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Vorbemerkung Als das östliche Imperium zusammenbrach, erschien ein Buch mit dem Titel "The End of History and the Last Man". Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama sah darin das Ende der Geschichte gekommen: Mit dem Sowjetsystem sei der letzte große Widersacher der liberalen Demokratie verschwunden. Nun würden sich weltweit wirtschaftlich-politische Verhältnisse nach Art der USA durchsetzen - als "end point of mankind's ideological evolution" und "final form of human government''. Nun, diese These machte seinerzeit ziemliche Furore. Der Mann ist jedoch immer noch für Überraschungen gut. In einem Artikel im renommierten US-Magazin "Time" äußert er Thesen, die man aus seinem Munde eigentlich gar nicht erwartet hätte. Wir haben uns erlaubt, einige bedeutsam erscheinende Textstellen hervorzuheben. Quellennachweis: Francis Fukuyama, "Will Socialism Make a Comeback?" in dem US- Magazin "Time", übersetzt von RP- Redakteur Stephan Schmidt, wiedergegeben in "Das journal", 25. August 2000 (....) Wenn wir unter Sozialismus das System verstehen, in dem der Staat einen Großteil der Volkswirtschaft kontrolliert und das Einkommen möglichst gleich verteilt, dann ist anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Comebacks innerhalb der nächsten Generationen gegen Null geht. Blicken wir auf die Gründe. Heute wird gerne gesagt, der Sozialismus habe nicht funktioniert. Doch in den 30er Jahren und dann nochmals in den 50ern und 60ern wuchsen die sozialistischen Volkswirtschaften sogar schneller als die kapitalistischen. Aber irgendwann in den 70ern oder 80ern hörten sie auf, gerade als die westlichen Gesellschaften ins so genannte Informationszeitalter eintraten. Dafür gibt es Erklärungen. Die alte Sowjetunion besaß zum Beispiel ein staatliches Preiskomitee, bei dem einige hundert Bürokraten damit beschäftigt waren, für alles, was es gab, festzulegen, was es kostete. Man stelle sich vor, wie gut die US- Wirtschaft laufen würde, wenn alle Preise in Washington festgesetzt würden wo schon eine Boeing 777 aus mehr als drei Millionen Einzelteilen besteht! Wird die auf Information basierende Volkswirtschaft komplexer und technologie-intensiver, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Entscheidungsfindungsprozesse dezentralisiert werden wie in einer Marktwirtschaft. Hinzu kommt noch ein anderer Faktor: die Globalisierung in Verbindung mit der Informationstechnik. Früher konnten sozialistische Staaten sich leichter von der übrigen Welt abschotten und sich damit zufrieden geben, dass sie soziale Gleichheit hatten, auch wenn die Wirtschaft stagnierte. Doch durch die neue Informationstechnik erfahren die Bürger ganz einfach zuviel über die Verhältnisse in anderen Gesellschaften. Aber der Gleichheitsdrang ist nicht tot. Das hat sich letztes Jahr in Seattle bei der Welthandelskonferenz und im April beim Treffen der Weltbank und des Weltwährungsfonds in Washington gezeigt. Die Linke mag nach dem Fall der Berliner Mauer in den Winterschlaf gefallen sein, aber verschwunden war sie nie, und jetzt bekommt sie durch den Feind namens Globalisierung neuen Schub. Es gibt vieles an unserer globalen Wirtschaft, was nicht nur Altlinke auf die Palme bringen, sondern auch gewöhnliche Menschen beunruhigen sollte. Eine Finanzpanik an irgendeiner fernen Börse kann Sie um Ihren Job bringen, ohne dass Sie sich etwas zuschulden kommen lassen. Moderne Kapitalisten können ihr Geld zwischen den Ländern mit der Geschwindigkeit eines Mausklicks verschieben, wodurch demokratische Länder sich in ihren Handlungsmöglichkeiten beschnitten sehen.
Vielleicht kommt eine ganz neue Regierungsform dabei heraus. Eine Art Herrschaft der Nicht- Regierungsorganisationen. Diese Organisationen wie zum Beispiel Greenpeace haben bereits bewiesen, dass sie die Macht haben, Unternehmen und Regierungen unter Druck zu setzen. Eine Herrschaft der Nicht- Regierungsorganisationen ist weit entfernt von Sozialismus. Aber die Welt hat sich gewandelt, und die Erfordernisse effektiver politischer Aktionen sind heute anders als im vorigen Jahrhundert.
Kommentar Daß ein Mann, der vor mehr als 10 Jahren den Endsieg des Kapitalismus und das "Ende der Geschichte" verkündet hatte, nunmehr vom Comeback des Sozialismus spricht, erscheint mehr als nur ein Omen. Zunächst bringt er eine Grundcrux des globalen Kapitalismus auf eine schlichte Formel: Eine Finanzpanik an irgendeiner fernen Börse kann Sie um Ihren Job bringen, ohne dass Sie sich etwas zuschulden kommen lassen Da hat der Mann ohne Zweifel recht. Und er wirft die Frage auf: Was aber werden die Leute erst über den globalen Kapitalismus sagen, wenn es wirtschaftlich mal wieder abwärts geht? Daß Fukuyama das schrieb, ist keine drei Jahre her. Nun ist es wirtschaftlich abwärts gegangen, und zwar massiv, und mehr noch, die Bushs und Rumsfeld dieser Erde, die Skandalfiguren der Dot-com-Krise, die Öl- und Rüstungsindustriellen inszenieren jetzt sogar Kriege, damit trotz des allgemeinen wirtschaftlichen Abschwungs ihre Scherflein im Trockenen sind. Allein die Bush-Dynastie hat ja schon mehrere Male vorexerziert, wie mit Krieg trefflich und üppig Geld zu verdienen ist. Was sagen die Leute jetzt über den globalen Kapitalismus? Interessant, daß auch dem Endzeit Propheten Fukuyama da das Stichwort Sozialismus wieder in den Sinn kommt. Ohne Zweifel recht hat er, wenn er sagt: (....) Wenn wir unter Sozialismus das System verstehen, in dem der Staat einen Großteil der Volkswirtschaft kontrolliert und das Einkommen möglichst gleich verteilt, dann ist anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Comebacks innerhalb der nächsten Generationen gegen Null geht. In der Tat, was ist unter "Sozialismus" zu verstehen? Das beschriebene System, das ich als Stalinismus bezeichnen würde, etwa die Sowjetunion bis zu ihrem Zusammenbruch, ist zweifellos eines Comebacks weder fähig noch würdig. Aber auch Fukuyama sagt ja wenn wir unter Sozialismus das System verstehen, usw. Und was, wenn nicht? Um die vorletzte Jahrhundertwende war die eigentliche marxistische Sozialismusvorstellung verbreitet, daß die organisierte Arbeiterschaft die damals vorherrschenden reaktionären Staatsstrukturen im Laufe einer Revolution stürze, die große Industrie in Gemeineigentum überführe und über direkt gewählte Räte demokratisch verwalte. Es gab Differenzen darüber, ob die vorhandenen halbmonarchistischen Staatsapparate zu reformieren oder revolutionär aufzulösen seien (daher rührt die alte Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten). Daß unter dem Begriff Sozialismus etwa Einparteiendiktatur, totalitäre Staatsstrukturen und bürokratische Mißwirtschaft zu verstehen sei, darauf wäre damals (um 1900) niemand gekommen. Die Tatsache einer erfolgreichen Arbeiter- und Bauernrevolution ausgerechnet in einem so unterentwickelten und rückständigen Land wie Rußland (Oktoberrevolution 1917) führte ungewollt zu einem der machtvollsten reaktionären Strukturen der Geschichte: dem Stalinismus. Dieser stellte nicht die Konsequenz der Oktoberrevolution dar, sondern vielmehr die Konsequenz ihrer Isolierung. Natürlich hat Fukuyama recht, wenn er sagt: Natürlich lässt sich der Sozialismus nicht in einem einzelnen Land (wieder) errichten. Das "wieder" stelle ich in Klammern, weil das auch im nachrevolutionären Rußland nicht ging. Die isolierte russische Revolution wurde Opfer der Rückständigkeit und Barbarei des Landes, wo sie stattgefunden hatte, der Zarismus reproduzierte sich in Form der stalinschen Apparatdiktatur. Dieses Staatsgebilde, weit entfernt davon, auch nur ansatzweise den Sozialismus darzustellen, den sich die Arbeiterbewegung um 1900 vorgestellt hatte, wucherte jedoch zu einem der mächtigsten diktatorischen Systeme der Geschichte. Es ist aber wichtig zu verstehen, daß im gewissen Sinne der Stalinismus auf der Ebene der politischen Strukturen nichts anderes als ein modernisierter Zarismus, eine technisierte asiatische Despotie darstellte. Dies hatte Konsequenzen für die gesamte Welt, und vor allem für die sozialistischen Bewegungen weltweit, die sich in einem Aufreibungsprozeß sahen, sich entweder der reformistischen Sozialdemokratie oder dem totalitären Stalinismus hinzuwenden. Das prägte die Weltsituation auf der Ebene des kollektiven Bewußtseins für mehrere Generationen, mindestens seit dem Zusammenbruch des 3. Reiches. Die Ära des kalten Krieges schuf jene Bipolarität in den Alternativen: "demokratischer" Kapitalismus oder totalitärer "Sozialismus" (Stalinismus). Natürlich habe ich die Anführungszeichen gesetzt, um auszudrücken, daß weder der Kapitalismus in dieser Zeit wirklich und uneingeschränkt demokratisch, noch der Stalinismus wirklich und im eigentlichen Sinne des Wortes "sozialistisch" war. Es geht mir aber hier nicht um eine exakte Analyse beider Systeme, sondern ich möchte die Bipolarität im Bewußtsein der Weltbevölkerung betonen, einer Weltbevölkerung, die heute mehr denn je zu 70 % aus dem besteht, was Marx "Proletariat" nannte. Diese Bipolarität gibt es nicht mehr. Der gute Fukuyama verkündete also anläßlich des Zusammenbruchs der Sowjetunion "das Ende der Geschichte", den "Endpunkt der ideologischen Evolution" und die "letzte Form menschlicher Verwaltung". Und nun, 10 Jahre später, ist ebendieser Mann so erschreckt über das Ergebnis des weltweiten Raub- und Kriegskapitalismus, daß er sagt: . Der Ruf von Karl Marx "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" passte noch nie so gut wie heute. Und da hat der Mann recht. In der Tat wirft das häßliche Gesicht des globalen Kapitalismus, exzellent versinnbildlicht in der Gestalt des unsäglichen US-Präsidenten George W. Bush, die Frage auf: was ist die Alternative zu diesem Wahnsinn? Die Alternative ist nicht mehr Ostblock versus "freier Westen", sondern es gibt nur noch den unipolaren Irrsinn einer Börsenschwindlerclique, die sich durch Wahlbetrug den gesamten Staatsapparat der USA angeeignet haben und nun sich anschicken, ihre Imperialvisionen der gesamten Welt aufzudrücken, aber nicht etwa nur als "Visionen", keineswegs, sondern in Form handfester Bomben, ökonomischer Verwüstung, schamloser Bereicherung durch das Elend von Millionen Menschen.
"Will Socialism Make a Comeback?" fragt sich da auch Fukuyama schon vor drei Jahren. Und diese Frage ist richtig gestellt. Der Stalinismus wird kein Comeback erleben, da stimme ich Fukuyama entschieden zu, aber die Frage nach der Alternative zum bushistischen Weltimperium stellt sich dringend und drängend. Die Menschen dieses Planeten werden nicht bereit sein, den Bushismus hinzunehmen, 20 Millionen sagten schon klar und entschieden "Nein!". Milliarden Menschen werden willens und in der Lage sein, die Freakshow von heute auf morgen zu beenden, wenn sie wissen, was DANACH kommt. Und das ist der springende Punkt. Fukuyama hat natürlich recht, wenn er das Comeback des Sozialismus prophezeit, aber Tatsache ist, daß Sozialismus zunächst ein abstrakter Begriff ist, der sich für die Millionen Menschen auf der Welt, die mit dem Kapitalismus brechen wollen, noch nicht als konkret vorstellbar darstellt. Die sozialistische Bewegung hat nämlich eine erhebliche Verspätung in der konkreten Theorie der Zukunftsgesellschaft (eben des Sozialismus). Solange sich für die Menschen dieser Welt der Begriff Sozialismus immer noch mit den Einparteienregimes und bürokratischen Mißwirtschaften der Vergangenheit verbindet, solange werden sie zwischen Rebellion und Anpassung hin- und herschwanken. Doch täuschen wir uns nicht. Die "Proletarier aller Länder" werden Bush und Co wie einen bösen Traum von einem Tag auf den anderen abschütteln, wenn sie wissen, wohin der Zug geht.
.Theoretisch bräuchte die Linke heute eine Vierte Internationale, in der sich die Armen und Entrechteten der Welt zusammenfänden: eine Organisation so global wie die Multis und Märkte, die sie bekämpft, schreibt Fukuyama. Ironischerweise scheint er nicht zu wissen, daß eben eine solche Vierte Internationale 1940 von dem bolschewistischen Revolutionsführer Leon Trotzki begründet wurde. Und die Gründungsaufgabe ebendieser vierten Internationale war genau die, die Fukuyama beschreibt. Warum weiß Fukuyama das nicht? Nun, das liegt daran, daß diese Vierte Internationale zum Zeitpunkt ihrer Gründung verschwindend klein war und sich in der Folgezeit noch zahllose Male gespalten hat. Heute gibt es weltweit mindestens 5 große Strömungen und dutzende kleiner internationaler Organisationen, die sich auf die Vierte Internationale beziehen oder gar behaupten, sie selbst schon darzustellen. Und es handelt sich keinesfalls nur um bloße Sekten. In Argentinien, in Bolivien, in Brasilien stehen trotzkistische Gruppen und Organisationen an vorderster Front der sozialen Kämpfe, die massiven Antikriegsbewegungen in Europa, Japan und auch in den USA sehen die zerstrittenen trotzkistischen und halbtrotzkistischen Organisationen als die entschiedensten und konsequentesten Kräfte gegen die Kriegspolitik Bushs. In Frankreich bei den Präsidentschaftswahlen 2002 gewannen die in drei große und viele kleine Parteien gespaltenen Trotzkisten (LCR, LO, PT, etc) gar zusammen 10 % der Wählerstimmen. Es scheint gar, als ob die Trotzkisten sich durch Spaltung immer weiter vermehren, es gibt fast kein Land der Welt, wo sich nicht trotzkistische Gruppen erbittert über die richtige Strategie und Taktik streiten. Und doch ist die trotzkistische Strömung weltweit die einzige verbliebene nennenswerte international organisierte revolutionäre sozialistische Kraft. Moskauorientierte, maoistische, guerilliaorientierte Gruppen, sie alle sind verschwunden, im Prozess der Auflösung oder marginalisiert, aber der Trotzkismus scheint unausrottbar zu sein. Dieser Umstand zeigt zweierlei. Zum einen zeigt er, daß der Trotzkismus seine historische Relevanz nicht verloren hat, sondern seine historische Mission erst noch erfüllen muß, was aber sicher bedeutet, daß er eine Zukunft hat. Es zeigt sich aber auch, daß die Menschen, die sich auf den Trotzkismus und auf die Vierte Internationale berufen, noch nicht die Methoden gefunden haben, um die abermillionen rebellischer Menschen dieses Planeten für ihre Sache, die ja die Sache des Weltproletariats und damit der Weltmenschheit ist, zu gewinnen. Damit sind wir aber an einem springenden Punkt angelangt. Das ist die Schlüsselfrage. Die Schlüsselfrage ist der Sozialismus, und damit meine ich die weltweite- Gesellschaftsform, die den globalen Kapitalismus, der bekanntlich Krieg, Elend und Umweltzerstörung schafft, ablösen soll. Die Trotzkisten haben exzellente Methoden und Strategien aus der Menschheitsgeschichte mitgebracht und sozusagen treuhänderisch verwahrt, die Millionen Menschen etwa in den USA, in Lateinamerika, Europa oder sonstwo in die Lage versetzen würden, mit dem ganzen Alptraum so schnell Schluß zu machen, daß wir selbst Dubya Bush noch im wohlverdienten Ruhestand im Luxusgefängnis von Dallas erleben könnten? Warum begreifen das die Abermillionen nicht? Warum tun sie es nicht? Wäre es nicht am besten, sie würden sich alle das trotzkistische Rüstzeug aneignen und Schluß machen mit dem Irrsinn? Die Frage ist einfach beantwortet: Weil es keine KONKRETE Vorstellung gibt von dem, was nach dem Kapitalismus kommen soll. Es gibt keine KONKRETE Sozialismusvorstellung mehr, selbst die überzeugtesten Sozialisten können den Sozialismus nur abstrakt beschreiben. Sicher gibt es da Begriffe wie "Rätedemokratie", "demokratische Planwirtschaft", "Übergangsgesellschaft", aber wer kann sich da etwas konkretes, erfahrbares darunter vorstellen? Ich meine, daß das nicht immer so war. Die Sozialisten um 1900 versuchten stets, aus den fortgeschrittensten technologischen, wissenschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Errungenschaften ihrer Zeit konkrete Zukunftsmodelle zu entwickeln. So stellte man sich um 1900 einfach vor, die gesamte Großindustrie in ein einziges großes gemeinwirtschaftliches Untenehmen zu überführen, das von den Beschäftigten selbst verwaltet wird. Vorbilder waren damals etwa der Kruppkonzern (ein demokratisch von den Arbeitern verwalteter Kruppkonzern als Sozialismusmodell) oder die deutsche Reichspost (auf die sich Lenin bezog). Auch die sogenannten Klassiker des Sozialismus, Marx und Engels, beobachteten sehr genau die Ereignisse ihrer Zeit und versuchten unablässig, konkrete Vorstellungen und Visionen vom Sozialismus / Kommunismus zu formulieren und zu vermitteln. So erläuterte Karl Marx anhand der Pariser Kommune: "Der gerade Gegensatz des Kaisertums war die Kommune. Der Ruf nach der "sozialen Republik", womit das Pariser Proletariat die Februarrevolution einführte, drückte nur das unbestimmte Verlangen aus nach einer Republik, die nicht nur die monarchische Form der Klassenherrschaft beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft selbst. Die Kommune war die bestimmte Form dieser Republik." Sprachs und führte konkret aus, wie die Pariser Kommune strukturiert war, wie sie gearbeitet und entschieden hatte, welche Maßnahmen getroffen wurden etc.etc. Das war für die damalige Zeit KONKRET, es bedeutete "eine andere Welt ist möglich, schaut euch die Pariser Kommune an, das war ein Modell" (bekanntlich wurde die Pariser Kommune 1871 von der bürgerlichen Konterrevolution zerstört). Engels gar bemühte Gemeinschaftsprojekte christlicher Sekten als Modellbeispiele dafür, was man sich unter Kommunismus / Sozialismus vorstellen konnte (siehe entsprechenden Abdruck in der Nemetischen Heimatzeitung Nr. 6). Fukuyama schreibt: "Vielleicht kommt eine ganz neue Regierungsform dabei heraus. Eine Art Herrschaft der Nicht- Regierungsorganisationen" . Bewundernswert, Fukuyamas Intuition. Tatsächlich kommt es letztlich auch nicht auf Begriffsdefinition an. Es ist nicht wichtig, ob wir eine Zukunftsgesellschaft, die den Kapitalismus ablösen wird, jetzt Sozialismus, kooperativ-synergetische Gesellschaft oder wie auch immer nennen. Es kommt aber darauf an, KONKRETE Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie ab dem Tag, wo Bush oder sein Nachfolger in Untersuchungshaft geschickt wird, Ökonomie, Produktion, Kultur und Alltagsleben funktionieren soll. Es gibt dabei keinen Zweifel, daß es auch Übergänge geben wird und geben muß. Aber die Vorstellung einer wünschenswerten Gesellschaft muß konkret sein, und zwar konkret nicht nur für einzelne, sondern für ebene jene Abermillionen, ohne deren Aktion die Bushs dieser Welt auch noch das 22. Jahrhundert regieren werden. Fukuyama hat recht, wenn er schreibt: "Wird die auf Information basierende Volkswirtschaft komplexer und technologie-intensiver, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Entscheidungsfindungsprozesse dezentralisiert werden wie in einer Marktwirtschaft. Hinzu kommt noch ein anderer Faktor: die Globalisierung in Verbindung mit der Informationstechnik" Die Sozialismusvorstellungen des 19. Jahrhunderts bezogen sich auf eine industrielle Produktionsweise. Doch wo vor 50 Jahren Bandarbeiter im Schweiße ihres Angesichts Motorenblöcke montierten, da produzieren heute Industrieroboter und menschliche Spezialisten überwachen die Steuerungscomputer. Entscheidungsfindungsprozesse müssen in der Zukunftsgesellschaft mindestens so effizient und dezentralisiert erfolgen wie in den heutigen Strukturen. Es muß die Produktionsweise der Zukunft aus den fortgeschrittensten Errungenschaften der Gegenwart abgeleitet werden. Fukayama schreibt: "Eine Herrschaft der Nicht- Regierungsorganisationen ist weit entfernt von Sozialismus" Hier stimme ich ihm NICHT zu, sondern im Gegenteil glaube ich, daß er eine Formel für den Sozialismus der Zukunft gefunden hat: eine Herrschaft der Nicht- Regierungsorganisationen, und zwar auf allen Ebenen. Im Grunde fand schon Karl Marx die treffende Definition "freie Assoziation der Produzenten" für das, was er sich unter Kommunismus vorstellte. Nicht mehr Staat, sondern immer weniger Staat ist das Ziel, so weit, bis der Staat als Zwangsstruktur selbst verschwindet. Damit ist aber die Frage der Austauschprozesse noch nicht beantwortet. Die Brechung der Macht der großen Banken, der wahren Dikatoren unserer heutigen Welt, ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine nachkapitalistische Welt. Hier können entwickelte Tauschringmodelle wegweisend sein, die auf der Grundlage nicht akkumulierbarer Währung den Austausch von Produkten und Dienstleistung ermöglicht. Auch hier ist der Sozialismus als Vision nicht weiterentwickelt worden seit 1917, es ist beim Entwicklungsstand der Produktivkräfte heute nicht denkbar, daß ein noch so demokratisch gewählter Planungszentralrat eines Betriebes oder einer ganzen Region Planziele festlegt, die von anderen Einheiten erfüllt werden müssen. Eine Kombination aus Markt und dezentralisierter demokratischer Planung könnte allerdings ein System schaffen, das an Flexibilität den kapitalistischen Mechanismen der Profitmaximierung weit überlegen ist. Hier muß viel nachgedacht und geforscht werden, so viel nachgedacht und so viel geforscht, daß diese Aufgabe kaum den politischen Vordenkern des Sozialismus, etwa den Trotzkisten, überlassen werden kann, nein, vielmehr ist es die Aufgabe von Millionen Menschen, von uns allen, konkrete Modelle der Zukunftsgesellschaft zu entwickeln. Diese Modelle dürfen auch nicht nur einfach entworfen und umrissen werden, sie müssen in konkreten Modellprojekten bereits praktisch getestet und erprobt werden. Es geht mit Sicherheit nicht darum, Inseln im Kapitalismus zu schaffen, kleine Aussteigerstrukturen, in denen wenige Menschen sich in einer Insel der Seeligen wähnen, während die Welt ringsherum in Schutt und Asche fällt. Nein, es geht darum, Modelle einer Zukunftsgesellschaft so zu schaffen, daß sie Laboratorien für die Gestaltung einer lebenswerten Kultur darstellen, ökonomisch, ökologisch, sozial, gesellschaftlich, spirituell, sexuell, kulturell. Gemeinschaftsprojekte können mithin zum einen ein Beispiel geben, daß eine andere Welt prinzipiell möglich ist, zum anderen aber können sie bereits konkrete Elemente der Zukunftsgesellschaft realisieren und in ihrer Funktionstüchtigkeit testen, überprüfen und korrigieren. Darin liegt wahrhaftig eine große historische Aufgabe der Gemeinschaftsbewegung. Daß diese Aufgabe der konkreten Entwicklung der Elemente der Zukunftsgesellschaft nicht nur Aufgabe eines bestimmten politischen Lagers sein kann, ist klar. So sehr etwa die Trotzkisten konkrete Methoden und Strategien des politschen Kampfes vorschlagen, so wenig sind sie konkret in der konkreten Vision der Zukunftsgesellschaft, die ja doch letztlich das Ergebnis des erfolgreichen Kampfes gegen den Kapitalismus sein soll. Andererseits habe ich etwa bei dem relativ unpolitischen Stamm der Likatier eine Gemeinschaftskonzeption vorgefunden, die von allen mir bekannten Modellen dem am nächsten kommt, was sich Marx, Engels und hunderttausende von politischen Aktivisten positiv mit dem Begriff "Kommunismus" verbanden, und das, obwohl die Likatier sich zweifellos selbst nicht als "Kommunisten" sehen. Wir müssen einengende und überholte Denkschablonen überwinden und aufheben. Engels führte es vor, als er die sexualfeindlichen und tief religiösen Shaker- und Rappitengemeinden in Pensylvannia als Beispiele "kommunistischer Ansiedlungen" nannte. Daß die Shaker und Rappiten sich selbst subjektiv nicht als "Kommunisten" sahen, störte ihn dabei keineswegs. Es muß beides zusammenkommen, für die gesamte Menschheit:
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