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In verschiedenen Texten und auch Gesprächen
der letzten Monate verwendete ich immer wieder das Stichwort "vorwurfsorientierte
Kommunikation". Natürlich gab es konkrete Anlässe dazu, die aber nicht Gegenstand
und Thema dieses Textes sind. Mich hat die eingehende Beobachtung des Stammes der Likatier
zu der Ansicht gebracht, dass es sich bei dem Phänomen "vorwurfsorientierte
Kommunikation" um ein allgemeines Phänomen handelt, das unsere Alltagskultur, und
insbesondere die spätkapitalistische Beziehungskultur kennzeichnet. Das weitgehende
Fehlen vorwurfsorientierter Kommunikation zumindest im Stammeskern der Likatier erwies
sich aus meiner Sicht als ein unbedingter Erfolgsfaktor. Im Gegensatz dazu erscheint mir
vorwurfsorientierte Kommunikation in der Rückschau als Ursache des Zerfalls vieler
Gruppen und Freundeskreise, ja selbst politischer Parteien, Verbände etc.
Ich habe nun in diesem Aufsatz den Begriff
"vorwurfsorientiert" durch "nötigungsorientiert" ausgetauscht, um den
zugrunde liegenden Sachverhalt noch stärker zu verdeutlichen. Es handelt sich noch nicht
einmal um eine Übertreibung, wie die Betrachtung des Begriffs "Nötigung"
zeigen wird.
Alle Menschen müssen in ihrem gesamten
Leben mit anderen Menschen interagieren (in Wechselwirkung stehen), und das wirft das
Problem des freien Willens auf. Vor allem die so genannte private Kommunikation in unserer
Kultur, die ich als spätkapitalistische Kultur bezeichnen möchte, zeichnet sich noch
immer durch die starke Tendenz aus, den eigenen Willen gegen andere
"durchsetzen" zu wollen. In dieser Feinstruktur unserer Kultur wirkt sich noch
immer eine jahrtausendealte Tradition dominatorischer Machtstrukturen aus. Wer wie ich der
Auffassung ist, dass der Übergang der Menschheit zu einer höheren, auf
Gemeinschaftsleben ausgerichteten Kultur ansteht, der wird sich mit diesem Thema
beschäftigen müssen.
Vorwurfsorientierte Kommunikation ist, wie die
Wortbedeutung schon sagt, eine Kommunikationskultur, die den Vorwurf als wesentliches und
durchgängiges Kommunikationselement auffasst. Um einen Eindruck von der Bedeutung dieses
Phänomens zu bekommen, rate ich dem Leser einfach nur, das Titelblatt einer beliebigen
Tageszeitung aufzuschlagen und die politischen Nachrichten durchzusehen. Wie viele
Vorwürfe werden dort vorgetragen und zitiert? Es geht hier wohlgemerkt nicht um Inhalte,
es geht auch nicht darum, ob und welche Vorwürfe gerechtfertigt sind und welche nicht. Es
geht nur um die bloße Zählung des Vorwurfs als Kommunikationselement, zuzüglich aller
Vorkommen der Kommunikationselemente Tadel, Schuldzuweisung, Drohung und Abwertung.
Dann, lieber Leser, überprüfe bitte das Kommunikationsverhalten an deinem Arbeitsplatz,
in deinem Freundeskreis, in den Beziehungen um dich herum. Wie stark ist das
Kommunikationsgeschehen von den Elementen Vorwurf, Tadel, Schuldzuweisung, Drohung,
Abwertung beherrscht?
Jeder Mensch weiß, dass es angenehmere und unangenehmere "menschliche
Umgebungen" gibt. Bei näherem Hinsehen wird sich stets finden, dass die Häufigkeit
dieser Kommunikationselemente proportional ist mit dem Maß, wie man eine menschliche
Umgebung als "unangenehm" empfindet. Es ist wichtig, diese Ebene völlig abseits
und völlig unabhängig von jedem Sachinhalt zu sehen, sondern rein energetisch gleichwie
auf einer atomaren oder molekularen Ebene, wo es auch Anziehungskräfte und
Abstoßungskräfte gibt. Wo die Anziehungskräfte überwiegen, da bilden sich große
Moleküle, wo sie unterliegen, da herrscht Verfall und buchstäblich
"Atomisierung". Nicht anders ist es bei den Wechselbeziehungen zwischen
Menschen. Vorwurfsorientierte Kommunikation zählt zu den wichtigsten Abstoßungskräften
der menschlichen Moleküle.
Was sind Anziehungskräfte? Das ist ein anderes Thema.
Als Vorwurf definiere ich hier eine
Kommunikationsstrategie, die auf die gezielte Übertragung bzw. Auslösung schlechter,
also negativer Gefühle in den Kommunikationspartner setzt.
Oder liege ich etwa falsch? Sicher mag sich mancher "Vorwerfende" einreden, sein
Vorwurf geschähe in bester Absticht oder in vollem Recht, doch wer ehrlich ist, der gibt
zu, dass die unterschwellige Absicht eines Vorwurfes immer die ist, negative Gefühle im
Gegenüber auszulösen, er soll sich "getroffen fühlen", weil man ihm "auf
die Zehen getreten" hat, das soll "sitzen" (wie ein Fangschuss), da hat man
"eine reingewürgt", eins "ausgewischt", da muss jemand etwas
"einstecken" (wie einen Messerstich). Die Sprache ist hier sehr verräterisch.
Welches Ziel hat ein Vorwurf? In aller Regel soll er eine Verhaltensänderung
herbeiführen, von der der Anwender dieser Strategie gewöhnlich allen Ernstes annimmt,
dass es sich um eine positive Verhaltensänderung handelt. Dies ist aber nur die
günstigste Form des Vorwurfsverhaltens. Es gibt Vorwurfsverhalten, das nur den Ausbau
einer Machtsituation zum Ziel hat. Und es gibt Vorwurfsverhalten, das gar kein Ziel zu
haben scheint und den Vorwurf als Selbstzweck anzusehen scheint.
Das vorwurfs- und nötigungsorientierter
Kommunikation zugrunde liegende Paradigma könnte mit Nadel und Käfer beschrieben werden.
Mit einer stechenden Nadel wird in diesem Bild ein Käfer gezwungen, in eine bestimmte
Richtung zu krabbeln. Dieses durchaus grausame Bild bringt letztlich zum Ausdruck, worin
die Grundannahme der nötigungsorientierten Kommunikation besteht: durch Schmerz und Zwang
ein anderes Lebewesen zu einer bestimmten Laufrichtung zu zwingen.
Bei einem Käfer scheint das auch zu funktionieren. Nur wenige wissen, dass Insekten kein
Schmerzsinnessystem wie die Wirbeltiere besitzen. Wenn wir den Trick mit der Nadel mit
einer Maus oder einer Katze versuchen, wird etwas anderes passieren: das Tier wird mit
aller Kraft ausreißen und zu entkommen suchen.
Schon lange hat sich eine so genannte
Kommunikationswissenschaft als interdisziplinäre Metawissenschaft etabliert. Es handelt
sich um eine relativ junge Wissenschaft.
Ich möchte aus der Kommunikationswissenschaft nur einen durchaus allgemein bekannten
Sachverhalt zitieren; Kommunikation zwischen Menschen hat immer mehrere Ebenen, nur eine
davon ist die so genannte Sachebene, in der es um sachliche Informationen geht.
Dann gibt es eine ganze Reihe von Kommunikationsebenen.
- die Ebene der Selbstbewertung des "Senders" und seiner Bewertung des
Empfängers
- die Ebene der Bewertung des Kommunikationsinhaltes
- die Ebene der Wahrnehmung von Gefühlen durch den Sender
- die Ebene der Wahrnehmung von Gefühlen durch den Empfänger
Geht man von der Voraussetzung aus, dass Gefühle Wahrnehmung von Energiezuständen ist,
so bedeutet Einfühlungsvermögen die Wahrnehmung von Gefühlen beim Gesprächspartner.
Neben den Sachinhalten werden in jeder zwischenmenschlichen Kommunikation auch
Bewertungsinhalte und Gefühlsinhalte ausgetauscht. Die Kommunikationswissenschaft sagt
sogar, dass das immer und in jeder Kommunikation geschieht.
In meiner Dozentenlaufbahn musste ich immer wieder lernen, dass die Bewertungs- und
Gefühlsinhalte (in dem Fall zwischen Dozent und Teilnehmern) fast immer über Gelingen
oder Misslingen eines Lehrgangs entschied. In der Managementlehre ist immer wieder von
einer "guten" oder "schlechten" Chemie die Rede, und es wird geraten,
bei Verhandlungen, deren positiven Ausgang man anstrebt, für das "positive Laden der
Gefühlsebene" zu sorgen. Vertriebsleute müssen als wichtigstes Handwerkzeug ihres
Fachs immer wieder Einfühlungsvermögen und die Schaffung einer entspannten, positiven
Atmosphäre mit dem Gesprächspartner anwenden.
In der Alltagskommunikation haben derartige Handwerkszeuge gleichwohl noch wenig Eingang
gefunden. Oder wie erklärt sich sonst die ansteigende Zahl von Scheidungen und
Trennungen?
Eine Variante des Vorwurfs ist die Schuldzuweisung.
Der Streit darüber, wer an irgendetwas schuld ist, gibt vielen Konflikten noch eine
zusätzliche verkomplizierende Dimension. "Du bist schuld, dass es mir schlecht
geht!" ist ein typischer Satz, der in einer nötigungsorientierten Kommunikation
fallen könnte. "Schuld" ist hier geradezu ein linguistisches Synonym für den
zu übertragenden Gefühlsinhalt, das so genannte "Schlechte Gewissen" der
Angesprochene soll sich "schuldig" fühlen und durch den inneren Druck seiner
inneren Schuldgefühle zu einem anderen Verhalten gezwungen werden.
Indessen ist der Begriff Schuld in der Kommunikation in freien Beziehungen ohnehin ein
Anachronismus, denn der Begriff Schuld (lat. Culpa) ist eigentlich untrennbar mit dem
Begriff Gesetz (lat. Lex) verbunden. "Sine lege nulla poena" ist ein wichtiger
Grundsatz aus der römischen Rechtslehre, der da lautet "Ohne Gesetz gibt es keine
Schuld". Von daher ist eine "Schuldzuweisung" in freien Beziehungen
eigentlich schon ein völlig falscher Begriff, denn freie Beziehungen basieren nicht auf
Gesetzen, sondern auf freiwilligem Übereinkommen.
Dass der Begriff Schuld in der deutschen Sprache trotzdem eine gewisse Inflation erfahren
hat, mag an der Tatsache liegen, dass dieser Begriff auch in der in Europa vorherrschenden
christlichen Mythologie und Religion einen zentralen Platz hat.
Gerade an der "Schuldzuweisung" lässt sich der nötigende Charakter der
vorwurfsorientierten Kommunikation nachweisen: ein schlechtes Gefühl, eben das
Schuldgefühl, soll den Kommunikationspartner zu einem vermeintlich
"richtigen" Verhalten nötigen.
Der Tatbestand der Nötigung in § 240
Strafgesetzbuch (StGB) lautet:
(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem
empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt, wird mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels
zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.
(3) Der Versuch ist strafbar.
(4) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu
fünf Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter
1. eine andere Person zu einer sexuellen Handlung nötigt,
2. eine Schwangere zum Schwangerschaftsabbruch nötigt oder
3. seine Befugnisse oder seine Stellung als Amtsträger missbraucht.
Die Nötigung ist ein juristisch "offener" Tatbestand, bei dem die
Rechtswidrigkeit nicht durch die Erfüllung des Tatbestands indiziert wird, sondern
gesondert festgestellt werden muss, da die Drohung mit einem empfindlichen Übel allein
sozialadäquat sein kann (Beispiel: Der Gläubiger droht damit, Klage zu erheben, wenn
nicht gezahlt wird). Da jegliches Verhalten, das psychischen Zwang ausgeübt,
tatbestandsmäßig ist, muss zusätzlich die Verwerflichkeit nach § 240 Abs. 2 StGB
festgestellt werden. Die Verwerflichkeit ist aber in der Regel schon immer dann gegeben,
wenn ein körperlicher (also physischer Zwang) ausgeübt wird.
Entscheidender Begriff im Rahmen des § 240 ist häufig der der "Gewalt". Hier
wird die Abgrenzung zwischen straflosem und strafbarem Verhalten häufig diskutiert. Vor
allem bei den Sitzblockaden, Ankettungsaktionen beispielsweise von Kernkraftgegnern oder
auch den Kurdendemonstrationen, bei denen die Demonstranten Autobahnen absperrten, um den
Verkehr zum zu bringen, ist die Diskussion auch ins öffentliche Bewusstsein gelangt.
Als Gewalt wird sowohl vis absoluta (überwältigende Gewalt, die vor allem körperlich
hervorgerufen wird) als auch vis compulsiva (beugende Gewalt, die in die Richtung eines
psychischen Zwanges geht) verstanden.
Ich möchte mich allerdings durchaus nicht auf den
strafrechtlichen Begriff von Nötigung beziehen, sondern die Bedeutung des Wortes auf
seine ursprüngliche Bedeutung zurückführen. "Nötigung" bzw.
"nötigen" leitet sich im Wortstamm von "Not" ab und bringt zum
Ausdruck, dass durch das Auslösen einer wie auch immer beschaffenen Not eine bestimmte
Absicht verfolgt wird; die "Not" (Drohung, Zwang) wird als Mittel benutzt, um
das Opfer der Nötigung zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen.
Konkrete Formen der emotionalen Nötigung können sein: Tadel, Vorwurf, Schuldzuweisung,
Anklage etc.
Von Nötigung zu sprechen halte ich immer für berechtigt, wenn es darum geht, einen
anderen Willen zu beugen, zu formen, zu zwingen. Das Wort Nötigung mag hier etwas stark
erscheinen, aber es ist angebracht. Denn es macht einen Unterschied, ob ich mich mit dem
freien Willen anderer Menschen verbinde, oder ob ich versuche, anderen meinen Willen
aufzuzwingen. Fortgesetzte Nötigungsversuche in diesem Sinne machen nämlich genau das
aus, was man als "spannungsgeladene", unangenehme, schlechte Stimmung
bezeichnet.
Die Ursache nötigungsorientierter Kommunikation
besteht meines Erachtens in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Das ist natürlich
leicht gesagt und könnte auch zu dem voreiligen Schluss verführen, zuerst müssten die
gesellschaftlichen Verhältnisse geändert werden, bevor nötigungsorientierte
Kommunikation aus den menschlichen Beziehungen verschwinden oder sich wenigstens
reduzieren würde.
Doch das ist ein Trugschluss. Gemeinschaftsaufbau ist in hohem Maße vom Abbau
nötigungsorientierten Kommunikationsverhaltens abhängig.
Natürlich kann man die historische Entwicklung optimistisch oder pessimistisch sehen.
Doch halten wir fest, dass die Menschheit die letzten 2000 Jahre unter der Herrschaft
recht mächtiger Zwangssysteme verbracht hat. Es handelt sich um Systeme wie Imperien,
Kirchen, Staaten, Armeen, Klassensysteme usw. Riane Eisler bezeichnet diese Systeme als
"dominatorische Systeme", deren Ablösung durch "gylanische" (d.h. auf
Partnerschaftlichkeit aufgebaut) Systeme bevorsteht. Das ist sicher eine optimistische
Sicht der menschlichen Entwicklung und der menschlichen Zukunft.
Gleichwohl ist es lohnend, ein wenig auf die Geschichte des Zwangs zu schauen. In der
vorantiken Zeit hat sicherlich der Zwang der Not geherrscht, selbst wenn man von einem
"goldenen Zeitalter" des Matriarchats ausgehen sollte. Die entstehenden
Klassengesellschaften (Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus) mit ihren monotheistischen
ideologischen Systemen (Christentum, Islam, etc.) konnten den Zwang der Not eindämmen
dadurch, dass die Menschen selbst Zwangssystemen unterworfen wurden.
Man denke hier nur an die Tatsache, dass die Indianer der westindischen Inseln, von den
spanischen Eroberern zu Zwangsarbeiten genötigt, nach nur zwei Generationen fast
vollkommen ausstarben, nicht zuletzt deswegen, weil sie den Arbeitszwang nicht ertragen
konnten.
Sicherlich sind in dieser Geschichte Zwangsmittel angewandt worden (Hexenprozesse,
Hinrichtungen, Arbeitslager etc.), gegen die unser besprochenes Thema
"nötigungsorientierte Kommunikation" wirklich harmlos wirkt. Was ist schon die
Nötigung durch ein böses Wort verglichen mit der Nötigung durch die Peitsche und den
drohenden Nahrungsmittelentzug, durch den ein römischer Sklave zur Arbeit im Bergwerk
gezwungen worden sein mag?
Heute wird bekanntlich niemand mehr mit der Peitsche zur Arbeit gezwungen, im Gegenteil
muss jeder froh sein, wenn er Arbeit hat.
Und doch entspricht, im großen Maßstab, die Epoche der dominatorischen Systeme im
Großen der zwangsorientierten Kommunikation im Kleinen. Im Mittelalter war die
Feinstruktur der Gesellschaft der Grobstruktur durchaus entsprechend, der Mann beherrschte
das Haus, Frau und Kinder.
Noch die Nachkriegs - Generation war zutiefst von dominatorischen Systemen auf allen
Ebenen geprägt. Es überwog die Vorstellung, der Mensch müsse durch Zwang dazu gebracht
werden, das "Richtige" zu tun. Die Demokratie beschränkte sich auf eine Hülle
um den Staatsapparat, der Partizipation suggerierte, die Betriebe waren unerschütterlich
Monarchien oder bestenfalls konstitutionelle Aristokratien. In der Feinstruktur der
Gesellschaft, der Kleinfamilie, herrschte eine klaustrophobische Enge und Stickigkeit, die
letztlich die so genannte Jugendrevolte hervorrief, die mit dem Jahr 1968 verknüpft wird.
Ich höre da gerade jemand sagen, wie können wir von nötigungsfreier Kommunikation
reden, wenn wir immer noch in dem Zeitalter des (dominatorischen) Kapitalismus leben? Sind
Ereignisse wie die Kriege in Tschetschenien, Irak und Palästina nicht Beweis für die
Fortexistenz dominatorischer Systeme?
Natürlich sind sie das.
Ich gehe nicht von einem baldigen Ende der dominatorischen Systeme aus, das steht noch
aus. Ich gehe aber von der Unterhöhlung der dominatorischen Systeme aus, und das betrifft
alle Ebenen der menschlichen Gesellschaft dieser Welt, das betrifft die Wirtschaft, die
Gesellschaft, die Spiritualität, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern etc.
Ein System tritt stets nur dann ab, wenn es durch ein neues abgelöst werden kann. Dies
trifft im Großen wie im Kleinen zu. Und im Bereich der Zwischenmenschlichkeit herrscht
nötigungsorientierte Kommunikation so lange vor, bis dieses Kommunikationsmuster durch
ein anderes, besseres abgelöst wird.
Das wirft natürlich die Frage nach Alternativen zur nötigungsorientierten Kommunikation
auf.
Gibt es Alternativen zur nötigungsorientierten
Kommunikation? Jeder Leser mag diese Frage spontan mit "ja" beantworten. Vor
einiger Zeit verwendete ich noch den Begriff "vorwurfsorientierte Kommunikation"
und stellte einigen Menschen die gleiche Frage: "Gibt es Alternativen zur
vorwurfsorientierten Kommunikation?" Die Antwort auf diese Frage fiel nicht so
leicht, gar mancher fragte sich: "Wie soll ich denn überhaupt noch etwas durchsetzen
können, wenn ich niemandem mehr einen Vorwurf machen kann?"
Das spricht sicherlich für sich selbst.
Das nemetische Sommercamp 2004 war von der Campleitung dieses Jahres unter das Prinzip der
"absoluten Freiwilligkeit" gestellt worden. Zu vieler Überraschung
funktionierte das Camp organisatorisch recht gut, und es schien mir, dass einige
Mitorganisatoren früherer Camps sich über diesen Zustand gerade zu ärgern schienen. Ich
fragte mich, was außer eventuell verletzter Eitelkeit der Grund sein könnte. Offenbar
ist die Ansicht sehr weit verbreitet, dass ohne ein gewisses Maß an Druck und Zwang
Gemeinschaft nicht funktionieren könne.
Indessen beweist die größte Gemeinschaft in Deutschland, der Stamm der Likatier, dass es
sehr wohl umgekehrt ist. Nachhaltige Gemeinschaft basiert auf dem Fehlen von Druck und
Zwang.
Alternativen zur nötigungsorientierten Kommunikation können nur auf dem Prinzip der
Freiwilligkeit basieren. Das ist allein schon eine Frage der formalen Logik. Wo Nötigung
in welcher Form auch immer letztlich auf der Verformung, der Verdrängung des freien
Willens eines Menschen beruht, da kann nötigungsfreie Kommunikation nur auf der vollen
Anerkennung des freien Willens beruhen.
Wenn der freie Wille gilt, dann macht jede/r, was er
will. Was hat das denn noch mit Gemeinschaft zu tun? Vergessen oder gar völlig unbekannt
sind da die Zukunftsvisionen etwa eines Charles Fourier, der für die
Zukunftsgesellschaft, die er "Harmonie" nannte, ein auf absoluter Freiwilligkeit
basierendes gesellschaftliches Leben voraussagte, in dem die Menschen in
"Phalanges" genannten Großgemeinschaften, Produktions- und
Lebensgenossenschaften sich zusammenschließen werden. Statt durch Zwang würden die
Menschen sich durch ihre Leidenschaften "antreiben" lassen, indem sie diese zum
"Aufflug" bringen würden und zur Kultivierung dieser Leidenschaften sich in
"Serien" genannten Neigungsgemeinschaften organisieren würden.
Diese Zukunftsvisionen eines Charles Fourier begeisterten die damals jungen deutschen
Hegelianer Marx und Engels so sehr, dass sie darauf basierend ihren
"wissenschaftlichen Sozialismus" entwickelten, der als Leitwissenschaft den
Übergang der Menschheit in diese Harmonie dienen sollte., gewissermaßen Fourier
aufgreifend und erweiternd durch die Analyse der kapitalistischen Wirtschaft und der
Erforschung der politischen Pfade in eine lebenswerte Zukunft.
Unglücklicherweise entwickelten sich aus der "Marxismus" genannten historischen
politischen Strömungen aber diverse Zwangsregimes, die gewissermaßen in bestem Glauben
die Menschen zu ihrem Glück zwingen wollten. Die Geschichte dieser Regimes endete
bekannter weise mit dem "Mauerfall", der durch Millionen Menschen herbeigeführt
wurde, die auf ihre Freiwilligkeit und Freizügigkeit bestanden.
Freiwilligkeit wohin soll das nur führen? Was antwortet man den Zweiflern, die
hartnäckig an der Vorstellung festhalten, ohne Zwang und Druck sei keine Gemeinschaft,
sei keine lebenswerte Zukunft möglich?
Antwortet man ihnen, dass dem Menschen ein Streben nach Glück innewohnt? Antwortet man
ihnen, dass allein schon aus dem Grund die Menschen immer Situationen des Zwangs und der
Nötigung ausweichen werden, sich ihnen allenfalls nur zeitweilig beugend, sei es aus Not,
sei es in Hoffnung auf ein sich erfüllendes höheres Ziel?
Ich möchte an dieser Stelle nicht zu philosophisch werden. Ausgangspunkt meiner weiteren
Überlegungen ist die These, dass der Mensch grundlegend ein soziales Lebewesen ist, das
nach Kooperation strebt, dass seine Vernunft und sein Gefühl ihm immer sagen werden, dass
er die eigenen Ziele am besten in Kooperation mit anderen verwirklichen kann.
Das ist für manche sicher eine optimistische Annahme. Sie stimmt auch nicht in jedem
Einzelfall und nicht in jeder Einzelsituation, weil die Menschen durch eine lange
Tradition von Zwangsgesellschaften geprägt sind, und die Zwangs Verhaltensweisen
sich letztlich auch in jedem einzelnen auf irgendeine Weise reproduzieren.
Nun Freiwilligkeit wo führt das hin?
Freiwilligkeit führt auf das fatale Problem, dass Menschen bei allem freien Willen doch
immer andere Menschen brauchen. Das Grundproblem eines jeden Menschen besteht doch immer
wieder in der Frage: Wie kann ich andere Menschen dazu bringen, das zu tun, was ich will?
Schon für ein Kleinkind stellt sich diese Frage: wie kann ich die Mama dazu bringen, dass
sie macht, was ich will (wer kennt das nicht?)
Früher stellte sich eher die umgekehrte Frage: wie kann die Mama das Kind dazu bringen,
was sie will?
Nun, es gibt in jedem Falle immer zwei Alternativen: entweder Zwang oder
ja was
oder?
Nun, wenn der Zwang ausscheidet, um einen anderen Menschen zu etwas zu bringen, was ich
will, wenn ich also seinen freien Willen respektieren muss, dann bleibt mir nichts anderes
übrig, als ihm Vorteile anzubieten, die ihn dazu veranlassen können, meinen Wünschen zu
willfahren.
Klingt das merkwürdig?
Nun, das heutige Training von Vertriebsmitarbeitern basiert meist auf der Strategie, die
Wünsche des Kunden zu erkennen, ihm für seine Wünsche einen Vorteil (das Produkt)
anzubieten, und ihm dann den Zugriff zu diesem Vorteil (Produkt) zu ermöglichen.
Möglicherweise fühlen sich einige Leser durch diesen Vergleich gestört, weil es sich
doch um ein Beispiel aus dem kapitalistischen Reproduktionsprozess handelt. Nun, lieber
Leser, liebe Leserin, das ist mir bekannt. Das Beispiel dient mir aber dazu, zu zeigen,
wie die hoch entwickelte kapitalistische Effizienz (und die kann keiner bestreiten) mit
der Situation umgeht, dass ein Mensch nicht zu einem Kauf gezwungen werden kann. Dies gilt
natürlich für das einzelne Produkt und für den einzelnen Verkäufer.
Nun, die hoch entwickelte kapitalistische Reproduktion zeigt, dass es effizient ist,
alternativ zum Zwang die Wünsche eines Menschen mit einem freien Willen anzusprechen, um
ihn für die eigenen Anliegen (profanerweise den Verkauf eines Produktes) zu gewinnen.
Es ist doch wirklich frappierend, dass in der Sphäre Vertrieb und Verkauf ein völlig
zwangloses kommunikatives Instrumentarium vorherrscht, um freie Willen zu beeinflussen,
während allein schon in der privaten Beziehungskommunikation vieler Paare noch finsteres
Mittelalter herrscht (da gibt es alles: Fronarbeit, Entwürdigungen, Leibeigenschaft,
Bußpredigten, Sühneopfer, etc.)! Ich übergehe jede Diskussion darüber, ob nicht
großflächige Werbetafeln, Werbefernsehen, subtile Marketingmethoden nicht in ihrer
Totalität auch Nötigung darstellen. Darum geht es nicht. Es geht um die Frage: "Wie
geht man sinnvoll mit Freiwilligkeit um?", und da können wir alle vom
spätkapitalistischen Vermarktungsprozess noch was lernen.
"Fortschrittliche" Eltern wissen, dass man
Kinder und Jugendliche nicht unbedingt zu etwas zwingen kann. Stattdessen probiert man es
mit "motivieren".
Meistens basiert diese Methode darauf, durch "gutes Zureden" einen anderen
Menschen davon zu überzeugen, dass er doch das tun soll, was der andere möchte.
Gewöhnliche Menschen vermuten entsprechend hinter den modernen Motivationstheorien ein
ganzes geheimnisvolles Instrumentarium von Manipulationstechniken.
Ist etwa Redegewandtheit die Alternative zur nötigungsorientierten Kommunikation?
Das Karotte Esel Bild soll das ein wenig illustrieren.
Ein Esel bekommt durch einen Stock mit einer Schnur eine Karotte vor die Nase gehalten. In
dem Versuch, die Karotte zu schnappen, um sie zu fressen, bewegt er sich vorwärts und
zieht so den Karren voran.
Das Bild ist durchaus landläufig, nur wenige wissen, dass es nicht stimmt. Versuche haben
ergeben, dass die Esel sich tatsächlich nicht durch eine vor die Schnauze gehaltene
Karotte sich motivieren lassen, kilometerweit einen Karren zu ziehen. Sie bemerkten
nämlich wohl nach einigen Versuchen, dass die Karotte für sie nur ein Bluff war, und sie
reagieren dann entsprechend bockig.
Wenn schon die Esel so klug sind, warum sollten Menschen dümmer sein?
Wer immer Motivationstheorien für Manipulationstechniken hält, der glaubt an das Karotte
Esel Paradigma.
Tatsächlich muss ich die modernen Motivationstheorien auch in Schutz nehmen. Sie bauen
nicht auf der manipulativen Verformung des menschlichen Willens auf, sondern auf der
Erforschung seiner Bedürfnisstruktur. Ein anderer Weg ist auch gar nicht sinnvoll.
Wir sind noch immer beim Thema "Alternativen zur nötigungsorientierten
Kommunikation". Suggestive Manipulation ( das Karotte Esel Paradigma)
kann es nicht sein.
Jede Motivierung eines anderen Menschen kann nur auf dessen eigenen Wünschen und dessen
eigenen Bedürfnissen erfolgen. Dazu muss man diese Wünsche aber zuerst kennen.
Die Motivierung eines anderen freien Willen für
meine Wünsche kann nur darauf basieren, dass ich mich mit seinen Wünschen und Zielen
verbinde. Dazu muss ich sie zuerst einmal kennen.
Es ergibt sich von selbst, dass nötigungsgesteuerte Kommunikation dieser intensiven
Wahrnehmung nicht bedarf. Beim Nadel Käfer Paradigma, wo ein Mensch andere
durch gezielt ausgelöste schlechte Gefühle zu motivieren sucht, genügt die Beobachtung
von Aktion und Reaktion, um zu überprüfen, ob man an das Ziel kommt. Die Wünsche und
Bedürfnisse des anderen Menschen können in diesem System ziemlich egal sein, ihre
Kenntnis kann höchstens der Ausfeilung von Nötigungstechniken dienen, ist aber weder
hinreichend noch notwendig für eine erfolgreiche nötigungsorientierte Kommunikation.
Gleichwohl, wir wissen ja, dass nötigungsorientierte Kommunikation immer die Basis der
Beziehung erodiert und früher oder später zum Einsturz bringt.
Nötigungsfreie Kommunikation funktioniert ohne Wahrnehmung dagegen noch nicht einmal im
Ansatz. Wahrnehmung ist notwendige Basis für nötigungsfreie Kommunikation.
Das bedeutet aber, dass die Wahrnehmung selbst schon nötigungsfrei ist. Was meine ich
damit? Gibt es denn nötigende Wahrnehmung?
Ich meine ungenötigte Wahrnehmung, wertungsfreie Wahrnehmung.
Ich möchte dazu ein Beispiel ausführen.
Vor Jahren bin ich einmal einem Argentinier begegnet, der mich bestohlen hat. Seitdem
mache ich einen Bogen um jeden Argentinier, weil ich ja wieder bestohlen werden könnte.
Nein, niemand würde sicherlich eine solche Haltung gut finden, denn schließlich gibt es
einige zig Millionen Argentinier, und Diebe in jeder Nationalität dieser Welt, nicht
wahr?
Also gut.
Dann kann ich an diesem Beispiel gut illustrieren, worin der Unterschied zwischen
Bewertung und Wahrnehmung besteht. Keinesfalls geht es darum, auf Wertungen zu verzichten,
aber es kommt darauf an, wann zu werten und wann wahrzunehmen ist.
In dem unseligen Argentinier, der mir begegnet ist, einen nicht vertrauenswürdigen
Menschen wahrzunehmen ist eben eine Wahrnehmung, die kann trügen oder auch nicht.
Die Bewertung dieses konkreten Argentiniers als vertrauensunwürdigen Dieb ist eine
zulässige Bewertung.
Dass es außer diesem diebischen Argentinier noch einige zig Millionen mehr davon auf der
Welt gibt, die wahrscheinlich mehrheitlich keine Diebe sind, ist eine Sache der
Wahrnehmung und natürlich auch der Intelligenz (ja, die soll auch nicht vergessen
werden!).
Aufgrund dieser Erfahrung entstehendes Vorurteil gegen alle Argentinier wäre zweifellos
eine unangemessene Bewertung. Diese unangemessene Bewertung würde mir die Wahrnehmung des
anderen Argentiniers, nennen wir ihn Pablo, dem ich morgen begegnen könnte, verstellen.
Hier wäre es also wichtig, nicht vorschnell zu werten, sondern erst einmal wahrzunehmen.
Projektionsbesetzte Wahrnehmung durchdringt unser
gesamtes Alltagsleben. Therapieerfahrene wissen längst, dass Menschen in ihrem Leben
immer wieder auf die Verhaltensmuster ihrer Eltern verfallen, und sich in der eigenen
Kommunikation elterliche Verhältnisse auf mitunter illustre Art reproduzieren.
Projektion nennt die Psychologie die Übertragung unbewusster Inhalte auf einen Menschen.
C. G. Jung fand gar ein ganzes Arsenal von so genannten Archetypen, gewissermaßen
Verhaltensschablonen wie z.B. den "Schatten", die eigenen verdrängten Anteile,
die so gern in "Feindbilder" übertragen werden.
Auch Liebesbeziehungen können Projektionen erzeugen, auf spätere Partner werden Ängste
und Hoffnungen aus früheren Beziehungen übertragen, und gar zu oft verhindern solche
Übertragungen, in dem anderen den konkreten Menschen zu erkennen, der er ist.
Auch von einzelnen Menschen können wir Projektionen haben, indem wir früheres Verhalten
auf ihre Gegenwart übertragen, selbst wenn sich vieles geändert hat.
Projektionsbesetzte Wahrnehmung lässt sich nach meiner Einschätzung nur eindämmen durch
systematisches Feedback, das seinerseits keinen Vorwurfcharakter haben darf, wenn es
angenommen werden will. Schließlich stoßen nach C. G. Jung Projektionen den Menschen zu,
und werden nicht etwa bewusst von ihnen vorgenommen.
Wie entsteht unter Bedingungen der absoluten
Freiwilligkeit Verbindlichkeit? Natürlich durch freie Entscheidungen.
Wie verbindlich können freie Entscheidungen sein? Es ist wohl letztlich die Frage nach
der Konsistenz dessen, was wir freien Willen nennen?
Wie konsistent (stabil) kann freier Wille sein? Kann sich der Wille nicht auch täglich
ändern? Wie verlässlich ist meine Aussage, heute diesen Wunsch zu haben, und auch morgen
und in einem Jahr noch an ihm festzuhalten?
Natürlich beantwortet sich diese Frage für jeden Menschen anders. Es gibt Menschen, die
sind von Kindesbeinen bis an ihr Grab von einem klaren Willen beseelt sind und durchaus
Spuren hinterlassen. Und es gibt andere Menschen, deren Wille so inkonsistent ist, dass
sie selbst nicht zu sagen wissen, was morgen ihr heißester Wunsch ist, die das Leben und
seine Anreize mal nach hier und mal nach dort treibt.
Nun, und dazu sage ich ganz klar: das soll auch so sein. Ein jeder Mensch kann so
willensstark und so willensschwach sein wie er will.
Nur ist es wahrscheinlich, dass willensstärkere Menschen auch ein höheres Maß an
Verbindlichkeit zeigen, in dem Sinne, dass sie ihrem ursprünglichen Willen eher treu
bleiben und insofern dauerhafter sich mit anderen Menschen verbinden können.
Was ist überhaupt Verbindlichkeit?
Kaufmännisch gebildete Menschen mögen mit Verbindlichkeiten Summen assoziieren, die man
anderen Menschen schuldet. Vielleicht hat dies diese eigentümliche Wortbedeutung des
Wortes "Verbindlichkeit" hervorgerufen, die so etwas von Schuld an sich hat, da
schwingt Pünktlichkeit und dergleichen mit.
Dabei bedeutet das Wort nichts anderes als aus seiner Zusammensetzung aus dem Stamm bind-
hervorgeht: es handelt sich um etwas, das verbindet. Ich möchte das Wort Verbindlichkeit
auch in diesem (erweiterten) Wortsinn gebrauchen, denn seine Reduktion auf so etwas wie
"Bringschuld" halte ich für unangemessen und ist übrigens ein Ausdruck
nötigungsorientierten Denkens.
Verbindlichkeit ist also das, was Verbindung schafft, etwas Verbind-liches, Verbind-bares.
Diese Verbindung ist etwas zeitlich andauerndes, es handelt sich nicht um eine zufällige
Begegnung, sondern um eine Art Band, und dieses Band kann nichts anderes sein als der
vereinte freie Wille zweier Menschen.
Wie konsistent Menschen an ihren Verbindlichkeiten festhalten, ist natürlich
außerordentlich unterschiedlich, von Mensch zu Mensch, von Ebene zu Ebene, von Situation
zu Situation. In aller Regel suchen Menschen von großer Konsistenz in ihrem Willen
ihresgleichen. Es ist besser, vereint gemeinsame Ziele zu verfolgen, das haben die meisten
Menschen auf die eine oder andere Art gelernt.
Und diejenigen Menschen, die sich mit ihresgleichen zu einem gemeinsamen Willenspool, zu
einer gemeinsamen Willensschwingung, und sei es nur in einzelnen Bereichen, gebracht
haben, die sind stets erfolgreicher als die notorischen "Einzelkämpfer".
Die nötigungsfreie Variante der Verbindlichkeit kann nur die Koordination der Ziele
mehrerer Menschen sein. Das müssen keine weitgesteckten Ziele sein, es kann sich auch nur
um zeitweilige Bedürfnisse handeln.
Wenn die Ziele zweier oder mehrer Menschen zu einem gemeinsamen Zielkomplex vereint sind,
dann ist die Motivation aller Beteiligten groß, die Ziele auch der anderen zu
verwirklichen. Diese Integration der Ziele vieler Menschen ist aus meiner Sicht eigentlich
das, was man Gemeinschaftsbildungsprozess nennt.
Es versteht sich von selbst, dass das nicht so einfach zu erreichen ist. Es handelt sich
auch nicht um einen statischen Zustand, sondern um einen immerfort währenden Prozess.
Schließlich ändern sich Ziele auch, alte werden erreicht, neue gesteckt, andere
vielleicht sogar verworfen, oder auch nur modifiziert. Das mag ja sein.
Trotzdem ist der Integrationsprozess der Ziele das eigentliche Zentrum des
Gemeinschaftsbildungsprozesses. Ein Mensch wird sich nur dort beheimatet fühlen, wo er
mit seinen Zielen und Wünschen aufgenommen wird. Dies kann nur geschehen in einer
menschlichen Umgebung, die auch wertungsfrei wahrnehmen und offen über Bedürfnisse und
Ziele kommunizieren kann. Nur dort kann eine Verbindlichkeit entstehen und wachsen, die
auf Koordination von Zielen beruht, und nicht auf Zwang.
Koordination von Zielen bedeutet nämlich:
sich selbst klar werden über eigene Ziele und Bedürfnisse
die Möglichkeit, diese Ziele und Bedürfnisse wertungsfrei kommunizieren zu können
die Wahrnehmungsfähigkeit, wertungsfrei die Ziele und Bedürfnisse anderer zu erkennen
die gemeinsame Suche nach produktiver Kombination der Ziele aller Beteiligten
Die hier aufgelisteten Bedingungen sehe ich als Kardinaltugenden des
Gemeinschaftsbildungsprozesses an. Nötigungsfreie Kommunikation kann auf keines der vier
aufgelisteten Elemente letztlich verzichten.
Natürlich hat Integration auch Grenzen. Ich postuliere nicht das Gebot grenzenloser
Integration, weder von konkreten Menschen, noch von anderen Dingen.
Da die Menschen in ihren Eigenarten, aber auch in ihren Wünschen und Bedürfnissen
vielfältig sind, sind auch ihre Verbindlichkeiten und Verbindungsmöglichkeiten
vielfältig. Eine Gemeinschaft kann nie homogen sein.
Es geht mir letztlich auch nur um die zentrale These, dass die Koordination, die
Integration von Zielen und Bedürfnissen aller Beteiligten das wesentlichste Element der
Gemeinschaftsbildung ist, so sie denn auf Freiwilligkeit basiert. Das heißt ja nicht,
dass eine Gemeinschaft jeden integrieren können muss. Aber sie muss grundsätzlich andere
Persönlichkeiten und ihre Temperamente und Gedanken integrieren können, wenn sie es
nicht kann, dann wird sie zwangsläufig in Spaltungen enden.
Die Spaltung ist nämlich der stetige Begleiter der nötigungsorientierten Kommunikation,
nötigungsfreie Kommunikation dagegen muss auf Integration ausgerichtet und gebaut sein,
wenigstens auf die Absicht zur Integration.
Wie aber der Verschiedenheit der Menschen, der
Differenziertheit ihrer Leidenschaften, Wünsche und Ziele Rechnung tragen?
Der Stamm der Likatier hat nach 30jähriger Entwicklung ein System entwickelt, das so
genannte Einlassstufen definiert. Es handelt sich dabei um ein Beschreibungssystem, das es
jedem einzelnen erlaubt, seine Einlassung auf den Stamm festzulegen. Es ist das
eigentümlichste Mitgliedschaftssystem, das ich je kennen gelernt habe. Letztlich handelt
es sich um nichts anderes als die Organisierung von Freiwilligkeit.
Die äußerste Einlassungsebene, der Status des Lebemenschen, bringt überhaupt keine
Verpflichtungen und Verbindlichkeiten mit sich, noch nicht einmal einen Mitgliedsbeitrag.
Der Stammeskern dagegen besteht aus Menschen, die geschworen haben, sich mit ihrem ganzen
Leben aufeinander einzulassen. Eine stärkere Verbindlichkeit kann ich mir nicht
vorstellen, und sie erscheint mir auch sowohl glaubhaft als auch konsistent.
Was die "Außenwelt" nicht wahrhaben will, ist, dass diese starke
Verbindlichkeit auf absoluter Freiwilligkeit beruht, kein Gruppenzwang ernötigte diesen
Schwur. Markanterweise wurde der Stamm der Likatier in der Vergangenheit schon zum
Gegenstand wahnwitzigster Projektionen, von der "Sex-Sekte" bis zur
"Bürgerkriegsarmee".
Letztlich steckt hinter diesen Projektionen, dass der "Außenwelt" der
Zusammenhalt der Likatier geradezu unheimlich ist, muss doch in ihrer Vorstellung die
Stammesführung über Zwangsmittel verfügen, die die Vorstellungskraft der Geängstigten
weit übersteigt. Die Menschen der "Außenwelt", meist durch
nötigungsorientierte Kommunikation geprägt und in diverse Zwangssysteme eingebunden,
kann sich nicht vorstellen, dass gerade die Freiwilligkeit und die weitgehend
nötigungsfreie Kommunikation der Faktor ist, der diesen geradezu unheimlichen
Zusammenhalt bedingt.
Eine nötigungsfreie Kommunikation der Zukunft, sie befindet sich hier in einer Erprobung,
und eines der Ergebnisse ist ein Beschreibungssystem, in dem die einzelnen Menschen die
ihnen gemäße Einlassstufe finden können.
In der Ex-Maitea-Szene kursierte eine Weile
der Begriff "gewaltfreie Kommunikation", womit allerdings die rein formale
Anwendung der so genannten "Forums-Methode aus dem ZEGG gemeint war.
Tatsächlich existiert aber unter diesem
Begriff ein Kommunikationskonzept von einem US-amerikanischen Psychologen, das in der
Gemeinschaftsszene nach meinem Wissen lediglich im Lebensgarten Steyerberg in Seminaren
unterrichtet wird, und mit der Forumstechnik nichts zu tun hat. Die Grundzüge dieses
Konzeptes referiere ich nach den Webseiten von Seminaranbietern dieses Konzeptes.
Dieser Herr Rosenberg ist kein Offizier,
"Marshall" ist einfach nur sein Vorname. Sein frühes Leben allerdings entsprach
durchaus dem martialischen Klang seines Vornamens: Rosenberg wuchs als Jude in einem
überwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel einer US-amerikanischen Stadt auf. Um dort zu
bestehen, war körperlicher Einsatz gefragt. Auch später, z. B. im Psychologiestudium,
war er von Menschen umgeben, die überzeugt waren, dass man sich im Leben durchboxen
müsse, wenn auch mit feineren Mitteln: indem man andere bewertet und abwertet. Inzwischen
fühlt sich Rosenberg selbst mit positiven Bewertungen unwohl. Wenn ich sage: "Du
bist ein guter Mensch", zeige ich, dass ich mich für jemanden halte, der genau
weiß, wer der andere, der Bewertete, ist. Und eben diese Haltung verhindere es, so
Rosenberg, sich wirklich in andere Menschen einzufühlen. Einfühlung aber steht im
Zentrum der gewaltfreien Kommunikation, wie Rosenberg sie in den vergangenen 25 Jahren
entwickelt hat.
Seit einigen Jahren gibt Rosenberg sein
Wissen auch in Deutschland in Seminaren weiter. Protagonisten dieser überaus spannenden
Seminare sind zwei Handpuppen mit sehr unterschiedlichem (Sprach-) Verhalten: Der Wolf und
die Giraffe. Die Giraffe ist das Landtier mit dem größten Herzen und dem längsten Hals,
dient daher als Metapher für Liebe und Weitsicht. Die "Giraffe" kann eine
Kommunikationssituation gut einschätzen, ist einfühlsam, handelt und kommuniziert
verantwortlich und spricht offen über ihre Gefühle und Bedürfnisse. Der Wolf dagegen
zeigt keine Gefühle, sondern kommandiert, wertet ab und klagt an; er diagnostiziert
andere Menschen. ("Du bist egoistisch! ") und lehnt Verantwortung ab ("Es
gibt Dinge, die man tun muss, ob man will oder nicht.")
Wolf- und Giraffensprache stehen qualitativ
zueinander wie (anklagende) Du-Botschaften und (um Verständnis und Verständigung
werbende) Ich-Botschaften: Der Wolf sagt z. B.: "Immer latschst du mit deinen
Dreck-Potten durch den Flur und ich darf den ganzen Kram wieder sauber machen, dir ist es
völlig egal, wie es hier aussieht, du machst mich rasend!"
Das gleiche auf "Giraffisch":
"Oh, ich sehe gerade, dass du mit schmutzigen Schuhen in den Flur kommen willst. Ich
ärgere mich darüber, weil ich mich nur wohl fühle, wenn die ganze Wohnung
einschließlich Flur sauber ist und ich gerade gewischt habe. Kannst du bitte deine Schuhe
ausziehen und sie vor der Tür stehen lassen?"
Die Struktur der Giraffensprache ist also:
1 ) Beobachtungen mitteilen (ohne Wertung,
also: "Schuhe", nicht, "Dreck-Potten")
2) Gefühle offen mitteilen ("ich ärgere mich")
3) Wünsche. Bedürfnisse. Wertvorstellungen
offenbaren ("Ich fühle mich nur in einer sauberen Wohnung wohl.").
4) Bitten äußern ("Bitte ziehe deine Schuhe
aus...").
Das entspricht ungefähr der üblichen Form
der Ich-Botschaft. Rosenberg hat diese allerdings bis zur Perfektion weiterentwickelt. Er
führt z. B. ganze Kataloge von Ausdrücken auf, die originäre Gefühle beschreiben (z.
B. Ärger und Angst) und andere, die das nicht tun (z. B.: "Ich habe das Gefühl,
dass du mich nicht verstehst), bzw. die eher dazu dienen, den anderen zu bewerten oder zu
diagnostizieren (z. B: "Ich fühle mich ausgenutzt."). In Workshops zur
gewaltfreien Kommunikation wird bewusst, wie schwer es ist, reine Gefühle auszudrücken.
Die Entstehung unserer Gefühle hängt immer
mit unseren ganz persönlichen Bedürfnissen und Wertvorstellungen zusammen: Wer den Flur
als Eingangsbereich betrachtet, in dem noch mit Straßenschuhen gelaufen wird, kann durch
Fußstapfen im Flur nicht verärgert werden. Indem ich aber mein besonderes Bedürfnis
danach offenbare, dass die ganze Wohnung einschließlich Flur sauber ist, übernehme ich
mit Verantwortung für meine Gefühle, die entstehen, wenn der Flur dreckig wird. Damit
sind die Weichen weg von der Anschuldigung hin zur Verständigung gestellt.
Und zuletzt die Bitten: Wer einfach nur
erklärt, weshalb er sich ärgert, hinterlässt bei dem anderen oft nur Verwirrung oder
Ärger. Daher sollte zum Schluss eine konkrete Bitte in positiver, aktionsbezogener
Sprache stehen, die der andere tatsächlich umsetzen kann - aber nicht muss.
Zum Beispiel: Wenn ich traurig bin, weil
mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe unbefriedigt ist, bitte ich mein Gegenüber, mich
in den Arm zu nehmen. Diese Person hat nun die freie Entscheidung, ja oder nein zu sagen.
Wenn sie mich mit Giraffenohren hört, aber z. B. das Gefühl hat, dass sie mich gerade
nicht trösten kann, weil sie lieber alleine sein will, bedankt sie sich bei mir - z. B.
für meine Offenheit.
Giraffen sind einfühlsam und freundlich -
aber nicht selbstvergessen. Sie opfern sich nicht für andere auf, das bedeutet, dass sie
in Kontakt mit ihrem eigenen Selbst, ihren Gefühlen und Bedürfnissen sind und
Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Nun haben wir die Wahl, jemand anderen zu
suchen, der bzw. die meine Bitte, in den Arm genommen zu werden, erfüllt, oder ich bleibe
mit mir alleine und gebe mir selber Einfühlung, das heißt, dass ich mit mir selbst
liebevoll umgehe.
Die Giraffe ist sich bewusst über das
Risiko, dass ihre Bitte mit einem Nein zurückgewiesen werden kann. Sie ist für sich
selbst verantwortlich.
Die Gewaltfreie Kommunikation versucht eine
bessere Kommunikation zwischen Menschen herzustellen. Die Kommunikation verbessert sich
nicht nur zwischen Konfliktparteien, sondern auch im alltäglichen Leben. Es kommt sehr
darauf an, Empathie für sein gegenüber zu empfinden. Dies kann sogar in gefährlichen
Situationen wie Raub und Überfall von Vorteil sein. Die Methode ist sehr einfach, muss
aber geübt werden. Zuerst wird beobachtet, was geschieht. Dann versuchen wir unsere
Gefühle auszudrücken, in dem wir Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen. Dann
drücken wir unsere Bedürfnisse aus, und zum Schluss bitten wir unseren
Kommunikationspartner um etwas, dass beider Leben bereichert, aber ohne zu manipulieren
und ihn zu drängen. Das ist in groben Zügen die Methode der Gewaltfreien Kommunikation.
Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und die unserer Kommunikationspartner zu bestimmen
und auszusprechen. Dabei sollte nicht bewertet oder verurteilt werden.
- befriedigende Beziehungen aufbauen und erhalten
- unsere Bedürfnisse befriedigen, ohne anderen (verbale)
Gewalt anzutun
- schmerzliche Kommunikation verändern
- Konflikte positiv wandeln
Die ungebrochene Vorherrschaft
nötigungsorientierter Kommunikation in den Alltagsbeziehungen unserer Kultur ist
unbestreitbar. Sie ist eine der Ursachen der ansteigenden Vereinzelung der Menschen gerade
in Ballungszentren.
In dem Maße, wo traditionelle
Zwangsstrukturen wie die Kleinfamilie zerfallen, sind die Menschen auf das Umgehen mit
freien Zusammenschlüssen angewiesen, und wir haben es meistens nicht gelernt,
nötigungsfrei miteinander umzugehen.
Ganze Heere von Therapeuten und
Lebensberatern bevölkern den so genannten Therapiemarkt letztlich aufgrund dieses
Umstandes.
Für Gemeinschaften ist die Überwindung
nötigungsorientierter Kommunikation eine Existenzfrage. Die meisten gescheiterten
Gemeinschaftsansätze sind aus meiner Sicht vor allem daran gescheitert, dass
vorherrschende destruktive Kommunikationsformen zum Zerfall von Zusammenhängen führten.
Die Einübung nötigungsfreier
Kommunikation, die es ermöglicht, Konflikte positiv zu wandeln, ist eine vordringliche
und unverzichtbare Aufgabe. Eine bloße Form, wie etwa die in ZEGG nahen Kreisen
gepriesene Forums Form, ist da unzureichend, wenn nicht in allen beteiligten
Menschen das Bewusstsein darüber besteht, dass es grundsätzlich nötigungsorientierte
und nötigungsfreie Kommunikation gibt.
-Raven-
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