Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

wpe2A.jpg (16736 Byte)

Die alte Religion

Von Dragon und Gryphon, in der NHZ erschienen in Nr.4, Okt. 2002

Viele Menschen reagieren sehr abwehrend, wenn sie das Wort "Religion" hören oder lesen. Sie assoziieren mit diesem Wort - nicht zu Unrecht - dogmatische Weltbilder, unerfüllbare und beängstigende moralische Gebote, vielfältig interpretierbare Bibel- oder Koranzitate und ein rückständiges und engstirniges Denken.

Dies hat sicherlich damit zu tun, daß das Christentum in seinen beiden Hauptrichtungen, dem Katholizismus und dem Protestantismus, unseren heutigen Begriff von Religion prägten. Und auch der Islam, die große Alternative zum Christentum in weiten Teilen der Welt, gibt wenig Anlaß dazu, den Begriff Religion anders zu verstehen.

Und doch ist nicht wahr geworden, was Religionskritiker vieler Zeitalter erwartet, vorausgesagt, vielleicht sogar erhofft oder befürchtet hatten, nämlich daß die Religion als kulturelle Erscheinung ausstirbt. Es ist so, als gäbe es eine uralte Sehnsucht in den meisten Menschen, die sie immer wieder nach religiösen Orientierungen suchen läßt. Nach der Devise, besser beim guten Alten zu bleiben, als sich auf das schlechte Neue einzulassen, haben gerade sogenannte fundamentalistische Strömungen in allen großen Weltreligionen beträchtlichen Zulauf. Eigentümlicherweise sind aber gerade die fundamentalistischen Strömungen die unduldsamsten, aggressivsten, ja reaktionärsten Bewegungen innerhalb ihrer Kulturen. Viele frömmelnde Eiferer wünschen sich zweifellos, sie könnten wieder Hexen und Ketzer verfolgen und verbrennen oder die Scharia oder die mosaischen Gesetze wieder einführen. Die "Rückkehr" zur "alten" Religion soll die Probleme der Menschheit durch ein neues Zeitalter der religiösen Finsternis lösen. Doch die Fundamentalisten erheben zu Unrecht, den Anspruch, die "alte Religion" zu repräsentieren. Christentum und Islam, ja selbst der heutige Hinduismus oder Konfuzianismus sind gemessen an den langen Zyklen der Menschheitsgeschichte sehr junge Erscheinungen, keine 3000 Jahre alt. Ihr Auftauchen in der Geschichte fiel in großen Zügen zusammen mit dem Triumph zweier weiterer Phänomene der Weltgeschichte: dem Patriarchat und den Klassengesellschaften.

Mit dem Patriarchat wurde das weibliche Geschlecht kulturell, gesellschaftlich und politisch weitgehend entmachtet durch ein System männlich geprägter Hierarchien. Durch die Klassengesellschaften wurden die Menschen eingeteilt in Eigentümer und Nichteigentümer an Produktionsmitteln, sei es an Menschen selbst, an Grund und Boden, an Maschinerie oder an Kapital.

Diese Übereinstimmung ist bedeutsam, denn es gab schließlich auch schon VOR dem Patriarchat und VOR den Klassengesellschaften so etwas wie menschliche Zivilisation, ebenso wie es VOR dem Christentum, dem Judentum, dem Islam, dem heutigen Hinduismus und dem heutigen Konfuzianismus so etwas wie Religion in der menschlichen Kultur.

Aus der griechischen Antike kennen wir vielgestaltige Göttergestalten, wir kennen die gewaltigen Monumente von Carnac und Stonehenge, wir kennen die Pyramiden Altägyptens und die moderne Archäologie hat in ganz Europa zahllose Spuren eines Zeitalters ausgegraben, das die antiken Chronisten als das "Goldene Zeitalter" betrachteten.

Natürlich wissen wir, daß das menschliche Leben VOR dem Patriarchat und den Klassengesellschaften sicher auch nicht das reine Paradies war, doch bemerkenswert die Idealisierung dieses Zeitalters in fast allen alten Überlieferungen.

Nach allem, was wir wissen, war die Religion der alten Kulturen, also die wirkliche "Alte Religion" in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von dem, was wir die letzten 2000-3000 Jahre unter Religion verstanden haben.

Es gab keine starren Welterklärungs - Dogmen, an die die Menschen unter Androhung von Zwang und Gewalt glauben mußten. Es gab keine angeblich von Gott verkündeten genauen Auflistungen von Geboten und Verboten mit exakter Nennung barbarischer Strafmaßnahmen bei Nichteinhaltung. Es gab keine dogmatischen Schriftauslegungen von vorgeblich heiligen Büchern und es gab keine Denkverbote und religiöse Zensur. Die "alten Religionen" scheinen vielmehr ihre Gemeinsamkeit darin gehabt zu haben, daß sie die menschlichen Geschlechter gleichrangig behandelten, daß sie eine kreative Vielfalt von Götterbildern zuließen und sogar begünstigten, daß sie die Sexualität nicht ächteten, sondern anscheinend sogar als Kultelement handhabten, und daß sie den Einklang mit Natur und Kosmos höher schätzten als den Versuch, die Natur zu unterwerfen.

Ist es da angebracht, von einer "Alten Religion" zu sprechen?

Versteht man unter einer "Religion" ein dogmatisiertes, starres Welterklärungs - Modell mit dicken "heiligen" Büchern, die mit Strafgerichtsandrohungen vollgepropft sind, dann sicher nicht.

Versteht man aber unter "Religion" ein Verständnis der Verbundenheit mit der Welt und dem Kosmos, eine Tradition von gemeinschaftlichen Ritualen und Feierlichkeiten, sowie einen lebensbejahenden spirituellen Rahmen, so kann man sehr wohl von einer alten Religion sprechen.

In den verschiedensten Kulturkreisen erlebt diese alte Religion in unserem Jahrhundert ihre Renaissance. Im ostasiatischen Raum besinnen sich die Menschen auf die Lehren des Lao Tse. In Südasien wird die Tradition des Tantra wiederentdeckt. Die amerikanischen Ureinwohner, die sogenannten Indianer, besinnen sich auf ihr schamanistisches Erbe. Und in Europa entdecken viele Menschen ihre alteuropäischen germanischen, keltischen oder anderen Wurzeln wieder.

Die alten Völker kannten weder Rassenhaß, noch Völkermord, noch "ethnische Säuberung" als ideologische Konzepte. Der Bibel, speziell dem Alten Testament, kommt das fragwürdige Verdienst zu, solche Exzesse zu "heiligen Pflichten" erkoren zu haben

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: nemetien@nemetien.org
Stand: 02. Mai 2006