Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Die "Zehn Gebote": Grundlage einer zeitgemässen Ethik?

 

prometeus

erschienen in der NHZ Nr. 11, Februar 2006

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"Die Zehn Gebote Gottes weisen uns den Weg in eine friedliche Welt. Sie sind nicht antiquiert, sondern heute aktueller denn je. Für alle, die die Zehn Gebote zur Richtschnur ihres Lebens machen, führen sie zu Glück, Freiheit und Erfolg!" (1)

So steht es auf einer christlichen Webseite. Christen aller Coleur, selbst diejenigen, die ansonsten kaum etwas mit Kirche und Gottglauben am Hut haben, stimmen darin überein, dass die "Zehn Gebote" eine, wenn nicht überhaupt die massgebliche Grundlage eines gesellschaftlichen Zusammenlebens darstellt und dass eigentlich alle Menschen, egal welcher Weltanschauung, dem zustimmen können. Ist dem wirklich so? Interessanterweise sind die "Zehn Gebote" wohl das einzige Relikt aus dem alten Testament, das für Christen noch einen bindenden Charakter darzustellen scheint. Während z.B. andere "mosaischen Gesetze", wie zum Beispiel die Erlaubnis, die eigenen Töchter in die Sklaverei zu verkaufen (2), das Recht Sklaven straffrei zu töten (3) sowie die Pflicht, seine Verwandten und Freunde bei religiösen Meinungsverschiedenheiten umzubringen (4) von heutigen Christen nicht praktiziert werden, so lernen doch schon mancherorts Erstklässler die "Zehn Gebote" auswendig. Betrachten wir jedoch die "Zehn Gebote" unter dem Gesichtspunkt, inwieweit sie mit den Menschenrechten und dem Grundgesetz kompatibel sind, so werden wir bald Erstaunliches feststellen. Ich nehme daher den Text aus der revidierten Lutherbibel (1984) über die "Zehn Gebote" heran, um die einzelnen Gebote einer genaueren Prüfung zu unterziehen. (5) Allerdings gibt es unterschiedliche Zählungen für diese zehn Gebote. Die jüdische Zählung, der auch manche christlichen Sondergemeinschaften folgen, teilt das erste Gebot in zwei auf und fasst die letzten beiden zusammen. Aber lassen wir solche Spitzfindigkeiten und beginnen mit dem ersten Gebot, so wie es die meisten Christen kennen.

1.Gebot:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

"Keine anderen Götter zu haben neben dem EINEN" impliziert, dass es zwangsläufig andere GöttInnen geben muss. Sonst würde diese Aussage wenig Sinn machen. Es handelt sich hierbei also um einen verordneten Henotheismus. (6) Der Anspruch dieses Gottes (und vor allem seiner irdischen Statthalter) auf Exklusivität kollidiert sowohl mit der negativen als auch der positiven Religionsfreiheit. Noch vor gut zweihundert Jahren herrschte hierzulande Konfessionszwang. Zugelassen waren nur Religionen, die "den EINEN Gott" verehrten, entsprechend dem ersten Gebot, und jedermann/frau musste sich zu einer dieser Konfessionen (katholisch, evangelisch, reformiert, jüdisch) bekennen. Erst mit Beginn der französischen Revolution setzte gegen den erbitterten Widerstand von Kirche und Klerus ein Prozess der Liberalisierung ein, der es uns heute gestattet, frei von Strafandrohung auch nicht an den EINEN Gott zu glauben. Das "Bilderverbot", ergo das Verbot sich zu kultischen Zwecken Kunstartikel herstellen zu dürfen, widerspricht der verfassungsgemässen Freiheit der Kunst und des Rechtes auf Selbstentfaltung. Dass zudem der EINE Gott auch noch die Kinder, Enkel und Urenkel für Verfehlungen der Väter bestrafen will ist mit modernem Strafrecht nun überhaupt nicht mehr vereinbar und erinnert an die Sippenhaft der Nazis. Glaubenszwang, Einschränkung künstlerischer Tätigkeit und Sippenhaft sind wohl kaum Bestandteile einer zeitgemässen Ethik. Das erste Gebot verstösst gegen die elementaren Menschenrechte auf dreifache Weise.

2.Gebot:

Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.

Mißbrauch des "Namens des Herrn" ist immer sehr subjektiv als solcher zu werten und schwer an objektiven Kriterien festzumachen. Mancher Kopf musste schon rollen um jemand zu schützen, dessen Existenz gar nicht als gesichert anzusehen, ja eher unwahrscheinlich ist, den EINEN Gott. Als Relikt daraus schlummert immer noch der unsägliche §166 StGB (7) in unserem Strafrecht ("Gotteslästerungsparagraph"). Allerdings gilt "Gotteslästerung" nur dann als strafbar, wenn der Landfriede gefährdet ist, also eine ziemlich hohe Hürde. Ein Vorstoss zur Abschaffung desselben vor einigen Jahren fand indes keine parlamentarische Mehrheit genausowenig wie der Gesetzentwurf zur Verschärfung desselben durch die CDU und der Kirchenlobby. Obwohl die Justiz in den letzten zwanzig Jahren wohl kaum mehr Urteile wegen Gotteslästerung verhängt hat, so besteht diese Gefahr latent fort. Aktuell ist ein Fall anhängig, bei dem jemand Klopapierrollen mit dem Stempelaufdruck "Koran" versehen und zum symbolischen Kauf angeboten hat. Dies führte zu einem Strafbefehl wegen Verstoss gegen den §166 StGB und einer Hausdurchsuchung. (8) Der Auslöser war eine Beschwerde der iranischen Regierung (!!!). Willfährig zu sein gegenüber einem klerikalfaschistischen Land, das Ehebrecherinnen steinigen lässt und wo auf "Glaubensabfall" die Todesstrafe steht, zeugt nicht gerade von einer unabhängigen Justiz. Es ist daher längst überfällig, dass dieser anachronistische Paragraph aus dem Strafgesetzbuch entfernt wird.

3.Gebot:

Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

Nun ist es ja auf den ersten Blick keine schlechte Idee einen arbeitsfreien Tag pro Woche zu haben. In vorindustriellen Zeiten von Frondienst und Leibeigenschaft war der arbeitsfreie Sonntag ein Segen für die geplagten Menschen in Stadt und auf dem Land. Und selbst die sonntags geöffneten Gastwirtschaften haben meist einen Ruhetag. Und dass neben den Juden wohl nur noch die Adventisten den "Sabbat  heiligen" stört niemanden wirklich. Aber die Begründung für dieses "Gebot" ist schräg: Sie setzt voraus, dass der EINE Gott "Himmel und Erde" in sechs Tagen erschaffen hat. Diese anachronistische kreationistische Weltsicht erlebt derzeit eine Renaissance in der Form des pseudowissenschaftlichen "intelligent design". Deren nicht gerade an Geldnot leidenden Verfechter haben es immerhin erreicht, dass im US- Bundesstaat Kansas an öffentlichen Schulen der Kreationismus als wissenschaftliche Tatsache gelehrt wird. Hierzulande ist es die im baden-württembergischen Baiersbronn ansässige "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" (9), die versucht, "evolutionskritische" Lehrbücher in die Schulen zu bringen. Obwohl mit dem thüringischen Ministerpräsident Althaus ein prominenter Regierungsvertreter dem Verein seine Unterstützung gewährt, ist es doch mittelfristig eher unwahrscheinlich, dass derartige Bestrebungen erfolgreich sein werden. (10) Wissenschaftliche Arbeit hat immer ergebnisoffen zu sein und ist nicht wie das "intelligent design" eine Alibifunktion für religiöse Absonderlichkeiten.

4.Gebot:

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

Vater und Mutter zu ehren ist sicher eine Selbstverständlichkeit, die keines besonderen Gebotes bedürfte. Immerhin verdanken wir ihnen unser Dasein. Dass die katholische Kirche aus eigennützigen Interessen davon Ausnahmen geschaffen hat, fällt erst bei näherem Hinsehen auf. Mönche und Nonnen, die pflegebedürftige Eltern haben, können kaum erwarten, dass sich die Kirche derer annimmt, haben sie doch mit Eintritt in den Orden unwiderruflich schon auf ihre gesamten Vermögenswerte und zukünftigen Erbschaften zu Gunsten des Ordens verzichtet. Und dass Sozialämter, die dann für die notwendigen Kosten aufkommen, dafür den Orden in Haftung nehmen ist undenkbar. Hätten die Kirche nicht lieber auf ihren gekreuzigten mythologischen Vordenker hören sollen der angeblich sagte: "Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Satzungen willen? Denn Gott hat geboten "Du sollst Vater und Mutter ehren; wer aber Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben." Aber ihr lehrt: Wer zu Vater oder Mutter sagt: Eine Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht, der braucht seinen Vater nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Gebot aufgehoben um eurer Satzungen willen."(11) Wenn, wie im 4. Gebot bestimmt, die tatsächliche individuelle Lebenserwartung an den Umstand geknüpft wäre, dass den leiblichen Eltern die nötige Achtung zuteil wird, warum schlägt sich das dann nicht empirisch nieder? Und dass ihr Land ihnen von ihrem Gott direkt zugeteilt wurde, glauben nicht nur orthodoxe Juden, sondern auch evangelikale US-Amerikaner ("God's Own Country").

5.Gebot:

Du sollst nicht töten.

Mord und Totschlag werden in Friedenszeiten fast weltweit als Straftat geahndet. Theoretisch! Kopfabschlagen im Namen des HERRN galt schon immer als gute Tat. Hexen verbrennen auch! Kein Wunder, kaum waren die Zehn Gebote in Stein gemeisselt, musste auch schon ein armer Mann deswegen sterben, weil er am Sabbat ein wenig Brennholz gesammelt hatte. (12) Und dass die Kanaanäer im noch zu erobernden Land vom Säugling bis zum Greis hingemetzelt werden sollten, nur weil sie andere GöttInnen anbeteten, steht schon ein paar Kapitel weiter. (13) Kein Wunder, dass es auch später mit dem Tötungsverbot niemand mehr sonderlich ernst nahm. Nach China und dem Iran vollstrecken die superchristlichen USA die meisten Todesurteile weltweit.

6.Gebot:

Du sollst nicht ehebrechen.

Es hat sehr lange gedauert, bis die Erkenntnis zum Tragen kam, dass Frauen kein Besitz, sondern eigenständige und gleichberechtigte Wesen sind, und somit Ehebruch auch kein Eingriff in männliche Eigentumsrechte darstellt. Und ob ich mit einer (meiner) Frau Sex habe (oder mit einem oder mehreren Männern und/oder Frauen), ob sie nur mit mir Sex hat, oder ob überhaupt nicht, ob wir das oder jenes wollen, ob wir lieber Gruppensex haben oder sonst irgendwas anderes, ist unsere einvernehmliche Entscheidung, in die kein Dritter sich einzumischen hat, auch kein Gott. Dieses Gebot kollidiert eindeutig mit dem Grundrecht der sexuellen Selbstbestimmung.

7.Gebot:

Du sollst nicht stehlen.

Auch Diebstahl ist prinzipiell ja ethisch verwerflich. Richtig! Das Plündern eroberter Länder gehört wohl nicht dazu. Im Gegenteil, die Empfänger der zehn Gebote wurden ja regelrecht dazu aufgefordert. (14) Und dass die allermeisten Besitztümer und Ländereien der Kirchen nicht aus edlen Spenden stammen, sondern zusammengeklaut wurden, ist hinreichend dokumentiert. Besitztitel, die in klösterlichen Fälscherwerkstätten massen-weise produziert wurden, verhalfen dem Klerus nicht nur zu Wohlstand, sondern auch zu weltlicher Macht. (15) Nicht nur den nordamerikanischen Indianern wurde mit christlichem Segen das Land gestohlen, der Landklau geht tagtäglich weiter in aller Welt nach dem Gesetz des Stärkeren und mit priesterlichem Segen
.

8.Gebot:

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Dass Normalbürger vor Gericht die Wahrheit sagen müssen ist bekannt. Verstöße dagegen stehen als Meineid oder uneidliche Falschaussage unter Strafe. Priester und sonstige Prediger berufen sich auf das Beichtgeheimnis, Beamte und Politiker auf eine fehlende Aussagegehmigung ihrer Dienstbehörde, Polizisten sprechen ihre Aussagen untereinander ab, nigendwo wird so viel gelogen wie bei Gericht und Untersuchungsausschüssen. Wen wundert es da, dass auch der kleine Mann lügt um sich Vorteile zu verschaffen, die Großen machen es ja vor. Und dass man auch mal lügen muss um jemanden zu schützen ist wohl jedem klar. Oder was wäre wohl passiert, hätte jeder Bauer, der damals Juden auf dem Dachboden versteckt hielt, um sie vor der Vernichtung zu retten, der Gestapo die Wahrheit gesagt?

9.Gebot:

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

10.Gebot:

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Diese Gebote des Nichtbegehrens anderer Eigentum ist widersinnig. Erstens sind Frauen hier Eseln und anderen Besitztümern (auch leibeigenen "Knechten und Mägden") gleichgestellt, also käufliche Ware. Zweitens sind die individuellen Bedürfnisse nicht schon deswegen grundsätzlich schlecht, weil jemand anders sich diese schon erfüllt hat. Wünsche, Träume und Ziele sind in der Natur des Menschen verankert. Es kommt nur darauf an wie sie befriedigt werden können. Angebot und Nachfrage setzt für alles einen Preis fest, jedes Haus und jedes Nutztier hat seinen Preis, jeder Angestellte fordert seinen Lohn. Mit Gier oder Habsucht, die manche auch dazu bringt sich rechtswidrig in den Besitz anderer zu bringen, hat das alles nichts zu tun. Und schlussendlich ist es nicht das wahre Glück, sich seine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, sondern die Bedürfnisse derjenigen mit denen man sich gemeinschaftlich verbunden fühlt.

Fazit:

Wer jetzt noch der Ansicht ist, die "Zehn Gebote" seien eine mögliche Grundlage für einen "Weltethos", wie es z.B. der Theologe Hans Küng anstrebt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Ein archaisches Menschenbild zusammen mit Verpflichtung exklusiv den monotheistischen Macho- Gott "anzubeten" kann keine Basis für das Zusammenleben unterschiedlichster Individuen sein.
Was also dann wäre denn die Alternative? Eine Ethik, die dem Umstand Rechnung trägt, dass es die unterschiedlichsten 2 Menschen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen, Wünschen und Träumen gibt, die auf die Erfüllung derselben hinwirken. Das Leben an sich ist ja genau das was passiert, während man die Erfüllung seiner Wünsche und Träume erwartet. Was sind denn die menschlichen Grundbedürfnisse?
Der Selbsterhaltungstrieb des Menschen beinhaltet zum Beispiel die natürlichen Wünsche nach ausreichender und gesunder Nahrung, angemessener Bekleidung, Unterkunft, Privatsphäre, Gesundheit und Betätigung. Da wir uns die Bedürfnisse nicht alleine im glückstiftendem Mass gewähren können, sind wir auf die Mithilfe anderer angewiesen. Im Gegenzug tragen wir dazu bei, anderen ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Dies kann natürlich zeitweise auch unter Zwang erfolgen. Dabei werden aber nicht die Bedürfnisse aller Beteiligter gleichmässig erfüllt. Deshalb ist eine Gesellschaft, die auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit basiert, besser geeignet, die individuellen Wünsche aller zu erfüllen. Und je mehr ich bereit bin, für die Bedürfnisse anderer zu sorgen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch meinen eigenen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Dies führt dazu, dass wir emotionale Beziehungen zu Menschen und zur Natur aufbauen. Das nennt man auch Liebe.

Liebe ist daher das wichtigste Element von Ethik. Nur wer liebt wird auch geliebt werden. Liebe in den Beziehungen der Menschen untereinander und zwischen Mensch und Natur können allerdings nicht als "Gebot" oder "Gesetz" formuliert werden, sondern nur als Ziel. Die Liebe untereinander ist in der Goldenen Regel beinhaltet die sagt: "Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest" und weitergehend: "Behandle andere so, wie sie selbst behandelt werden möchten" (Platinregel), was besser die unterschiedliche Bedürfnislage impliziert.
Der menschliche Wunsch nach Gemeinschaft erstreckt sich nicht nur auf die individuelle Grundbedürfnisse. Der Mensch ist ein "Herdentier" und lebt auch vom Austausch mit anderen. Diesem Wunsch muss Rechnung getragen werden. Die anhaltende "Atomisierung" der Gesellschaft führt nicht zu mehr individueller Freiheit, sondern zu Frustrationen der besonderen Art. Ziel einer zeitgemässen Ethik sollte es also sein, nicht weniger, sondern ein Mehr von Gemeinschaft in der Gesellschaft zu verankern. Diese Gemeinschaften müssen nicht zwangsläufig auf leiblichen Verwandschaftsverhältnissen basieren. Auch Wahlfamilien, kommunitäre Gemeinschaften, moderne Stämme und generationsübergreifende Wohnprojekte sind nicht nur Utopien, sondern reale Alternativen.
Das natürliche Bedürfnis nach Spiritualität, der dem Menschen innenwohnende "Kulttrieb", wurde in der Vergangenheit entweder instrumentalisiert und dogmatisiert (Kirchen) oder komplett negiert (orthodoxe Linke). Beides trägt einer modernen Ethik nicht Rechnung. So unterschiedlicher die individuellen spirituellen Neigungen sind, desto differenziertere Angebote sind erforderlich. Das Pendant zur Verehrung des EINEN Gottes, der aus dem Nahen Osten kommend, hier vor fünfzehnhundert Jahren seinen exklusiven Machtanspruch mit Hilfe seiner "irdischen Stellvertreter" zementierte, ist eine freie Spiritualität. Dabei spielt es keine Rolle, ob, und wenn ja, welche GöttInnen verehrt, welche Feste gefeiert und welche Weltanschauung vertreten wird.
Entscheidend ist, dass freie Spiritualität selbstbestimmt erlebt wird und nicht Vorgaben irgendwelcher Interpretationen alter Bücher oder tradierter Vorgaben folgt. Fremdbestimmte Spiritualität ist weder freiwillig noch frei. Daneben muss auch berücksichtigt werden, dass Spiritualität nicht für alle Mitglieder der Gesellschaft gleich wichtig ist. Während manche ein sehr ausgeprägtes spirituelles Bedürfnis verspüren, sind andere eher marginal daran interessiert. Freie Spiritualität kommt ohne Gebote und Verbote aus, die Ethik lässt sich in dem schönen Merksatz formulieren: "Tu was du willst, schade niemanden!" Ethik kommt ohne Moral aus. Während Ethik aktiv die Beziehung zwischen den Beteiligten regelt, so ist "Moral" etwas Fremdes, Passives, willkürlich Übergeordnetes und zieht ihre Berechtigung meist aus "göttlichen" Geboten. Anstatt zu moralisieren, widmen wir uns lieber intensiver darum, die Bedürfnisse und Wünsche der Personen zu erfüllen, denen wir uns geistig, spirituell, familiär oder gemeinschaftlich verbunden fühlen. Das ist die wünschenswerte Ethik der Zukunft! Die nemetischen Leitideen von Liebe, Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und freier Spiritualität sind exakt das, was eine lebenswerte Zukunft auf der Basis einer Ethik, die Mensch und Natur verbindet, ausmacht.
(pt.2006)

Quellenangaben:

1)http://www.universellesleben. org/deutsch/frameload.html?/deutsch/wir_ ueber_uns/zehn_gebote.html
2) 2.Mose 21,7
3) 2.Mose 21,20-21
4) 5.Mose 13,6-11
5) 2. Mose 20,2-17
6) Henotheismus: Verehrung einer einzigen Gottheit unter mehreren
7) § 166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen (1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.
8) http://www.eussner.net/artikel_2005-11- 29_15-39-48.html
9)http://www.wort-und-wissen. de/publikationen.html
10)http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1 518,375856,00.html
11) Matthäus 15,3-6
12) 4.Mose 15,32-36
13) 5.Mose 20,10-17
14) 5.Mose 7,1-6
15)Kriminalgeschichte des Christentums, K.H. Deschner

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Stand: 02. Mai 2006