiedliche Sprach- und Kulturgebiete sich zu
einer Nation zusammenfanden. Ein autonomes Nemetien wäre sehr wohl als freiwilliger
Zusammenschluß von freien Kantonen, im Kern der Pfalz, der Kurpfalz, Baden und Nordelsaß
denkbar. Nemetien wäre die endgültige Überwindung des deutsch-französischen Gegensatz
und ein Ende der tragischen Geschichte der beteiligten Landschaften.
Ein aus Regionen zusammengesetztes Europa
wäre ein friedfertiges Europa. Unser Eintreten für ein Freies Nemetien ist von daher in
keiner Weise eine Abgrenzung von anderen Völkern und Regionen. Eingrenzung ist nicht
Abgrenzung. Ein freies Europa kann nur aus freien Regionen bestehen. Die Grenzen sind
gefallen und wir werden keine neuen errichten wollen, im Gegenteil wollen wir die Grenzen
öffnen, die die Völker der großen Nationalstaaten von ihrer Selbstbestimmung trennen.
In diesem Sinne sind wir einig mit den Aktivisten aus dem Baskenland, aus Katalonien, aus
Savoyen, aus der Bretagne, aus Schottland und Wales, aus Andalusien und aus Okzitanien.