|
|
|
Der Anstoß zur Vision Nemetien kam vom Stamm der Likatier, auch bekannt als Stamm Füssen Eins, den ich mit einigen gemeinschaftsinteressierten Menschen Februar 2000 besuchte. Ich war tief beeindruckt und fasziniert von der Art und Weise, mit der sich die heutigen Likatier auf das untergegangene keltische Volk der Likatier bezog, um ihrem Zukunftsprojekt einen Namen zu geben. Auf die Spuren der historischen Nemeter war ich durch meine historischen Regionalstudien gestoßen als Student arbeitete ich als Ausgrabungshelfer im pfälzischen Raum. Die eigentümliche Namensgebung "Nemeter", wurzelverwandt mit den gälischen Worten für Ekstase "nemain" und Heiligtum "nemeton" erzeugten in mir Assoziationen und Phantasien weniger im Kopf als vielmehr im Herzen. Dieses untergegangene und vergessene Volk begann mich zu faszinieren und von mir Besitz zu ergreifen, ja man könnte von einer Art "nemetischer Besessenheit" sprechen. Es war, als ob der kollektive Geist dieses verschwundenen keltischen Volksstammes danach strebte, in neuer Gestalt die Geschichte zu betreten, um eine friedfertigere, humanere und harmonischere Zukunft mitgestalten zu helfen. Es war, als ob die untergegangenen friedfertigen Nemeter mir die Botschaft sandten: "Nehmt unseren Namen und unsere Heiligtümer sind die euren. Ihr seid die Erben!" Klingt verrückt, nicht wahr? Lieber Leser, ver-rückt zu sein heißt natürlich nichts anderes als die Realität unter anderen Bezugspunkten zu betrachten als es die Verrücktheit der sogenannten Normalität tut. Und meine zentralen Bezugspunkte sind und bleiben die Visionen von einer gerechteren Gesellschaft, einer Ordnung der Harmonie, einer für alle Menschen lebenswerten Zukunft, die Bezugspunkte, die mich in meiner Jugend unter die Fahnen des Trotzkismus und des revolutionären Sozialismus geführt haben. Ich bin mir da aus meiner Sicht treu geblieben. Immer habe ich in den politisch linken und revolutionären Strömungen aber die Ansätze konkreter Zukunftsalternativen vermißt, zu gern wurden Fragen nach Zukunftsmodellen oder der Gestaltung einer nachkapitalistischen Welt in die Zukunft vertagt oder gar als "utopischer Sozialismus" abgetan. Eine historische Quittung dafür war die gräßliche Erscheinung des Stalinismus, dessen endgültiger Untergang um 1990/91 aber auch viele Menschen jeglicher Hoffnung auf eine andere Zukunft beraubte (es machte das Schlagwort vom "Ende der Geschichte" die Runde). Jedoch sind Menschen im großen, gar "massenhaften" Maßstab historisch immer nur dann bereit, für eine neue Gesellschaft einzutreten oder zu kämpfen, wenn sie wenigstens umrissweise- eine Vision von einer lebenswerteren Zukunft haben. Dies gilt insbesondere für das Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen. Es wäre nie zur Herausbildung der modernen Demokratie gekommen, wenn es nicht schon in der frühen Neuzeit die Visionen einer Demokratie gegeben hätte. Ich gehe bekanntlich nicht davon aus, daß die heutige repräsentative Demokratie auf der Basis des globalen Kapitalismus das "Ende der Geschichte" darstellt. Doch die lebenswerte Welt der Zukunft, die ein Charles Fourier als "Harmonie" (im Gegensatz zur "Zivilisation", das heute), die Arbeiterbewegung als Sozialismus, die Gemeinschaftsbewegung als "kommunitäre" Gesellschaft bezeichnet, sie muß wenigstens modellhaft, in Keimformen, im Schoße der alten Gesellschaft entwickelt sein. Es gibt eine Textstelle bei Karl Marx, die diesen Umstand aus meiner Sicht sehr schön zum Ausdruck bringt. "Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab." ( Karl Marx im Vorwort von "Zur Kritik der politischen Ökonomie") Auf die Hervorhebung möchte ich eingehen, weil genau dieser Satz mich immer wieder nachdenklich stimmt: "neue höhere Produktionsverhältnisse (also eine neue Gesellschaftsordnung) treten nie an die Stelle (der alten Gesellschaftsordnung, heute der globale Kapitalismus), bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind". Die materiellen Existenzbedingungen höherer Produktionsverhältnisse, d.h. einer neuen Gesellschaft, das ist zum einen sicherlich Technologie und Produktionsprozeß, das ist zum anderen aber auch das ganze System von Strukturen, in denen Menschen ihr gesamtes Leben leben: Betriebsorganisation, Familienstrukturen, Wohnformen, Kindererziehung, Sexualität etc. Die Modelle der Zukunftsgesellschaft auf all diesen Ebenen in einem regionalen Bezugsrahmen zu implementieren, das ist Gegenstand der Vision Nemetien: kooperative-synergetische Betriebe, Tauschringorganisationen, Vielfalt von monogamen und polygamen verbindlichen Beziehungen, der Stamm als Lebensmittelpunkt, freie kreative Spiritualität, Kultur als Selbstentfaltung des Individuums (und nicht als Konsum), revolutionärer Regionalismus (gegen Nationalstaat, Fremdenfeindlichkeit und Chauvinismus) . Nemetien war und ist für mich mithin die Umsetzung von Capras Maxime "gobal denken, lokal handeln". Die Vision Nemetien atmet aus meiner Sicht also den welthistorischen Atem aller Emanzipationsbestrebungen der Menschheitsgeschichte, und das nicht als dunkle Zukunftshoffnung, sondern als praktisches Projekt im regionalen Maßstab. Natürlich: Nemetien allein verändert die Welt nicht, aber Nemetiens überall auf der Welt unter vielen Namen und mit vielfältigen historischen Bezügen, das würde sie verändern. So weit die Vision. Als ich das Konzept Nemetien zum ersten Male in schriftlichen Aufsätzen formulierte, warnte mich ein naher Freund schon, daß das Konzept zwar sehr zukunftsträchtig und wegweisend, aber historisch und kulturell "verfrüht" sei. Ich muß ihm im Nachhinein zustimmen. Es ist eine gewisse Eigentümlichkeit innovativer Gemeinschaftsprojekte, daß die Initiatoren dieser Projekte zu Beginn ihrer Aktivität als isolierte Sonderlinge und Querulanten gelten. Hat eine Vision jedoch einmal das Licht der Realität erblickt, dann erscheint es ganz und gar nicht mehr sonderbar, sondern als "state of art". So verwundert es mich letztlich nicht, daß gerade bei regionalen Anhängern des ZEGG Aversionen gegen die Vision Nemetien sich entwickelten. Gerade sie bedenken nicht, daß auch die Vision "ZEGG" vor der Gründung dieses Projektes auch als Projekt von Sonderlingen und Querulanten angesehen wurde. Ich hatte nie den persönlichen Ehrgeiz, als Gründer und Initiator einer Gemeinschaftsvision zu persönlichem Ruhm und Ehre zu kommen. Mir ist die Vision als solche wichtig, sie gibt mir Kraft und Halt und meinem persönlichen Leben Richtung und Konsistenz. Ich bin davon überzeugt, daß das Modell Nemetien zukunftsträchtig ist und für eine Bewegung von Gemeinschaftsgründungen im südwestdeutschen Raum geistige Grundlage sein kann. Ich betrachtete und betrachte die Vision Nemetien als eine Inspiration, nicht als ein persönliches Werk, sondern als eine Aufgabe, die mir gestellt ist. Ausdrücklich erhebe ich keinerlei Urheberansprüche weder auf die Idee Nemetien selbst, noch auf den Namen, noch auf alle in diesem Zusammenhang geschriebenen Texte. Es war und ist mir nur wichtig, daß die Vision die Welt der Vorstellung verläßt und in die Realität tritt. Wer immer sich positiv auf die Vision Nemetien bezieht, soll dies frei und ungehindert tun. Hoffnung bietet die sich anbahnende Zusammenarbeit mit dem Stamm der Likatier. Zwar gibt es auf "nemetischer" Seite personell noch kein Gegenstück zu dem mitgliederstarken und erfahrenen Stamm zu Füssen, doch gibt es unterdessen immerhin einige wenige Menschen, die sich positiv mit der Idee eines "modernen Stammes" auseinandersetzen und mit konstruktivem Feedback auf die bisherigen Ausgaben der NHZ reagierten. Mit diesen Menschen werde ich versuchen, die Vision Nemetien weiterzuentwickeln und zu kultivieren. Für Nemetien sind die Zeiten noch nicht gekommen, die Vision ist noch ein schlummernder Traum, doch bin ich überzeugt davon, daß sich Menschen finden werden, die das gewaltige Potential dieser Idee erkennen und erfassen werden, es konstruktiv und kreativ aufgreifen werden, um eine lebenswerte Zukunft mitzugestalten. "Die Idee wird zur materiellen Kraft, wenn sie die Herzen der Menschen ergreift". Raven |
Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: nemetien@nemetien.org
|