Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Die Rolle des Rituals für Gemeinschaftsbildung

Auszug aus Conny Meiers Buch "Ansichten über Gott"

"Diejenige psychologische Tatsache, welche die grösste Macht in einem Menschen besitzt, wirkt als "Gott", weil es immer der überwältigende psychische Faktor ist, der "Gott" genannt wird." (C. G. Jung) [1]

Als die ersten Hominiden mental und intellektuell in die Lage versetzt wurden, sich über ihre Existenz erstmals Gedanken zu machen, erschufen sie sich selbst ihre Gottheiten. Das war der Quantensprung vom Tier zum Menschen! Ludwig Feuerbach beschreibt das so:

 

"Das Wesen des Menschen im Unterschied vom Tiere ist nicht nur der Grund, sondern auch der Gegenstand der Religion." [2]

Er entwickelte einen religiösen oder spirituellen Trieb, den Kult- Trieb, wie wir ihn fortan nennen werden. Sigmund Freud hat das schon frühzeitig erkannt und so beschrieben! Neben dem Selbsterhaltungstrieb, dem Fortpflanzungstrieb (Sexualität) und dem Herdentrieb (soziales Verhalten ) kam ein vierter Trieb hinzu, der Kult- Trieb (Freud nannte ihn den "Religionstrieb").

Erstaunlicherweise ist der Kult- Trieb auch im wichtigsten Kult- Buch der Christen, der Bibel recht treffend beschrieben. Im Bibelbuch Jesaia Kapitel 44 heisst es ab Vers 14:

"Er geht frisch daran unter den Bäumen im Walde, daß er Zedern abhaue und nehme Buchen und Eichen; ja, eine Zeder, die gepflanzt und die vom Regen erwachsen ist und die den Leuten Brennholz gibt, davon man nimmt, daß man sich dabei wärme, und die man anzündet und Brot dabei bäckt. Davon macht er einen Gott und betet's an; er macht einen Götzen daraus und kniet davor nieder. Die Hälfte verbrennt er im Feuer, über der Hälfte ißt er Fleisch; er brät einen Braten und sättigt sich, wärmt sich auch und spricht: Hoja! ich bin warm geworden, ich sehe meine Lust am Feuer. Aber das übrige macht er zum Gott, daß es ein Götze sei, davor er kniet und niederfällt und betet und spricht: Errette mich; denn du bist mein Gott!"

Das ist er also, der Kult- Trieb! Warum nennen wir es so?

Nun, auch Atheisten treiben Kult! Die Götzenbilder und Denkmäler atheistischer Kulte können noch in allen ehemals kommunistisch- atheistischen Ländern besichtigt werden. Ob Lenin- Mauseleum, Denkmäler zu Ehren von Karl Marx (Atheist) oder zu Ehren der "glorreichen Revolution", auch Gottlose treiben Kult. Oder wie der Religionswissenschaftler Dr. Michael Schmidt- Salomon es sagt:

"Für meine Begriffe ist ein Atheist auch eine Art Gläubiger. Er glaubt (‚felsenfest‘) es gebe keinen Gott, die Welt, das Leben habe sich selbst erschaffen usw."

Der Kult- Trieb entspringt, wie die anderen Triebe auch, dem Unterbewusstsein. Gleichgültig wo wir geboren, wie wir aufgewachsen sind und welche Ausbildung wir genossen haben, der Kult – Trieb ist in uns! Wie alle anderen Triebe ist er mal mehr und mal weniger ausgeprägt, aber er ist da! Er ist in jeder Person die denken kann, vorhanden, unabhängig davon wie er gelebt wird; Götter spielen da erst eine nachgeordnete Rolle.

Der Kult- Trieb, was ist das?

Ist der Kult- Trieb negativ, ist er wünschenswert? Nun, er ist einfach da! Und genauso wir es lieben uns in der Gesellschaft von Freunden aufzuhalten (Herdentrieb), gerne eine/n oder mehrere Sexualpartner/in haben (Fortpflanzungstrieb), oder gerne gut essen und trinken (Selbsterhaltungstrieb), so empfinden wir Befriedigung beim Ausleben des Kult- Triebes.

Einige Beispiele:

das junge Mädchen, das nachdem es liebevoll seinen verstorbenen Wellensittich im Garten beerdigt hat, andächtig vor dem Grab steht
die Mutter, die ihr einziges Kind bei einem Verkehrsunfall verloren hat, und in der Kirche eine Kerze für sie anzündet, obwohl sie selbst viele Jahre keine Kirche mehr von innen gesehen hatte
der Spieler in der Spielbank, der ein Glücksamulett tragend, am Roulett – Tisch seine Chips flüchtig mit den Lippen berührt bevor er sie einsetzt
der Direktor, der sein Büro mit den aus dem Afrika- Urlaub mitgebrachten Medizinmann – Utensilien schmückt
der Abiturient, der bei der schriftlichen Prüfung gelegentlich in die Hosentasche greift, um seinen Glückstein zu umfassen
der US – Präsident, der beim Amtseid die Hand auf die Bibel legt
der südamerikanische Fussball- Profi, der sich bekreuzigt und sein Amulett küsst, nachdem er das entscheidende Tor erzielt hat, und in der nachfolgenden Pressekonferenz erklärt, er widme dieses Tor der Madonna, die er um Hilfe angefleht habe, als seine Karriere wegen einer Knie- Verletzung vorzeitig beendet schien
der Fabrikarbeiter muslimischen Glaubens, der unter den Blicken seiner verständnislosen Kollegen sein Mittagsgebet auf einem mitgebrachten Gebetsteppich verrichtet
die Jugendlichen, die zur Sonnwendfeier sich um ein großes Holzfeuer versammeln um zu Musik und Tanz das mitgebrachte Bier trinken
der Fernfahrer, der ein Hufeisen an der Kühlerhaube und ein Bild des heiligen Christophorus am Seitenfenster angebracht hat
der Frührentner, der am liebsten Mystery- Serien ansieht, Däniken –Bücher liest, und sich heimlich ein Pendel nebst Gebrauchsanleitung schicken lies
der Bürgermeister, der am Wahlsonntag zum Gottesdienst in der Kirche seine Glückskrawatte trägt, die er schon bei seinem ersten Wahlsieg getragen hatte
der Akademiker, den in seinem Ägypten- Urlaub beim Anblick der Pyramiden ein unheimliches Gefühl befällt, das ihn nicht mehr loszulassen scheint
oder der Manager, der vor wichtigen Entscheidungen das Grab seines Vaters aufsucht um sich dort seelischen Beistand zu holen

Man könnte fortfahren und noch viele Beispiele unseres Kult- Triebes anführen. Muslimische Tuarek– Krieger mit Ritual- Dolchen konkurrieren mit jüdischen Gebetsriemen, schamanischer Federschmuck mit hinduistischen Haustempeln, tibetanische Gebetsmühlen mit Kruzifixen in bayrischen Klassenzimmern.

Im Allgemeinen besteht ein Konsens darüber, dass die Anfänge allen Kultes im "Unbegreifbaren" lagen. Im Gegensatz zu den Tieren, für die Leben und Tod natürlich sind, und die gar nicht in der Lage sind darüber nachzudenken, tun Menschen von der Frühzeit eben dies – nachdenken!

Ob ein homo- erectus bereits Kult betrieb, wenn er in einer klaren Vollmond- Nacht andächtig den Mond betrachtete und dabei ein "kosmisches" Gefühl bekam, wissen wir nicht, aber es ist wahrscheinlich. Es wird behauptet, der "Cro- Magnon"– Mensch bildete ca. 35000 v. u. Z. die erste menschliche "Gesellschaft", ein Gemeinwesen das diesen Namen wirklich verdient hätte.

Da also der Mensch nicht erklären konnte wie Leben entsteht, sich aber alles um ihn herum zyklisch wiederholte (Schöpfung- Geburt- Leben- Sterben) und er von der Natur abhängig war, war natürlicherweise auch die Natur an sich verehrungswürdig, d.h. kultwürdig.

Da jede Blume verwelkte, nur um darauf folgenden Jahr wieder zu neuem Leben zu erwachen, war daher anzunehmen, daß auch die verstorbenen Tiere und Menschen zu neuem Leben erwachen. Wie das passiert wusste man nicht, aber man nahm es an. Und es geschieht heute noch!

Kulturen vergehen, neue Kulturen entstehen an ihrer Stelle, Berge und Meere verschwinden, neue Gebirge entstehen wo vorher Meeresgrund war, Sonnensysteme entstehen, verglühen und bilden kosmische Staubwolken, aus denen eines Tages in weiter Ferne wieder neue Sonnen entstehen.

Manche Zyklen sind so relativ langsam, andere laufen schneller ab, wie der Tag -Nacht- Zyklus oder der Mondzyklus. Im mitteleuropäischen Raum sind es die Jahreszeiten, die das Leben bestimmen und nach denen die Bewohner sich ausrichten mussten, wollten sie überleben.

In diesem unendlichen Kreislauf war kein Schöpfergott vorgesehen, der alles erschaffen hat; diesen Kreislauf gab es ja schon immer, nur vielleicht in anderer Form. Und es ist die Frau, das weibliche Wesen, welches das Leben immer wieder aufs Neue erschafft, nur sie wird schwanger und gebiert neues Leben welches den Kreislauf aufrecht erhält.

Da war sie nun also, unsere Urmutter Erde, die Mutter Natur, die Lebensspenderin, die uns beschenkende gütige Mutter. Man sieht sie überall, die "Grosse Mutter": im Boden, der neues Leben wachsen lässt; in jedem Lebewesen; in jedem Stein (der vielleicht vor Millionen Jahren eine Muschel oder ein Stück Holz war); in der Sonne, die Licht und Wärme spendet; im Wasser, das Leben erhält; im Wind, der Leben weiterträgt; im Feuer, das Leben zerstört, nur um Platz zu machen für neues Leben und im Mond, der uns Ruhe und Schlaf spendet, nur um am nächsten Tag erneut der Sonne Platz zu machen.

All das verkörpert die "Grosse Mutter", die erste und einzige Göttin, der Verehrung zuteil wurde. Viele Namen wurden ihr gegeben: Gaya, Demeter, Isis, Aradia, Diana, Habionda, Freya, Lilith, Istar, Porsepina, Naamah, Herodias, Astarte, Frigga usw.

Es ist der natürlichste Kult, den es gibt, die natürlichste Religion überhaupt (daher der Ausdruck "Naturreligion"). Und sie hat bis heute noch in vielen Erscheinungsformen überlebt ("der alte Weg", diverse Neo -Wicca- und neuheidnische Bewegungen, "Druiden", diverse Naturreligionen in Afrika und Asien, "Schamanen" ecc

Soziologen warnen davor, daß unsere Wohlstandsgesellschaft immer mehr vereinsamt. Kleinstfamilien, alleinerziehende Eltern, Single- Haushalte und Lebensabschnittsgemeinschaften zweier Partner lösen die Familien vergangener Tage, in denen mehrere Generationen zusammenlebten ab (die sogenannte Atomisierung der Gesellschaft). Unsere Triebe werden anders erlebt. War der Fortpflanzungstrieb früher in ein soziales Umfeld integriert, so ist Sex heutzutage ein Markenartikel; der Herdentrieb kann auf Demos, im Fussballstadion oder am Tresen in der Kneipe ausgelebt werden und aus dem Selbsterhaltungstrieb ist die "Ellbogengesellschaft" erwachsen. warum wundern wir uns dann darüber dass auch der Kult- Trieb neue Ansprüche stellt.

Gerade das spirituelle Bedürfnis des Menschen eignet sich doch am besten dazu, Veränderungen an der Gesellschaft im positiven Sinne zu bewirken. Kult treibt man nicht so gerne alleine, sondern lieber mit Gleichgesinnten. Deswegen kann auch die virtuelle Kirche oder der Fernsehprediger nicht den Besuch des Gottesdienstes für einen Christen ersetzen, weil er den Besuch der Kirche "erfährt". Er fühlt dabei.? Welche Alternativen haben wir denn? Es wurden und werden viele Versuche unternommen neue und zeitgemässere Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Man denke an die Wandervogelbewegung anfangs des letzten Jahrhunderts, an die Freikörperkultur (FKK), an die Hippie- Kommunen der späten Sechziger Jahren, an WG‘s (Wohngemeinschaften), betreutes Wohnen für Senioren, Wahlfamilien, "Stammesbildungen", "Clan’s" (auch nicht verwandtschaftliche) und so weiter.

Was hält eine Gemeinschaft, welche auch immer zusammen?

Es ist das gemeinsame Kult- Erlebnis!

Denken wir an die Zeit zurück, als die Familie (Grossfamilie) noch gemeinsam "Weihnachten" feierte. Man hatte einen Weihnachtsbaum stehen und am Heiligabend wurden gemeinsam Weihnachtslieder gesungen und alle freuten sich gemeinsam schon darauf. Heute wird Weihnachten in der Disco gefeiert, der Weihnachtsbaum wird ersetzt durch den Weihnachtsmarkt und Weihnachtslieder hört man im Kaufhaus. Der gemeinsam betriebene Kult dagegen entfällt. Die Gemeinsamkeiten schwinden.

Ein anderes Beispiel: Worauf basiert der Stammeszusammenhalt in Schwarzafrika? Die Mitglieder wohnen oft sehr weit auseinander und sehen sich nur sehr selten. Aber bei gemeinsamen Ritualen des Stammes sind sie alle anwesend um gemeinsam zu tanzen, zu trommeln und zu feiern. Rituale verbinden! Das gemeinsame Kult- Erlebnis.

Oder was schweisst eine Ordensgemeinschaft von Nonnen zusammen? Sind es nicht die gemeinsam erlebten kultischen Rituale? Was verbindet Stammtischbrüder untereinander? Sind es nicht Rituale die gepflegt werden? Worin besteht die Attraktivität von Burschenschaften, Freimaurerlogen und Studentenverbindungen? Rituale allerorten!

Damit also ein Clan oder eine Gemeinschaft dauerhaft bestehen kann ist es notwendig einen Ritualkonsens zu erarbeiten, an dem dann alle Mitglieder aktiv mitwirken. Dies stellt etwas Besonderes, etwas Elitäres dar, das ausschliesslich in der Gemeinschaft gepflegt wird, und deren Bedeutung sich Aussenstehenden weitgehend verschliesst.

Dazu stelle ich folgende Thesen auf:

  1. Um ein soziales Gemeinwesen auf Dauer zu erstellen, bedarf es eines Grundkonsenses aller Mitglieder sowohl auf weltanschaulicher wie kultischer Ebene. Alle Versuche das zu ignorieren sind auf Dauer fehlgeschlagen.
  2. Ein soziales Gemeinwesen kann nicht als Zweckgemeinschaft existieren. Gleiche Interessen oder gemeinsame Hobbys reichen nicht aus. Sondern es bedarf eines sehr innigen, ja intimen Verhältnisses aller Beteiligten untereinander (siehe Grossfamilie), das wiederum den Einzelnen verpflichtet verantwortlich zu handeln.
  3. Die Mitglieder der Gemeinschaft müssen alle ein sehr starkes Engagement im Hinblick auf gemeinsame Rituale einbringen; diese müssen gemeinsam erarbeitet und durchgeführt werden.
  4. Gemeinschaften, die Intimitäten und Sexualität auch untereinander in polyamorousen Beziehungen [51] ausleben (was den Zusammenhalt fördert), müssen die Sexualität unbedingt mit in die kultischen Rituale einbeziehen, um Konflikte im zwischenmenschlichen und emotionellen Bereich (Eifersucht etc.) zu vermeiden. Hat Sexualität dadurch den Charakter eines spirituellen und heiligen Aktes, wie dies in Ritualen zum Ausdruck gebracht wird, so ist man eher geneigt diesen heiligen Akt auch vor Missbrauch schützen.
  5. Die Gemeinschaft benötigt gesellschaftlich einen basisdemokratischen, matriarchalischen Charakter. Deshalb müssen die kultische Rituale denselben Charakter haben, was bedeutet, dass der Kult nicht hierarchisch angeführt werden kann. Im Klartext heisst das, dass Gruppen die auf einen gemeinsamen heidnischen oder humanistischen Grundkonsens ausgerichtet sind weitaus eher in der Lage sind eine intime und homogene Einheit zu werden und zu bleiben, als eine Gruppe, die patriarchalisch- monotheistische Kulte (z.B. christliche) als Basis hat.
  6. Eine solche Gemeinschaft kann nicht beliebig vergrössert werden, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Ab einer gewissen Größenordnung muss wieder zu kleineren Einheiten zurückgefunden werden (Zellteilung), um zu verhindern, dass Hierarchien mit dem zugehörigen Machtanspruch entstehen und um die Intimität der Mitglieder untereinander stabil zu halten.
  7. Und letztlich muss schon im Vorfeld für eine autarke, gemeinsame, vernünftige wirtschaftliche Basis gesorgt werden, ohne die ein Scheitern sehr wahrscheinlich ist.

Sind diese genannten Voraussetzungen gegeben, so hat eine derartige "Wahlgemeinschaft" (Stamm, Clan usw.) gute Chancen darauf, Bestand zu haben. Nicht jeder kann oder möchte sich in solchen Gruppen organisieren. Es ist noch eine kleine Minderheit, die das tut. Aber der Grundsatz, dass kultische Einheiten möglichst klein und überschaubar zu sein haben, um den Kult- treibenden ein Höchstmass an Erfüllung zu geben gilt universell.

Nur kleine und überschaubare "Glaubensgemeinschaften", "Kirchen" und andere Kulte, die völlig autark einen Konsens über ihre Rituale finden und diese eigenverantwortlich durchführen ohne dafür eine hierarchisch geordnete Priesterschaft in Anspruch zu nehmen, werden zukünftig den Kult- Trieb des Menschen ausreichend Befriedigung verschaffen. Machtansprüche zentralkirchlicher Autoritäten widersprechen dem total. Die organisierte schematische und inhaltslose Religionsausübung hat sich überlebt, eine spirituelle Verödung hält in den Religionen seit langem Einzug.

Es gibt Leute welche die Auffassung vertreten, man müsste ja nur die positiven Essenzen des patriarchalischen Monotheismus mit denen des Matriarchats zusammenführen um den gewünschten Effekt eines zeitgemässen Kultes in einer modernen Gesellschaft zu verwirklichen. Dem muss energisch widersprochen werden. Wie wir bereits im ersten Teil dieser Schrift gesehen haben, sind diese beiden gesellschaftlichen und kultischen Systeme von ihrem Kern her völlig diametral entgegengesetzt. Ein Zusammenführen würde zu ihrer beider vollständiger Auflösung ins Nichts bedeuten, so wie eine positive elektrische Ladung sich mit einer gleich grossen negativen Ladung einfach aufhebt.

Die Weltreligionen und Zentralkirchen haben kein Interesse daran, ihre Machtbasis und damit auch ihren politischen Einfluss zu verlieren. Sektenführer benötigen ihre Anhänger, ohne die sie gar nichts sind. Heerscharen von Berufspriestern und hauptamtlichen Mitarbeitern in Grosskirchen wären beschäftigungslos, staatlich finanzierte theologische Fakultäten, Bischöfe, Rabbis und Mullah’s überflüssig. Verbindliche Lehrmeinungen und Dogmen würden ersetzt durch Pluralität im Glauben. Intuition statt Katechismus, Liebe statt Verbote, Freude statt Selbstkasteiung, Freiheit anstelle von Gehorsam, Gleichberechtigung statt Hierarchien. Das ist die Zukunft des Kult’s. Alles andere wird früher oder später auf dem Müllhaufen der Geschichte landen.

Die Befriedigung des Kult- Triebs ist eine sehr persönliche Sache des Einzelnen. Frage dich:

wo fühle ich mich wohl und geborgen?
welche Rituale gefallen mir?
wie finde ich die nötige Kraft und Stärke um den Alltag zu bewältigen?
welche Erfahrungen würde ich gern machen?
wo finde ich befriedigende Antworten auf meine Fragen über Sein und Nichtsein?
welche Wertschätzung habe ich für Leben und Natur?
was bedeutet Sexualität für mich, und wie möchte ich sie ausleben?
wie und mit wem möchte ich meinen Kult- Trieb befriedigen?

Denke darüber nach, und berücksichtige dabei, es gibt keine richtigen und falschen Antworten darauf. Es gibt auch keine richtigen und keine falschen Religionen. Falsch handeln wir aber uns selbst gegenüber, wenn wir eigene Erkenntnisse und selbst gemachte Erfahrungen nicht umsetzen in ein unseren ureigensten Bedürfnissen entsprechendes Kultverständnis und dieses auch nicht praktizieren. Forsche, suche und probiere aus, diskutiere, sprich mit deinen Freunden, finde neue Freunde und letztlich irgendwann, wirst du deinen ganz eigenen persönlichen Weg finden.

Das Zeitalter der dogmatischen Religionen, des monotheistischen Patriarchats ist vorbei. Sein Einfluss schwindet zusehends. Nur eine auf Pluralität, Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt basierende Gesellschaft wird die Zukunft meistern können. Der Kult von morgen beinhaltet die Essenz des Matriarchats in all seiner Vielfalt, seiner Schönheit, seiner Leichtigkeit und seiner Freiheit. Trotzdem sind seine Stärken in seiner Entwicklung keineswegs mehr an das spezifisch weibliche Geschlecht gebunden, ebensowenig wie die Rationalität und die Zielstrebigkeit an das männliche. Das Matriarchat bedeutet also nicht "Herrschaft des weiblichen Geschlechts", wie manche feministischen Vordenkerinnen dies beschwören. Nein, das Matriarchat zielt ab auf Gleichberechtigung der Geschlechter, Solidarität und Respekt. Es zielt ab auf eine neue "alte" Form des Zusammenlebens aller Individuen. Inwieweit der einzelne das umsetzt, bleibt ihm /ihr selbst überlassen. Die Möglichkeiten sind vielfältig wie wir gesehen haben. Das wesentliche ist aber, dass die Art und Weise des Kulttreibens vom Einzelnen selbst ausgeht, und nicht wie im Patriarchat fremdbestimmt wird. So wird der Kult- Trieb individuell befriedigt ohne anderen ihre eigene Kult- Freiheit zu beschränken. Trennen wir uns daher von alten und festgefahrenen Vorstellungen, suche jeder individuell seinen " eigenen Kult" den "Kult von morgen".

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Stand: 02. Mai 2006