Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Die Sektenproblematik im Spiegel einer freien Spiritualität

Von Prometeus. Erschienen in der NHZ Nr.5, Dezember 2002

"......würde man die Priester entsprechend ihrem Verdienst bezahlen, würde man ihre Funktionen entsprechend ihrem wahren Wert einschätzen, so fände man vielleicht, daß sie keinen besseren Lohn verdienen als jene Kurpfuscher, welche an den Straßenecken Heilmittel feilbieten, die gefährlicher sind als die Leiden, welche sie zu heilen versprechen." (Paul Thiry de Holbach Religionskritische Schriften 1778)

Der Sektenbegriff ist historisch derart belastet, daß es schwer fällt sich damit zu beschäftigen, ohne Bilder von Massenselbstmördern oder verklärten religiösen Fanatikern damit zu assoziieren. Wenn man bedenkt wieviel Unheil religiöse Eiferer anrichten können, so ist diese negative Wertung gerechtfertigt. Allerdings wird im deutschen Sprachgebrauch alles als "Sekte" abqualifiziert was nicht den "main stream" – Glaubensrichtungen entspricht. Und hier haben wir ein Problem, nämlich eine gesellschaftliche Benachteiligung jeglicher freier und ungebundener Spiritualität durch die Einstufung als "Sekte".

Daher ist es unbedingt notwendig sich mit dem Begriff "Sekte" als auch mit der Sekten- problematik an sich auseinanderzusetzen. Ursprünglich bezeichnet der Begriff "Sekte" die Abspaltung einer Minorität von der weltanschaulich dominanten Organisation, Religion oder Partei. Dem können Abweichungen in der Ideologie genau so zugrunde liegen, wie unterschiedliche Auffassung hinsichtlich der geeigneten Führungspersönlichkeiten. Zahlreiche "Sekten" spalten sich dadurch ab, daß charismatische Anführer eine Anzahl von "Anhängern" um sich scharen auf die sie in der Folge großen Einfluß ausüben (z.B. Vereinigungskirche ["Moon-Sekte"]). Andere "Sekten" entstehen durch neu interpretierte Glaubensdogmen ( z.B. die "neuapostolische Kirche" als Abspaltung der früheren "katholisch- apostolischen Bewegung").

Ironischerweise gibt es religiöse Abspaltungen, die nicht als "Sekten" bezeichnet werden da sie in höherem gesellschaftlichen Ansehen stehen, obwohl die Kriterien ebenfalls zutreffen würden, so. z.B. die "Altkatholische Kirche" (entstanden durch die Ablehnung des päpstlichen Unfehlbarkeitsanspruchs als Folge des 1. Vatikanischen Konzils), die zwar zahlenmäßig sehr gering, dennoch der "Römisch- Katholischen Kirche" rechtlich gleichgestellt ist.

Im Allgemeinen werden Glaubens-gemeinschaften als "Sekte" bezeichnet auf die die meisten der folgende Kriterien zutreffen:

vergleichsweise geringe Anzahl an Mitgliedern
Führung durch eine oder mehrere charismatische Einzelpersonen
Anspruch auf exklusiven Wahrheitsbesitz
Elitäre Denk- und Verhaltensstrukturen
Sanktionen gegenüber "Ehemaligen" und "Abtrünnigen"
Verehrung der Religionsstifter
soziale Kontrolle der Mitglieder untereinander und durch Führungskräfte
verbindliche moralische Verhaltensnormen
Demokratiedefizite
Missionsdrang
bedingungslose Gefolgstreue

 Wenn wir über die Klassifizierung von Religionsgemeinschaften als "Sekten" nachdenken werden wir feststellen, daß auch die gesellschaftlich anerkannten "main stream" Religionen die meisten der oben genannten Kriterien erfüllen. Folglich handelt es sich bei der Bezeichnung "Sekte" um eine eindeutige Diskriminierung!

Keine kleinere Glaubensgemeinschaft würde sich selbst als "Sekte" bezeichnen sondern sich im Gegenteil zur Wehr setzen. Und viele der sogenannten Sekten sind ihrerseits wieder Opfer von "Abspaltungen" noch kleinerer Gruppen von "Sektierern" ( z.B. "Mormonen" und "Zeugen Jehovas", die jeweils Dutzende von "Abspaltungen" haben) geworden.

Die gesellschaftlich anerkannten großen Kirchen und Glaubensgemeinschaften verdrängen ihre "sektiererischen Ursprünge" als solche nicht, weigern sich aber mit "Sekten" verglichen zu werden.

Entstand doch das "Christentum" im 2. Jahrhundert aus einer Vielzahl konkurrierender Sekten, die allesamt dem Judentum entsprangen, so waren mehrere Jahrhunderte andauernde Zwangsmaßnahmen notwendig um einigermaßen verbindliche Glaubensinhalte mit Gewalt durchzusetzen. Kirchenkonzile wie z.B. das Konzil von Nicäa endeten in handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den Bischöfen. Dabei wurden dort so wesentliche Dinge wie die Frage der Göttlichkeit Jesu oder der verbindliche Inhalt des "Neuen Testaments" entschieden. Die Abspaltung von "Orthodoxen", "Protestanten", "Reformierten" und "Evangelen" ging doch jeweils einher mit Schismen die von "sektiererischen" Einzelpersonen ( Arius, Luther, Zwingli, Calvin, Heinrich der VIII, LeFevre usw.) maßgeblich geprägt waren. Heute ist die Anzahl "christlicher" Glaubensgemeinschaften nicht mehr überschaubar.

Das Judentum, aus dem sich die christlichen Ursekten entwickelten, war seinerseits im ersten Jahrhundert so zerspalten, daß der jüdisch- römische Geschichtsschreiber Josephus ca. 60 zeitgenössische Sekten aufführt (Christen erwähnt er hier nicht, offensichtlich damals noch zu unbedeutend). Die Verhältnisse im religiösen Judentum haben sich seither kaum geändert.

Der Islam, als jüngstes Mitglied im Klub des patriarchalischen Monotheismus war schon in der Erbfolge Mohammeds, also praktisch von Anfang an, hoffnungslos zerstritten und gespalten in Schiitten, Sunniten, Ismaeliten usw.. Der Islam blieb der Sektiererei bis zum heutigen Tage treu.

Angesichts der geschichtlichen Entwicklung ist es schon sehr vermessen, wenn Institutionen und Kirchen ihrerseits "Sektenberatung" anbieten und "Sektenbeauftragte" besolden, handelt es sich doch nur um religiöse Wettbewerber. Nicht daß Aufklärung nicht Not täte, im Gegenteil, es ist sehr wichtig objektiv und umfassend über Hintergründe und Gefahren zu informieren, aber ist denn gerade der religiöse Wettbewerber dazu qualifiziert und ermächtigt?

Die Folgen sind mangelnde Objektivität in der Beurteilung sowie Unter- und Überbewertung von Gefahrenpotentialen mit z.T. grotesken Folgen. Beispiele gefällig?

- Scientology:

Obwohl wohl nur einige tausend aktive Mitglieder in Deutschland dieser "Science-Fiction"- Religion angehören wird diese Gruppe vom Bundesverfassungsschutz beobachtet und fällt regelmäßig durch negatives Medienecho auf. Und selbst wenn der gelegentlich erhobene Vorwurf stimmen sollte, daß wirtschaftlicher Erfolg zum Credo gehört, ist das doch in einer kapitalistischen Gesellschaft an sich nichts Ehrenrühriges. Erfolgreiche Leute schmeißen keine Bomben und begehen keine Selbstmordattentate. Und wenn irgend jemand sein Vermögen für Scientology- Kurse ausgeben will, ist das doch nicht schlimmer als wenn er sein ererbtes Haus dem Franziskanerorden vermacht.

 - Opus Dei

Wenn man überhaupt von einer Sekte sprechen kann, die sich die Weltherrschaft zum Ziel setzt und versucht Wirtschaft und Politik zu unterwandern, dann ist es dieser durch den spanischen Priester Escriba in den zwanziger Jahren gegründete katholische Laienorden, dem zwar weltweit nur ca. 80.000 Aktivisten angehören, der aber allerhöchste Protektion durch den Papst und die Mehrzahl aller katholischen Bischöfe genießt. Er arbeitet zudem konspirativ, sein Einfluß ist aber jetzt schon größer als derjenige der Jesuiten. In keinem Verfassungsschutzbericht wurde er trotz seiner verfassungsfeindlichen Ziele je erwähnt, geschweige denn hat ein "Sektenbeauftragter" je vor Opus Dei gewarnt.

 - Millis Görüs

Dieser islamistisch- fundamentalistische Verein treibt in Deutschland sein Unwesen seit Jahrzehnten ohne jemals ernsthaft behelligt worden zu sein. Erst auf massiven Druck seitens der türkischen Regierung wird er nun staatlicherseits "beobachtet". Verfassungsfeindliche Hetze, Propaganda für einen islamistischen Gottesstaat und Erpressung von meist türkischen Landsleuten sind gerichtlich erwiesen und einzelne führende Mitglieder wurden deshalb rechtskräftig verurteilt. Und dennoch entschied der Senat der Stadt Berlin, daß eine Tarnorganisation dieses Vereins an öffentlichen Schulen islamischen Religionsunterricht erteilen darf. Wo sind hier die "Sektenaufklärer"?

 - Christliche Mitte

Dieser als politische Partei auftretender Verein ist die "christliche Taliban" schlechthin. Hetze gegen "Gottlose", Schwule, Lesben, Heiden, Moslems und andere Andersdenkende sind sogar in deren Parteiprogramm verankert. Aber die Politik kümmert sich lieber um Verbotsanträge gegen versprengte Neonazis und verfolgt kleine Stasibürokraten, christliche religiöse Fanatiker lässt sie unbehelligt. Hat sich je ein "Sektenbeauftragter" dazu geäußert?

 Man könnte noch viele solcher Beispiele anführen um die Inkonsequenz von "institutioneller Sektenaufklärung" aufzuzeigen. Was also soll geschehen? Ich stelle dazu folgende Thesen auf:

  1. die Aufklärung über Religion muß wertfrei und objektiv über ein bundesweites schulisches Pflichtfach (wie z.B. LER in Brandenburg) erfolgen.
  2. dogmatischer Religionsunterricht muß aus den Schulen verbannt werden
  3. der fragwürdige Status der "Körperschaft öffentlichen Rechts" für Glaubens-gemeinschaften muß abgeschafft werden
  4. "Sekten"- Aufklärung gehört nicht in kirchliche Hände
  5. Gleichbehandlung aller Glaubens-gemeinschaften und Kulttreibenden durch den Staat
  6. konsequentes Verbot verfassungs-feindlicher religiöser Aktivitäten
  7. Schluß mit steuerfinanzierter Priesterbesoldung und Steuerbefreiung kirchlicher Einkünfte und Vermögenswerte

 Dies mögen hehre Ziele sein, und manch einer wird sagen, und daß das auf absehbare Zeit nicht durchsetzbar sei. Das mag sein, aber wer seine Ziele nicht kennt wird sie sowieso nicht erreichen. Daher sind auch kleine Schritte diesbezüglich nützlich.

Eine freie und individuelle Spiritualität ist jedenfalls nur dann möglich wenn umfassend und objektiv informiert wird. Kirchliche Hetzpropaganda führt jedenfalls zu Scheiterhaufen und Bücherverbrennung; das ist historisch wohl ausreichend bewiesen. Das Zeitalter der Hexenverbrennungen sollte ein für alle mal vorbei sein.

Respekt und gegenseitige Achtung (nicht Diskriminierung) bieten Gewähr für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen, egal ob sie Christ, Heide, Jude, Hindu, Moslem, Buddhist oder Atheist sind. Und auch nur so ist es möglich, die Zukunft, die noch genügend Aufgabenstellungen mit sich bringt zu bewältigen um den nachfolgenden Generationen eine sinnvolle Perspektive zu bieten.

(pt)

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Stand: 12. Februar 2005