Archiv der Pintausgaben 2000 - 2006

Nemetische Heimatzeitung

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Arbeit und Liebe bei Charles Fourier

Eine Einführung in die Gedanken des großen utopischen Sozialisten und Vordenkers der Gemeinschaftsbewegung

Einleitung
1. Leben und Werk Charles Fouriers
    Der erbitterte Kritiker der Zivilisation
    Die Utopie von der Harmonie
    Lebensdaten
    Würdigung Charles Fouriers
2. GRUNDGEDANKEN
    Die Vision von einer Harmonie in Freiwilligkeit
    Anziehung und Leidenschaften
    Verfechter der Rechte der Frau
    Gegen die Kleinfamilien - Ehe
    Wichtige Grundbegriffe in Fouriers Werk
    Fouriers System der Leidenschaften
    Geschichtsepochen nach Fourier
3. DIE WIRKUNGSGESCHICHTE CHARLES FOURIERS
    Seiner Zeit weit voraus
    Erbitterte Feindschaften
    Verrat durch seine Schüler
    Begeisterte Zustimmung bei Marx und Engels
    Fourier in Vergessenheit
4. DIE LIEBE IN DER HARMONIE
    Fouriers Grundauffassungen von der Liebe in der Harmonie 
    Die Liebesordnungen der Harmonie
    "Zwiespältigkeiten"
5. ÜBER DIE FREIHEIT IN DER ARBEIT
6. ZUSAMMENFASSUNG: WAS CHARLES FOURIER UNS HEUTE NOCH ZU SAGEN HAT
    Probleme in Gemeinschaften
    Das Prinzip der Freiwilligkeit
    Aufflug der Leidenschaften
    Anziehende Arbeit
    Harmonie der Leidenschaften
EPILOG: FOURIER UND DAS PROJEKT NEMETIEN

Einleitung

Charles Fourier mag manchen Lesern mit marxistischer oder allgemein linker Vorbildung bekannt sein als sogenannter "Frühsozialist", als ein Vorläufer etwa von Marx und Engels, wobei der Begriff "Früh" nahelegt, daß es sich bei seinen Konzeptionen um etwas eben frühes, verfrühtes, noch nicht vollendetes, noch unfertiges handeln soll. Die wenigsten, die Fouriers Namen aus Hinweisen etwa von Engels in seiner "Geschichte der Familie, des Privateigentums und des Staates" kennen, wissen aber um die tatsächlichen Vorstellungen dieses großen Utopisten, der zu seinen Lebzeiten belächelt bis gehaßt wurde. Dabei gäbe es gute Gründe, Fourier als eine Art geistiger Vater der Sozialismus anzusehen, Engels jedenfalls ließ sich von ihm vergleichsweise stärker inspirieren als etwa von dem trockenen Hegel.

Mehr als jeder andere Theoretiker aber kann Fourier als der geistige Vater der Gemeinschaftsbewegung angesehen werden, denn das Leben in "Phalansterien" genannten Großgemeinschaften erscheint Fourier als unumgängliches Ziel der Entwicklung der menschlichen Kultur.

Seiner Zeit weit voraus war er mit seinen Vorstellungen von der "Freiheit der Liebe" jenseits von Kleinfamilie und Monogamie – Dogma, sowie seiner Konzeption von der "anziehenden Arbeit".

1. Leben und Werk Charles Fouriers

Der erbitterte Kritiker der "Zivilisation"

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Der utopische Sozialist Fourier (1772 - 1837) übte in seinen Schriften massive Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft, die mit dem Überfluss auch die Armut schafft. Zentrale These lautete, daß Einrichtungen der "Zivilisation" (Anm. 1) verhindern, daß der Mensch seine natürlichen positiven Möglichkeiten zu entfalten vermag. Hinderlich sind vor allem die von Menschen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Institutionen und Moralsysteme, in die sie sich gewissermaßen verstrickt haben.

Er war insofern der Begründer der sozialistischen Lehre des Fourierismus, die in Frankreich auch nach seinem Tod eine wichtige Rolle spielte.

Ein Auftrag an ihn, im Interesse einer Preisspekulation heimlich eine Reislandung ins Meer werfen zu lassen, soll ihn ursprünglich auf sozialistische Ideen gebracht haben. Als Handelsmakler in Lyon veröffentlichte er ab 1803 - zum Teil anonym - sein umfangreiches Schriftgut, in welchem er sein sozialistisches System begründet.
Fourier vertrat die Auffassung, dass eine natürliche gesellschaftliche Ordnung existiere, welche analog den Newton'schen Gesetzen in der Physik entspreche. So wie es in der Physik berechenbare Anziehungskräfte etwa der Gravitation gäbe, so existieren auch in der menschlichen Gesellschaft berechenbare Anziehungskräfte zwischen den Menschen, deren mächtigste gleichwohl die Liebe sei. Sowohl die physikalische Welt wie auch die Gesellschaft in ihrer historischen Evolution entwickle sich in acht aufsteigenden Stufen. In der Harmonie erst, der höchsten Stufe, sei der Mensch dazu in der Lage, seine Emotionen frei auszudrücken. Diese Stufe könne erreicht werden, indem man die Gesellschaft in "Phalanxen" aufteile. Dabei ist eine Phalanx eine landwirtschaftlich- industrielle Kommune, in der sich die Mitglieder in der Ausübung verschiedenen Tätigkeiten beständig abwechseln.
Ein Phalansterium ist indes nicht nur eine Arbeits-, sondern auch eine Liebesgemeinschaft.

Die Utopie von der Harmonie

Durch die Bildung von großen Kommunen (Phalangen), in denen die Menschen entsprechend ihrer Charakterstruktur, und ihrer Leidenschaften zusammen leben und in Produktionsgenossenschaften die Arbeit organisieren, werden nach Fouriers Prognose alle Übel der "Zivilisation" überwunden.

Die Arbeit wird zum Vergnügen werden, und zwar einfach aus dem Grund, weil nicht mehr der Zwang, sondern die Entfaltung der vielfältigen menschlichen Leidenschaften als Triebkraft des "gesellschaftlichen Konzerts" funktioniert.

Freie Liebe wird die Regel sein, jenseits jeglichen Dogmas über Beziehungsformen und –strukturen wird jeder Mensch seinen Neigungen folgen und diese in ihrer Vielfältigkeit kultivieren.



 

links das Titelblatt einer fourieristischen Zeitschrift des 19. Jahrhunderts

Lebensdaten

Vor der detaillierteren Darstellung von Fouriers Konzeptionen und Vorstellungen zunächst einige wichtige Daten aus Fouriers Leben. Fourier lebte im wesentlichen im Zeitalter der französischen Revolution, der napoleonischen Ära und der nachfolgenden Phase der Restauration.

7.4.1771 geboren in Besancon als Sohn eines Tuchhändlers
1772-1791 Gymnasium; wird Lehrling bei Kaufleuten in Lyon und Rouen
1791 Übersiedlung nach Lyon; Revolution; Konfrontation mit den Seidenarbeitern und deren religiös – mysthischen Vorstellungen.
1793 Verwicklung in den Bürgerkrieg Föderierte – Konvent (Anm. 2); Beerbung des Vaters
1794 Militärdienst als Kürassier am Rhein, dann Entlassung aus dem Militär; Verlust seines gesamten Vermögens
1799 Als Kaufmannsgehilfe in Marseille Beginn der Arbeiten an "der Berechnung der sozialen und erotischen Anziehung". Geht nach Paris, um exakten Wissenschaften zu studieren.
1800. Geldmangel. Zurück nach Lyon, lebt als Makler ohne Lizenz. Die (napoleonische) Zensur lehnt ein Zeitungsprojekt von ihm ab.
1803-1804 erstmals Erwähnung der "universellen Harmonie" in einer Artikelserie
1808 Veröffentlichung seiner fundamentalen "Theorie der vier Bewegungen" (anonym)
1815 Bürovorsteher in der Lyoner Präfektur.
1816 Beginn der Beziehung zu Just Muiron (frühester Schüler)
1819 Vollendung "Grand traite" (8 Bände), ein Werk, auf das sich Engels und Marx stark beziehen sollten.
1821 Erscheinen der "Abhandlung über häusliche und landwirtschaftliche Assoziation", aber gekürzt um die erotischen Passagen.
1824 -1829 Schreibt an Robert Owen, um ihn für seine Ideen zu gewinnnen. Lebt als kleiner Angestellter. Veröffentlicht "Die neue Industrie- und Geschäftswelt". Wartet auf einen Sponsor für sein erstes Phalansterium.
1830 – 1832 Auseinandersetzungen mit den Saint-Simonisten und Owenisten, denen er vorwirft, sie wollten die Natur des Menschen verändern, was Fouriers Vorstellungen von der natürlichen Ordnung der menschlichen Leidenschaften zuwiderläuft.
1833-1836 Fourier wird international gefeiert, zerstreitet sich allerdings mit seinen Schülern, denen seine Vorstellungen von der Liebe in der "Harmonie" peinlich sind.
1837 Fourier stirbt und wird auf dem Montmatre begraben.

Würdigung Charles Fouriers

Rezensenten Fouriers sprechen von einem "Legendären und geheimnisumwobenem Leben" des Utopisten, indessen erscheint seine persönliche Biographie eher bescheiden und von vielen persönlichen Niederlagen geprägt. Seine Schriften jedoch erregten weit über Frankreich hinaus großes Aufsehen, die Rezensenten unterteilten sich kraß in Kritiker und Spötter einerseits und Bewunderer andererseits. Auf ihn stützten u.a. Marx und Engels ihre Vorstellung von dem, was sie Kommunismus nannten (wovon später).

Er heiratete nie, hatte keine (bekannten) längeren sexuellen Beziehungen, lebte stets allein als Mieter eines möblierten Zimmers, das er mit Zimmerpflanzen vollstopfte. In seinen Schriften gab er an wenigen Stellen eine spezielle Neigung zu Lesbierinnen zu, es ist aber nicht bekannt, ob er diese Neigung jemals ausleben konnte. Vielleicht ist er gerade wegen der Bescheidenheit seines persönlichen Lebens zu einem Vordenker einer sexuellen Revolution geworden, neben dem Freud, Reich und Kinsey selbst heute noch fast schüchtern wirken.

 

2. Grundgedanken

Die Vision von einer Harmonie in Freiwilligkeit

        Obwohl Fourier mit einigem Recht als geistiger Vater der Kommunismus – Vorstellungen eines Marx und Engels gelten kann, so hat seine Vorstellung von einer Zukunftsgesellschaft sehr wenig zu tun mit der Wirklichkeit von verschiedenen unterdessen untergegangenen sich ""arxistisch""nennenden Systemen zu tun – im Gegenteil.

        Fourier ist Gegner jeder erzwungenen Vereinheitlichung, und gerade in dieser Frage geriet er immer wieder mit anderen Utopisten und Revolutionären aneinander. Seine Vorstellungen von der Harmonie sind weit weg von der Monokultur vieler anderer sozial-revolutionärer Modelle, jede Vorstellung einer Erziehungsdiktatur ist ihm ein Greuel. "In der Harmonie ist alles frei" – die Zukunft basiert nach Fourier auf der Freiwilligkeit. Mit dieser Auffassung unterschied sich Fourier grundlegend von vielen frühkommunistischen und frühsozialistischen Schulen seiner Zeit, sie war die Wurzel seiner Konflikte mit Owen, Saint – Simon, Cabet und anderen.

Anziehung und Leidenschaften

Glücklich ist der von Leidenschaften bewegte Mensch

Das ist Fouriers zentrale These: Gesellschaftliche Harmonie entsteht nicht durch Unterdrückung von (ökonomischen, nach Herrschaft strebenden, sexuellen usw.) Trieben, sondern durch das Ausleben der verschiedenen, in jedem Individuum anders konzentrierten, das Talent, die geistigen Fähigkeiten, das emotionale Leben usw. betreffenden Anziehungs- oder Assoziationskräfte.
Fourier sieht den glücklichen Menschen als ein durch Leidenschaften bewegtes und gesteuertes Wesen.
Fourier glaubt, dass die Leidenschaften durch "gegenlaufende" Leidenschaften zu sozialen Triebfedern in einem harmonischen, dem»Aufflug«(essort) des Menschen förderlichen Ganzen integriert werden können (Einheit der Leidenschaften).
Die Kunst der gesellschaftlichen Organisation besteht demnach nicht in der Kreation von Zwängen, die den Menschen zur Produktivität bewegen sollen, sondern in der Ausbalancierung der Leidenschaften.

Gegengewichte und Gegenläufer

Jeder Leidenschaft kann eine sie gegenlaufende und damit sie zurücknehmende entgegengesetzt werden. Wird ein solcher Ausgleich nicht unternommen, sondern versucht, Leidenschaften zu unterdrücken, so bildet nach Fourier die Leidenschaft selbst ihre nicht mehr zu kontrollierenden Gegenläufer.
Fourier schreibt: "Die Angelegenheiten der Liebe und der Feinschmeckerei finden in der Zivilisation nicht allzuviel Beachtung, weil man nicht weiß, welche Bedeutung Gott unseren Vergnügen zumisst. Die Wollust ist das einzige Mittel, durch das Gott uns beherrschen und zur Erfüllung seines Wollens bringen kann. Durch Anziehungskraft und nicht durch Zwang regiert er die Welt. Die Genüsse seiner menschlichen Geschöpfe sind das wichtigste Moment göttlichen Planens".
Hier wird auch eine spirituell-religiöse Komponente in Fourier sichtbar: Gott lenkt durch die Leidenschaften, ja durch die Wollust, die Geschicke der Welt. Es versteht sich von selbst, daß Fouriers Gottesverständnis alles andere als christlich war.

Verfechter der Rechte der Frau

        Die frühen Frauenrechtlerinnen (Soufragetten) und später die Feministinnen respektierten und verehrten Fourier wegen seiner zu seiner Zeit unerhört kühnen Parteinahme für die Rechte der Frau.

        "Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst ausgestattet."

        Geradezu empört formuliert er: "Kann man nur einen Schimmer von Gerechtigkeit in dem Los erblicken, das den Frauen beschieden ist?"

        Geradezu klassisch ist folgender Satz: "Allgemein läßt sich die These aufstellen: der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau".

Gegen die Kleinfamilien - Ehe

        Möglicherweise hat Fouriers lebenslanges Junggesellen – Dasein ihn zu einer radikalen Kritik der Kleinfamilien – Ehe gebracht. Hier entwickelt er eine Radikalität, in der er seiner Zeit weit voraus ist: "Das heutige System, das den Zusammenschluß der Menschen infolge der Isolierung der Haushalte auf ein Minimum beschränkt, hat die Menschheit auf den Gipfel der Verderbtheit geführt"

        Die Familie erscheint ihm gar als die Basis eines immerfortwährenden Kleinkrieges im Privaten: "Die Zivilisation bewirkt, daß der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist".

        Liebe und (Ehe-)Beziehung erscheinen Fourier geradezu als unvereinbare Gegensätze: "In der Zivilisation kann die Liebe (…) keinen freien Aufflug nehmen, denn sie ist in der Ehe gefangen".

Wichtige Grundbegriffe in Fouriers Werk

Um es klar zu sagen: Fourier ist im Original nicht leicht zu lesen. Er erfindet zur Beschreibung seiner Konzeptionen zum Teil neue Begriffe oder definiert bekannte Begriffe auf eigenwillige Weise neu. Daher folgt nun ein kurzes Glossar seiner "Kennworte".

Anziehung "attraction"

Zwischen Leidenschaften und der Arbeit der Menschen wirken berechenbare Anziehungskräfte (analog Newtons physikalischen Anziehungskräften). Der Mensch kann nur kraft vielfacher Beziehungen seine Bestimmung finden. Als Einzelner ist er nicht in der Lage, sich zu entfalten. Die "attraction" hat in Fouriers Sozialphilosophie den gleichen Rang wie die Gravitation in der Physik.

Aufflug "essort"

Das ist die Entwicklung bzw Entfaltung einer Leidenschaft. Jede Leidenschaft hat eine Triebfeder (ressort), der Raum gegeben werden muß, damit sie "auffliegen" kann. Dieser Aufflug jeglicher Leidenschaft ist bei Fourier ein stets anzustrebendes Ziel.

Celadonische versus materielle Liebe

Fouriers Begriff für "spirituelle, romantische Liebe" lautet "celadonische Liebe", nach dem Helden Celadon des Schäferromans Astee. In der Zivilisation wird die romantische Liebe nach Fouriers Beobachtung öffentlich scheinbar hochgehalten, in Wirklichkeit aber heimlich verachtet. Wer romantisch liebt, ohne materielle (sexuelle) Interessen zu verfolgen, erweist sich in der Realität der Zivilisation eher als Narr. Die celadonische Liebe ist für Fourier der Gegenbegriff zur "materiellen Liebe" (=Kopulation). Diese Doppelbödigkeit prangert Fourier unablässig an. Erst in der Harmonie ist seiner Propgnose nach die celadonische Liebe wirklich gleichberechtigt mit der materiellen Liebe.

Drehpunkt (pivot)

Bezeichnet bei Fourier das wichtigste Element eines Systems. So ist die Sonne der Drehpunkt im Sonnensystem, die Familie in der Zivilisation, das Phalansterium in der Harmonie, der Unitismus ist die Drehpunktleidenschaft, es gibt Drehpunktliebe bei Polygamen, etc. Den Begriff hat Fourier den Newtonschen Bewegungsgesetzen entlehnt.

Hebel (levier) Von Fourier gern gebrauchter Begriff, um die Methode zu bezeichnen, ein Vorhaben zur Entfaltung zu bringen. Zur Verwirklichung eines jeglichen Vorhabens bedarf es eines "levier", in aller Regel eine oder mehrere zur Entfaltung gebrachte Leidenschaften. Insbesondere für die "anziehende Arbeit" ist ein System von Hebeln zu verwirklichen, die in "zum Aufflug gebrachten" Leidenschaften der in geeigneten Gruppen zusammengefaßten Menschen bestehen.
Serie

Organisationsform, die auch in der Natur anzutreffen ist. Sie ist nach Fourier die natürliche Organisationsform des Menschen, und wohl der Gegenbegriff für alle auf Zwang beruhenden Organisationsformen. Es handelt sich bei Serien um sorgfältig zusammengestellte Einheit von Gruppen unterschiedlichen Alters, Besitzes, Intelligenz, die eine mehr oder weniger starke gemeinsame Neigung für eine bestimmte Leidenschaft haben.

Gott (dieu) Fourier ist keineswegs Atheist, sondern Pantheist. Entgegen christlichem Verständnis ist sein Gott aber kein Gott der Moral, sondern ein sozialer, triebbejahender Gott und Schöpfer des sozialen Codes. Durch die Leidenschaften bewegt Gott die Welt. Wie für viele christliche Ketzer ist für Fourier auch die sexuelle Vereinigung von Gott gewollter Weg zur Vollendung des Menschen (das Heilige ist unauflöslich mit dem Erotischen verbunden). Die religiösen Kulte müssen die Liebe zu Gott mit der Liebe zu den Vergnügungen verbinden (Kultus der wollüstigen Leidenschaften), das ist eine wichtige Forderung Fouriers.
Illusion (illusion) Bei Fourier ein positiver Begriff. "Phantasie der Sinne", der neben den sinnlichen Wünschen Raum zur Entfaltung gegeben werden muß. Illusionen sind für Fourier keine Ersatzlust, sondern originäres Bedürfnis des Menschen.
Keime (germes)

Mit diesem Begriff bezeichnet Fourier in unserer Zeit bereits vorhandene Gewohnheiten und Leidenschaften, die entwicklungsfähig sind in Richtung Harmonie. So ist zum Beispiel die häufige Überschreitung des Monogamie – Gebotes (Ehebruch, Affären) ein Hinweis darauf, daß der Mensch der Abwechselung in der Liebe bedürfe. Der Ehebruch ist mithin ein Keim der Harmonie.

Luxus (luxe) In der Harmonie ein ausnahmslos positiver Begriff. Wird bewirkt durch die Befriedigung der fünf sensitiven Leidenschaften; gleichbedeutend mit Wohlbehagen und Gesundheit. "Während der Luxus in der Zivilisation dazu dient, den Ärmeren zu verdrießen, wirkt er in der Harmonie stimulierend". Luxus ist bei Fourier allerdings stets dem Kollektiv zugeordnet, niemals dem Individuum.
Phalansterium (phalanstere)

Die aus rund 1620 Personen bestehende Phalanx ist für Fourier die Basiseinheit der Harmonie, ein Drehpunkt des sozialen Mechanismus. Es handelt sich um Groß - Gemeinschaften, die sowohl Landwirtschaft als auch Manufakturproduktion betreiben. Eine Phalanx besteht aus einer nicht festgelegten Anzahl von Serien, die ihrerseits wieder aus Neigungsgruppen bestehen.

Pfropfen (greffer)

 

Bezeichnet die Kunst, Leidenschaften durch "Gegengewichte" ins Gleichgewicht zu bringen. Es sei daran erinnert, daß Fourier die Leidenschaften nicht durch Einschränkung, sondern durch Gegen – Leidenschaften vor destruktiven Exzessen bewahren will.
Liebeshof (court d‘amour)

Die Liebe in der Harmonie ist – auf Grundlage der Freiwilligkeit – institutionalisiert und eine öffentliche Angelegenheit, so jedenfalls Fouriers Vorstellung von der Liebe im Phalansterium. Menschen sind Mitglied in sogenannten Liebesklassen, die ihren Neigungen entsprechen. Diese Liebesklassen können sich auf die Anzahl der Liebespartner oder auf die Art der Liebespartner, sowie die Art der Liebes – Vergnügungen beziehen. Der Liebeshof registriert jeden Wechsel in den Beziehungen oder von Liebesklasse zu Liebesklasse und wird von einer Hohepriesterin geleitet. Der Wechsel eines Menschen in eine andere Liebesklasse ist natürlich jederzeit möglich.

Zusammengesetzt (combine oder compose) Wichtiger Begriff bei Fourier, bedeutet sowohl "Gegensätze in sich bergend" als auch "kombiniert". Das Zusammengesetzte ist stets dem Einfachen überlegen. Die Harmonie nennt Fourier auch "zusammengesetzte Ordnung" im Unterschied zur "zusammenhanglosen" Zivilisation.
Zerstückelte Arbeit (travail morcele)

"Die Zerstückelung der Arbeit ist eines der Hauptlaster der Zivilisation". Dies bezieht Fourier auf die zu seiner Zeit vollkommen übliche Konzentration auf einen einzigen Beruf. Das daraus resultierende Streben nach individueller Bereicherung und Abkapselung ist ein wichtiger Grund für die Grundübel der Zivilisation. In diesem Zusammenhang spricht Fourier auch von einem "zerstückelten Haushalt", womit er die Kleinfamilie meint.

Leidenschaft (passion) Nach Fourier läßt sich die Bestimmung des Menschen in seine Leidenschaften auflösen, die wiederum Anziehungskräfte zwischen Menschen bewirken. Leidenschaften haben Triebfedern. Leidenschaften ersetzen in der Harmonie den Zwang durch Not oder Gewalt. Leidenschaften verzweigen sich baumartig, ausgehend von drei Ästen, sich "in eine Fülle von Nuancen verzweigend".

         

Fouriers System der Leidenschaften

Die 12 + 1 Leidenschaften

Fourier entwickelte ein ausgefeiltes System von Leidenschaften, das aus heutiger Sicht überholt und unzureichend erscheinen mag, aber in sich schlüssig ist.

Sein Grundgedanke war, die Leidenschaften und ihre Antriebe grundsätzlich anzunehmen und zu einer Einheit zu bringen durch ihren "Aufflug". Kein Bedürfnis sei in seiner Triebfeder schlecht. Er kommt in einer strengen Nomenklatur auf insgesamt 810 von den Grundleidenschaften abgeleitete Leidenschaften: "12 primäre Leidenschaften, die unterteilt sind in fünf sensitive: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - vier affektive: Freundschaft, Liebe, Ehrgeiz, Familiensinn - und drei distributive: Intrigentrieb, Abwechslungstrieb und Einungstrieb. Ferner existieren sekundäre Leidenschaften, tertiäre und quartiäre - insgesamt 810."

Die 12 primären Leidenschaften nach Fourier sind:

Luxurismus: die 5 Sinne
1. Sehen
2. Hören
3. Berühren
4. Schmecken
5. Riechen

Gruppismus:
6. Familiensinn
7. Ehrgeiz
8. Freundschaft
9. Liebe

Seriismus:
10. Flatterlust (papillone)
11. Streitlust
12. Übereinstimmungs-Lust (auch: Begeisterung)

Unitismus (Nr. 13)
Diese "13. Leidenschaft" nach Fourier ist die Drehpunkt – Leidenschaft (Pivotale) aller Leidenschaften, und sie ist die Gegenleidenschaft zum Egoismus. Es handelt sich um die Neigung des Individuums, sein Glück mit dem Glück aller anderen in Einklang zu bringen, eine leidenschaft, die gleichwohl bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist. Indessen bedeutet die Verwirklichung des Unitismus "kollektiven Aufflug aller Leidenschaften", es handelt sich also um eine Leidenschaft, die alle anderen Leidenschaften nährt und insofern die Pivotale darstellt.

Geschichtsepochen nach Fourier

Die 8 Epochen der Menscheitsentwicklung Die menschliche Geschichte folgt nach Fourier einem klaren evolutionären Schema, das aus 8 Epochen besteht. Fouriers Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts befindet sich demnach auf Stufe 4.

Es handelt sich um folgende Epochen:

  1. Ungeordnete Serien
  2. Wildheit
  3. Patriarchat
  4. Barbarei
  5. Zivilisation (Fouriers HEUTE)
  6. Garantismus (genossenschaftliche Ordnung)
  7. Unvollständige Serien (Anbruch des Glücks)
  8. Harmonie

Leser von Schriften Friedrich Engels werden diese Epochen bekannt vorkommen, in der Tat: er griff Fouriers Epochen – Schema auf, um es weiter auszudifferenzieren.

3. Die Wirkungsgeschichte Charles Fouriers

Seiner Zeit weit voraus

        Zwischen 1808 und 1837 warf der geniale Einzelgänger in seinen Schriften alle Moralbegriffe über den Haufen, die zu seiner Zeit galten, und entwarf die Grundzüge einer umfassenden gesellschaftlichen und sexuellen Revolution. Er wurde nicht nur vom etablierten System, sondern auch von anderen Frühsozialisten erbittert angegriffen. Gleichwohl fand er auch begeisterte Anhänger. An ihm schieden sich gewissermaßen die Geister. Er ist übrigens auch Schöpfer von heute wohlbekannten Begriffen wie "Feminismus" und "Freie Liebe".

Erbitterte Feindschaften

        Der "Anarchist" Proudhon klagte Fourier wegen "Unmoral" an ("Ihr seid Päderasten") und forderte glatt vom Staat das Verbot der "phalanstrischen Schule". Gerade die Toleranz, die Fourier der antiken Homosexualität entgegenbrachte, brachte den "Theoretiker des Anarchismus" auf die Palme, wobei Fourer selbst lesbischen Frauen sehr zugetan war und wohl  nicht homosexuell war. In seiner geistigen Unbefangenheit und in guter Kenntnis klassischer antiker Quellen war Fourier immer wieder auf die Existenz der rituellem Homosexualität im antiken Griechenland gestoßen und hatte sie natürlich auch beschrieben als eine der vielen Leidenschaften, die Menschen bewegen können .

        Auch die Frühkommunisten Cabet und Leroux griffen Fourier geradezu wütend an. Der christliche Kommunist Leroux beschuldigte ihn der "Gotteslästerung". Damals waren sehr viele kommunistische Sekten geradezu fanatisch an einem Bibelchristentum fixiert.

        Fourier wehrte sich gegen die "Heuchler und Hochstapler der Moral und der Religion", mußte aber in seinen Äußerungen vorsichtiger sein. Er wich zum Teil aus in dunkle Analogien. "Gastrosophie" nennt sich sein rhetorisches Verfahren, durch die Beschreibung kulinarischer Genüsse die direkte Besprechung sexueller Themen zu vermeiden. Bei heiklen Themen (z.B. der Befreiung der Frau, freie Liebe) unterdrückte er schließlich in späten Lebensjahren widerwillig seine eigenen Auffassungen, zog sich auf Andeutungen zurück, um sich Schwierigkeiten und Anfeindungen zu ersparen.

Verrat durch seine Schüler

        Nach seinem Tod zensierten ihn auch noch seine Schüler und unterschlugen seine Vorstellungen von der Freiheit der Liebe als "soziale Unschicklichkeit" in seinen veröffentlichten Texten. Man sprach verlegen von "notwendige Auslassungen".

        Seine "Schülerin" Gatti de Damond protestierte hysterisch gegen die Teile seiner Lehre, die von den "harmonischen Sitten" handelt. "Notgedrungen" würde die "Arbeit darunter leiden", wenn der "Grundsatz der Freiheit der Liebe" verkündet würde, meinte die prüde Dame.

        Die Entkernung und Kastration vieler seiner Schriften bewirkte, daß sich nach seinem Tode die von ihm begründete sozialphilosophische Schule und Bewegung mehr und mehr verflachte und sich nach einigen gescheiterten Phalansterium – Experimenten ganz auflöste.

        In der Tat war der Fourierismus nach Fourier durch den Verrat seiner Schüler seiner beiden bedeutensten Kernkonzeptionen beraubt: der Freiheit der Liebe in der Harmonie, und der anziehenden Arbeit. Was übrig blieb war nicht lebensfähig.

Begeisterte Zustimmung bei Marx und Engels

Marx und Engels waren Anhänger von Charles Fourier

Die jungen Hegelianer Marx und Engels beschäftigten sich ab 1842 mit den Schriften des großen Utopisten. Besonders Engels studierte das Gesamtwerk Fouriers und verteidigte ihn engagiert gegen seine Kritiker. Fouriers Vision von der "Harmonie" wurde zum Ausgangspunkt der Vorstellungen von Marx und Engels von einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft.

Dieser Umstand ist insofern beachtenswert, als von späteren "Marxisten" diesbezüglich beträchtliche Geschichtsklitterung hinsichtlich ihrer Säulenheiligen betrieben wurde. Der "utopische Sozialismus" unter anderem eines Charles Fourier wurde als "überholt" und "überwunden" abgetan, ein Josef W. Stalin verstieg sich gar zu der Behauptung, Marx wäre "ein Feind der utopischen Sozialisten" gewesen, was völliger Unsinn ist und sich auf keine Zeile im Schrifttum weder von Marx noch von Engels stützen kann.

Aus der engen Weltsicht des Diktators Stalin mochte diese Behauptung Sinn machen, denn Fouriers Vorstellungen von einer auf Freiwilligkeit und Kultivierung der Leidenschaften basierenden Harmonie ( = Kommunismus, jedenfalls nach Marx und Engels) stellten geradezu das Gegenteil von der stalinistischen Einparteien-Diktatur und vor allem der Arbeitslager – Gesellschaft der Gulags dar. Sie hat indessen mit der historischen Wahrheit nichts zu tun. Es finden sich gerade Fourier betreffend im Gegenteil geradezu begeisterte Urteile von Marx und Engels über den französischen Utopisten. Einige Textstellen sollen daher im folgenden zitiert werden.

"Fast gleichzeitig mit Saint-Simon wandte noch ein anderer Mann die Tatkraft seines gewaltigen Verstandes dem sozialen Zustand der Menschheit zu - Fourier. Wenn auch (…) sein Stil schwerfällig ist und in erheblichem Maße die Mühe erkennen läßt, mit welcher der Verfasser ständig arbeitet, um seine Gedanken klar zu formulieren und Dinge auszusprechen, für die in der französischen Sprache keine Worte vorhanden sind – nichtsdesto-weniger liest man seine Werke mit (…) Genuß und findet mehr wirklichen Wert in ihnen, als in denen der vorhergehenden Schule"

So Friedrich Engels im Original über Charles Fourier (im Vergleich zu Saint-Simon).

 

"Nehmt euch ein Beispiel an Fourier!" Es gehörte in Kreisen der Demokraten und Sozialisten der damaligen Zeit wohl zum guten Ton, über Fourier, den "Spinner", die Nase zu rümpfen. Engels ließ es sich nicht nehmen, seinerseits Fouriers Kritiker mit ätzendem Spott zu überziehen:
"Ich will diesen weisen Herren ein kleines Kapitel von Fourier vorhalten, woran sie sich ein Exempel nehmen können. Es ist wahr, Fourier ist nicht aus der Hegelschen Theorie hervorgegangen und hat deshalb leider nicht zur Erkenntnis der absoluten Wahrheit, nicht einmal zum absoluten Sozialismus kommen können; es ist wahr, Fourier hat sich durch diesen Mangel leider verleiten lassen, die Methode der Serien an die Stelle der absoluten Methode zu setzen, und dadurch ist er dahin gekommen, die Verwandlung des Meeres in Limonade, die couronnes boréale und australe <nördlichen und südlichen Korona>, den Anti-Löwen und die Begattung der Planeten zu konstruieren, aber wenn es so sein muß, will ich doch lieber mit dem heitern Fourier an alle diese Geschichten glauben, als an das absolute Geisterreich, wo es gar keine Limonade gibt, an die Identität von Sein und Nichts und die Begattung der ewigen Kategorien. Der französische Unsinn ist wenigstens lustig, wo der deutsche Unsinn morose und tiefsinnig ist. Und dann hat Fourier die bestehenden sozialen Verhältnisse mit einer solchen Scharfe, einem solchen Witz und Humor kritisiert, daß man ihm seine auch auf einer genialen Weltanschauung beruhenden, kosmologischen Phantasien gerne verzeiht."
"Fourier ist einzig!" Geradezu beklemmend aktuell sind Engels folgende Sätze in der gleichen Schrift: "Wenn sich unsere deutschen halb und ganz kommunistischen Dozenten nur die Mühe gegeben hätten, die Hauptsachen von Fourier, die sie doch so leicht haben konnten wie irgendein deutsches Buch, etwas anzusehen, welch eine Fundgrube von Material zum Konstruieren und sonstigen Gebrauch würden sie da entdeckt haben! Welche Masse von neuen Ideen - auch heute noch neu für Deutschland - hätte sich ihnen da dargeboten! Die guten Leute wissen bis auf die heutige Stunde der jetzigen Gesellschaft gar nichts vorzuwerfen als die Lage des Proletariats, und auch davon wissen sie nicht über die Maßen viel zu sagen. Allerdings ist die Lage des Proletariats der Hauptpunkt, aber ist damit die Kritik der heutigen Gesellschaft abgemacht? Fourier, der außer in späteren Schriften diesen Punkt kaum berührt, liefert den Beweis, wie man auch ohne ihn die bestehende Gesellschaft als durchaus verwerflich anerkennen, wie man allein durch die Kritik der Bourgeoisie, und zwar der Bourgeoisie in ihren inneren Beziehungen, abgesehen von ihrer Stellung zum Proletariat, zur Notwendigkeit einer sozialen Reorganisation kommen kann. Für diese Seite der Kritik ist Fourier bis jetzt einzig. Fourier deckt die Heuchelei der respektablen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen ihrer Theorie und ihrer Praxis, die Langeweile ihrer ganzen Existenzweise unerbittlich auf; er verspottet ihre Philosophie, ihr Streben nach der perfection de la perfectibilité perfectibilisante <Vervollkommnung der vervollkommenden Fähigkeit zur Vervollkommnung> und der auguste vérité <erhabne Wahrheit>, ihre "reine Moral", ihre einförmigen sozialen Institutionen, und hält dagegen ihre Praxis, den doux commerce <lieben Handel>, den er meisterhaft kritisiert, ihre liederlichen Genüsse, die keine Genüsse sind, ihre Organisation der Hahnreischaft in der Ehe, ihre allgemeine Konfusion. Alles das sind Seiten der bestehenden Gesellschaft, von denen in Deutschland noch gar nicht die Rede gewesen ist. Freilich, man hat hier und da von der Freiheit der Liebe, von der Stellung, der Emanzipation des Weibes gesprochen: aber was hat man zustande gebracht?"

 

Engels über Fouriers Thesen zur Arbeit Ganz wesentlich war für Engels Fouriers Konzept der anziehenden Arbeit: "Fourier weist nach, daß jeder mit der Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (…) daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (…), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken. Er (…) zeigt die Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (….) die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf. (…)"

 

Auch Marx stützt sich auf Fourier

Auch bei Marx finden sich immer wieder - oft indirekte - Hinweise auf Fouriers Theorie der freien Arbeit:

"Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann (…) - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden". (aus "Die deutsche Ideologie"). Ohne jeden Zweifel liegt das Fouriersche Konzept von der anziehenden Arbeit in der Harmonie solchen Sätzen zugrunde.

 

Marx und Engels als "Fourieristen"

Keineswegs ist speziell Friedrich Engels geradezu ehrfürchtige Verehrung Fouriers eine "Jugendsünde", wie mir "Marxkenner" schon weismachen wollten. Auch in seinem Spätwerk "Anti-Dührung" (Anm. 5) erhebt er Fourier geradezu zu seinem Meister: "Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitere Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation ebenso wie die allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen Handels schildert er ebenso meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist. Am großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, und weist nach (…), daß die Zivilisation sich in einem »fehlerhaften Kreislauf« bewegt, in Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu können, so daß sie stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erlangen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So daß z.B.»in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst entspringt«. Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an."

Es gibt zahllose weitere Textstellen, die belegen, wie tief Marx und Engels von den Fourierschen Vorstellungen von der Harmonie geprägt waren. Engels sagt beispielsweise über Regierungsformen, daß "jede Regierungsform gleichermaßen anfechtbar ist, ob es sich nun um die Demokratie, die Aristokratie oder die Monarchie handelt, daß alle mit Gewalt regieren". Dieser Satz ist wird nur dann wirklich verständlich, wenn man weiß, daß Engels gemeinsam mit Fourier die auf Zwanglosigkeit und Freiwilligkeit basierende Harmonie (Kommunismus) als Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sah.

Engels sagt über die sich entwickelnde Kommune – Bewegung seiner Zeit: "Alles Menschenmögliche wird getan, um die Freiheit des Individuums zu gewährleisten. Strafen sollen abgeschafft und durch Erziehung der Jugend und vernünftige geistige Einwirkung auf die Erwachsenen ersetzt werden".

Waren Marx und Engels denn gar Fourieristen gewesen? Dogmatische "Marxisten" werden an dieser Stelle möglicherweise empört aufschreien. Nun, ich schließe denn mit einem Marx – Zitat: "Alles was ich weiß ist, daß ich kein Marxist bin". Sagte Marx.

Fourier in Vergessenheit

Noch August Bebel schrieb 1869 eine Monographie des großen Utopisten, dessen Visionskraft er bewunderte.

Überhaupt war es für die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts vollkommen unstrittig, daß das als "Kommunismus" bezeichnete Endziel identisch war mit der von Fourier beschriebenen Harmonie.

Dies änderte sich um die Jahrhundertwende, als die Sozialdemokratischen Parteien Europas sich mehr und mehr in die damaligen Staaten integrierten und sich eine Spaltung zwischen Reformisten und Revolutionären abzeichnete.

Indessen orientierten sich auch die Revolutionäre in ihren Gesellschaftsformen mehr und mehr an den fortgeschrittensten Formen der damaligen kapitalistischen Staaten, spätestens mit der russischen Revolution und der anschließenden Stalinisierung der Sowjetunion kam es auch zu einer Art Militarisierung der Kommunismus – Vorstellungen, ein Prozeß, der etwa in der chinesischen Kulturrevolution ihren deutlichsten Ausdruck fand.

Auch für einen Lenin oder einen Trotzki war Fourier kein Thema mehr, seine "Harmonie", für Marx und Engels gewissermaßen als "ok" abgehakt, geriet in Vergessenheit, dafür wurden die deutsche Reichspost oder der Krupp – Konzern Vorbilder für einen auf Arbeiterräte basierenden Sozialismus.

Der Surrealist Andre Breton schrieb noch 1945 seine "Ode an Charles Fourier", nachdem er das Werk des nur noch dem Namen nach bekannten großen Utopisten selbst gelesen hatte.

Im Bereich des "offiziellen" Marxismus allerdings wurde Fourier und seine Vision von der Harmonie vergessen und totgeschwiegen. Sogenannte "kommunistische" (stalinistische) Staaten, die sich auf Marx beriefen, waren als Zwangssysteme das glatte Gegenteil von Fouriers Harmonie.Es versteht sich von selbst, daß es auch keine nennenswerte Rezension Fouriers von "marxistischer" Seite mehr gab.

 

4. Die Liebe in der Harmonie

Fouriers Grundauffassungen von der Liebe in der Harmonie

Tatsächlich sind Fouriers Auffassungen von der Liebe in der Harmonie die unverzichtbare Basis seines gesamten Werkes.

Lassen wir Fourier wieder selbst sprechen: "Seit nunmehr dreitausend Jahren besudelt man die Erde mit den abgeschmacktesten Faseleien über die Leidenschaften. Wir müssen dem Übel ein Ende setzen, methodisch vorgehen in jedem Bereich, der das schmerzliche Rätsel der Leidenschaften berührt"

Predigen nicht alle großen Weltreligionen, daß die Leidenschaften zum Leiden führen, und Entsagung von den Leidenschaften der Weg zum Heil sei? Ganz anders Fourier, für den dieses Dogma nicht gilt. "Wenn wir in der Harmonie alle Schattierungen der Liebe erfaßt haben werden, wird diese bei uns so verachtete Triebfeder unzählige Quellen der Begeisterung erschließen".

Kein Utopist hat sich mit der gleichen Entschlossenheit und Akribie so sehr daran gemacht, der Liebe einen zentralen Stellenwert in der menschlichen Kultur zu geben. "Die Liebe ist die mächtigste Triebkraft der leidenschaftlichen Annäherung, selbst bei antipathischen Charakteren. Darum ist die Liebe diejenige Leidenschaft, die am geeignetesten ist, Beziehungen zwischen Menschen zu knüpfen"

In einem Satz faßt Fourier die kühnste gesellschaftliche Zukunftsvision der Geschichte zusammen: "In der Harmonie, wo niemand arm und für jedermann bis ins hohe Alter die Liebe zugänglich ist, widmet ein jeder dieser Leidenschaft einen bestimmten Teil des Tages; die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung"

Nutzung der Leidenschaften Um Fouriers Vorstellung von der Liebe in der Harmonie wirklich zu verstehen, muß man natürlich seine Theorie der Leidenschaften (passions) begreifen. Die zentralen Thesen:
Nutzung der Leidenschaften ist der Schlüssel zur HARMONIE.
Leidenschaften sollen entfaltet statt unterdrückt werden. Dazu muß man ihre Gesetze studieren. "(…) der menschlichen Vernunft hätte es besser angestanden, jene unbezwingbaren Kräfte, die man Leidenschaften nennt, nicht zu kritisieren, sondern deren Gesetze zu studieren".
Gleichgewicht der Leidenschaften, das auf Regeln beruhen muß (geordnetes Zusammenspiel wie in einem Orchester). "Jede Leidenschaft bringt ihr Gegenstück hervor, das ebenso schädlich ist, wie die natürliche Leidenschaft heilsam gewesen wäre".
Alle Leidenschaften und Anziehungen sind nützlich.

Hier liegt auch Fouriers sozialrevolutionärer Ansatz begründet. Es kommt nicht darauf an, wenigen Reichen ihre Leidenschaften streitig zu machen, sondern die Leidenschaften aller zu erfüllen.

"Diejenigen, welche die Leidenschaften verlästern (…) haben Einrichtungen ersonnen einzig zu dem Zweck, die Leidenschaften der anderen einzudämmen und die ihrigen zu befriedigen. Gott hatte etwas anderes im Sinn. Alle seine Einrichtungen und Bräuche (…) zielen darauf hin, jeder einzelnen Leidenschaft einen besonderen und allen einen kollektiven Aufflug zu gewährleisten. Es ist sein Wille, daß sie vereint befriedigt werden, sobald jede einzelne befriedigt ist."

Die Liebesordnungen der Harmonie

In der Liebe in der Harmonie ist zwar alles erlaubt, was auf Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit beruht, aber es gibt nach Fourier eine Ordnung in der harmonischen Liebe.
Es handelt sich gewissermaßen um Neigungsklassen, die jederzeit freiwillig gewechselt werden können.
Fourier entwirft in seiner grenzenlosen Fantasie und Fabulierlust ganze Systeme solcher Neigungsklassen.


Beispiele (in der Reihenfolge wachsender sexueller Freiheit):

Vestalen und Vestalinnen (keine körperliche Liebe)
Damoiseaux, Damoiselles (monogame Treue)
Odalisken (ab hier ansteigend polygam)
Fakiressen
….
Bacchanten und Bacchantinnen
Bayaderen (reisende Priesterinnen und Priester der Lust, die sich verschenken)
Zugehörigkeit zu Liebesordnungen Natürlich sind die bezeichneten Liebesordnungen für Fourier keine Zwangsorganisationen, sondern sie dienen dem Zweck, daß Menschen gleicher oder ähnlicher Neigung leichter zueinander finden, denn nur kraft vielfacher Beziehungen kann der Mensch zu seiner Bestimmung finden: "Jeder Mann und jede Frau werden völlig frei sein, nach eigenem Gutdünken zu handeln und ihren Geschmack zu wechseln, wann immer es ihnen gefällt; aber sie sind verpflichtet, sich der Gruppe anzuschließen, die ihre vorherrschende Leidenschaft pflegt".
Alles für das Vergnügen

Die Organisation des Vergnügens ist für Fourier der Dreh- und Angelpunkt der sozialen Struktur der Zukunft. "Bei der Berechnung der Anziehung muß sich alles um das Vergnügen drehen, alles muß auf die Garantie der Vergnügungen zielen"

"In der Harmonie, wo großer Überfluß und eine ungeheure Vielfalt von Vergnügungen herrscht und wo das harmonische Leben allgemeine Eintracht verlangt, muß der religiöse Kult die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird"

Polygamie

Fourier hält die strikte Monogamie für den meisten Menschen nicht entsprechend und deckt sich darin mit den Ergebnissen der modernen Sexualforschung.

Die Sprengkraft aber, die in der "Untreue" und "Seitensprüngen" in der Zivilisation liegt (Trennungen, Scheidungen etc.) wird in der Harmonie dadurch aufgehoben sein, daß die Polygamie eine anerkannte Quelle hocherziger Beziehungen sein wird: "Die Polygamie, bei den Zivilisierten und Barbaren ein Auswurf der Leidenschaft, wird in der Harmonie eine hochherzige Beziehung sein (….)".

"Mit gutem Grund darf ich verheißen, daß die Harmonie Keime der freiheitlichen Liebe hervorbringen wird, die in der entgegengesetzten Richtung wie unsere (heutigen) Bräuche und (….) eine hochherzige und heilige Trunkenheit, eine erhabene Wohllust bescheren wird, die unserem heutigen Egoismus weit überlegen ist

Galanter Adel

Konsequenterweise deutet Fourier auch den Begriff Adel um in seinem Sinne:"Laster heißt vor dem Gesetz der Attraktion alles, was die Zahl der Beziehungen vermindert, Tugend alles, was sie vermehrt"

Der galante "Adel der Zukunft" wird sich also durch Qualität und Quantität seiner Beziehungen auszeichnen, und nicht durch Geblüt oder materiellen Reichtum.

"Was ist ein Liebespaar nach der heutigen Methode? Ein Individuum zu zweit, welches das Glück für sich allein pachten will. Ein solches Paar ist dem Mann vergleichbar, der in seinem Keller die besten Weine der Welt lagert, aber sie stets alleine trinkt, ohne je einen Freund, Verwandten oder Nachbarn einzuladen."

Auch die Monogamie ist (natürlich) erlaubt

"Jedem Paar steht es frei, den Ehebund einzugehen; er wird sogar begünstigt und gefestigt durch die Einführung von Ehe-Pausen, d.h. der Aufhebung der Treuepflicht für eine vereinbarte Zeitspanne, sofern diese Aufhebung in der Kanzlei des Liebeshofs registriert wird".

"In der Harmonie wird es keine Fallstricke mehr geben. Die Paare erlangen die höheren Liebes-grade erst im Laufe der Zeit; anfangs haben sie keinen anderen Titel als den des Favoriten oder der Favoritin".

Unbeständigkeit wird zur Tugend

"Wir werden (….) zeigen, daß die unbeständige Liebe in der Harmonie die höchsten sozialen Tugenden hervorbringt"

"Die Unbeständigkeit birgt keine Gefahren mehr und ist nützlich, wenn sie freundschaftliche Beziehungen hinterläßt"

Keineswegs versteht Fourier das aber so, daß es etwa in der Harmonie einen Zwang zur Unbeständigkeit in der Liebe gäbe, alles basiert auf der Freiwilligkeit.

"Die offen geübte Unbeständigkeit hat nichts Lasterhaftes an sich, zumal dann nicht, wenn sie auf gegenseitigem Einverständnis beruht".

Die "Drehpunktliebe" Instinktiv stellt Fourier auch die traditionelle Definition des Wortes "Treue" in Frage.

Polygyne haben die "Eigenart, sich einen oder mehrere Drehpunkte in der Liebe zu schaffen, (…) eine Neigung, die sich durch alle Stürme der Unbeständigkeit erhält".

"Bei dieser Liebe handelt es sich also um eine zusammengesetzte Beständigkeit, die sich mit den Unbeständigkeiten, den Treuebrüchen verträgt und darum den Titel einer transzendenten Treue verdient".

Fast 200 Jahre vor unserer heutigen Polyamory – Bewegung ist Fourier nahe dran, den Begriff der "Treue" neu zu definieren: "Die Drehpunktliebe ist wahrlich eine transzendente Treue, und umso erhabener, als sie die Eifersucht überwindet, welche die gewöhnliche Liebe verunstaltet".

 

"Zwiespältigkeiten"

Weit entfernt von einer durch Zwänge und Verbote reglementierten Sexualität erwies sich Fourier als Kenner vielfältiger Spielarten der Sexualität. Er spricht dabei auch keineswegs von "Abirrungen", wie es Siegmund Freud mehr als ein Menschenalter nach ihm als Wissenschaftler tat, denn es gibt in den Leidenschaften für ihn natürlich keine "Abirrungen". Sogenannte "Zwiespältigkeiten" oder "Absonderlichkeiten" werden "in der Harmonie den Aufflug der sozialen Tugenden ungemein begünstigen", sie sind "unendlich kostbar", "für die Einheit des Systems der Bewegung wahrhaft unerläßlich", "wie die Zapfen und Fugen in einem Gebälk". "Die Natur will in den Vergnügungen eine ungeheure Vielfalt".
Homosexualität

Homosexualität bezeichnet Fourier als "unisexuell".

Gegenüber der "Knabenliebe", womit er freilich nicht Sexualität mit Kindern, sondern Homosexualität mit Jünglingen meint, verhehlt er seine "Nachsicht" nur schlecht. Er weiß um die erwiesene Homosexualität bei antiken Autoren wie Lykurg, Sokrates, Platon, Cäsar (kennt Plutarch sehr gut), aber auch um das Lesbiertum ("sapphische Liebe) und heißt diese sexuellen Orientierungen ebenso gut wie alle anderen. In der Harmonie werden auch seiner Sicht "unisexuelle Orgien" natürlich ihren Raum bekommen.

Sado-Masochismus Zwar hat Fourier noch keine Worte für die sexuellen Orientierungen, die man heute als Sado-Masochismus bezeichnet, aber sie sind ihm offenkundig wohlbekannt. Er weist nach, daß diese Triebe schon in der Natur existieren und erzählt aus seinen Lebenserfahrungen: "Einige melancholisch veranlagte Männer finden Gefallen daran, von ihren Schönen (….) geschlagen und mißhandelt zu werden (….)" und "…die Frau, die sie (die Peitsche) schwang, versicherte mir, daß sie mit aller Kraft auf ihre Opfer einschlage (…) und daß es überaus glücklich sei ob dieser ritterlichen Liebkosung".
Andere von Fourier beobachtete "Zwiespältigkeiten"

Fouriers Studien zur Homosexualität und zum Sado-Masochismus entsprechen nur bedingt seinen eigenen Neigungen – er hatte eingestandenermaßen einen Hang zu lesbischen Frauen-, vielmehr geht es ihm um die Erforschung der Komplexität der Leidenschaften:"Ich habe (…) einen Mann gekannt, dem es Lust bereitete, wenn seine Geliebte sich vor seinen Augen mit einem anderen vergnügte; dennoch liebte er diese Frau und war durchaus imstande, sie zufrieden zu stellen"
Doch auch noch wunderlichere Geschichten weiß er zu erzählen: "(…) als einzigen Lohn begnügte er sich damit, (…) am Fußende ihres Bettes zu sitzen und der Dame die Fußsohlen zu kitzeln" und "Ein anderer liebt es, sich als kleines Kind verkleiden und behandeln zu lassen (….)"

Solcherlei offen auszusprechen war für Fouriers Zeit unerhört und skandalös.

Die Harmonie und die Zwiespältigkeiten

Fourier meinte, daß es eine festgesetzte Zahl von Zwiespältigkeiten gibt und diese einen relativ konstanten Prozentsatz bilden. Das deckt sich mit den modernen Erkenntnissen der Sexualwissenschaften. Doch der große Utopist geht noch weiter. Er geht davon aus, daß es noch Leidenschaften gibt, die er selbst gar nicht kennt! Auch diese sollen in der Harmonie zu ihrem Recht kommen. Selbst wenn nur vierzig Menschen auf der ganzen Welt einer solchen speziellen Neigung nachgehen, "dann wird man sich bemühen, diese 40 Sektierer zusammenzubringen". Deren Zusammenkünfte würden eine "Pilgerfahrt" sein, die "ebenso heilig ist wie die Reise nach Mekka". Minoritäre Neigungen werden nicht nur geduldet, toleriert, sondern geradezu von Fourier und der Gesellschaft der Harmonie "mit Weihrauch bestreut" werden.
Es ist die Aufgabe der Harmonie, deren Anhänger "zum Schutze dieser Art von Lustbarkeit zusammenzuschließen".
In der Harmonie wird man sich "des Zwiespältigen bedienen", die zweispältigen Neigungen werden sich "in Tugenden wandeln", das Zwiespältige dient, wie alle anderen Leidenschaften auch, der differenzierten Anordnung und Bewegung, dem guten Fortgang des "gesellschaftlichen Konzerts". Es wird sicherlich noch lange dauern, bis diese Sicht des wohl größten Utopisten der bisherigen Geschichte auch Ansichten eines "main stream" sein werden.

Die Betrachtung der Zwiespältigkeiten in den erotischen Leidenschaften führt Fourier aber nicht zur Beliebigkeit und zur Gleichgültigkeit gegenüber Zwang und Gewalt. Insbesondere die Sklaverei und die Erniedrigung der Frau werden von Fourier immer wieder gebrandmarkt. Die Freiwilligkeit und der Zusammenschluß von Menschen nach ihren Neigungen in Serien ist absolute Grundlage seines Konzepts.

5. Über die Freiheit in der Arbeit

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Ebenso revolutionär wie seine Texte zur Liebe in der Harmonie sind seine Ausführungen zum Thema Arbeit.

Was ist Arbeit? Nach der Bibel eine Strafe für den Menschen. Fourier, dessen religiöses Verständnis sehr weit von der christlichen Religion entfernt ist, hat mit diesen Auffassungen sicherlich nichts am Hut. Er geisselt das Verständnis von Arbeit als eine Strafe, das typische Produkt einer verderbten Zivilisation. "Zivilisierte Arbeit" ist überhaupt ein Unglück für die Menschen, und so ist es aus seiner Sicht kein Wunder, daß Arbeit bei Reichen verpönt sei.

Wie ist Liebe zur Arbeit möglich, so fragt Fourier? Seine Antwort: Nicht in der Zivilisation ist sie möglich, sondern nur in den "leidenschaftlichen Serien" der Harmonie.

Friedrich Engels über Fouriers Theorie von der Arbeit

Ausnahmsweise lasse ich, statt Fourier selbst, seinen großen Bewunderer Friedrich Engels in dieser Sache sprechen: "Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen. Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige Gesellschaftssystem anwendet. Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich - das Ei des Kolumbus".

(Engels in Fortschritte der Sozialreform auf dem Kontinent 1843)

Die Aufhebung des Arbeitszwangs durch die "anziehende Arbeit" im Sinne Fouriers bezeichnet Engels hier als das "Ei des Kolumbus", was er auch im hohen Alter noch einem Eugen Dühring entgegenhält.

Überflüssige, vergeudete Arbeit

Nichts ist lächerlicher als das Durcheinander, das in der Arbeit der Zivilisierten herrscht, die doch unzählige ökonomische Abhandlungen verfaßt haben" Zwei Drittel der Bevölkerung gehen nach Fourier keinen oder negativen Beschäftigungen nach. Parasiten der Arbeit sind:

an den Haushalt gefesselte Frauen
alle Angestellten, "deren Tätigkeiten nur infolge der zerstückelten Arbeit nötig sind und darum in der Assoziation überflüssig werden";
Militärapparate
Staatsbeamte
Arbeiten für die Regierung, die "jeder zu betrügen sucht"
"neun Zehntel" der Kaufleute und Handelsagenten
Recht auf Arbeit Fourier ist übrigens auch Schöpfer des Begriffs "Recht auf Arbeit", aber er versteht diesen begriff etwas anders, als man auf den ersten Blick vermuten könnte: "Gebt dem Zivilisierten eine Arbeit, die ihm unwiderruflich gehört und die er ausüben kann, wie und wann es ihm gefällt, ohne daß er von einem ungerechten Aufseher abhängig ist und sich mit Leuten einlassen muß, deren Sitten ihn abstoßen. Gebt dem Zivilisierten die gleichen Rechte wie dem Wilden, dem keine Macht der Welt das Recht streitig machen kann, die gleichen Arbeiten auszuführen wie die Häuptlinge seiner Horde".
Anziehende Arbeit Viele Geschöpfe arbeiten mit Lust, obwohl die faul sein könnten, argumentiert Fourier mit Blick auf das Tierreich.

In der Tierwelt gäbe es keinen Arbeitszwang. Trotzdem wimmelt die Tierwelt von emsig arbeitenden Ameisen, Bibern, Bienen etc., deren "Arbeitseifer" unstrittig sei. Woran liegt das?

Nach Fourier handelt es sich um einen sozialen Mechanismus, der bewirkt, daß sie (die Tiere) ihr Glück in der Arbeit finden. Auch dem Menschen ist dieser Mechanismus zueigen.

Fourier nennt ihn "anziehende Arbeit" und meint damit "von Leidenschaften gesteuerte Arbeitstätigkeit".

Genossenschaftliche Arbeit

Fourier war keinesfalls der Auffassung, daß sich der Sprung von der Zivilisation zur Harmonie gewissermaßen über Nacht erreichen ließe. Der an die utopischen Sozialisten bisweilen von pseudomarxistischer Seite gerichtete Vorwurf, sie hätten einen direkten Übergang zur Zukunftsgesellschaft ohne Zwischenetappen vorgesehen, stimmt nicht. Auf dem Weg zur Harmonie sieht Fourier immerhin noch 3 Zwischenstufen.

Trotzdem ist die möglichst frühe Verwirklichung der anziehenden Arbeit statt der Arbeit aufgrund von Arbeitszwang für ihn ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Der Hebel dazu ist die Gründung von Phalansterien gewissermaßen hier und heute.

Er nennt folgende Bedingungen für anziehende genossenschaftliche Arbeit in einem Phalansterium:

Jeder Arbeiter ist Assoziierter, es gibt gewissermaßen Dividende statt Lohn
Bezahlung entsprechend drei eingebrachten Faktoren nach einem bestimmten Schlüssel: Kapital, Arbeit, Talent
Arbeitsperioden müssen (bis zu 8 mal) wechseln, denn "Begeisterung für eine Sache kann in Landwirtschaft / Manufaktur nicht länger als 2 Stunden anhalten"
Arbeit in Gesellschaft von Freunden
Werkstätten und Anbauflächen müssen durch Eleganz und Sauberkeit bestechen.
Arbeitsteilung muß so fortgeschritten sein, daß jeder Mensch sich den Arbeiten widmen kann, die ihm zusagen.
Volles Recht auf Arbeit (sofern Aufrichtigkeit und Befähigung unter Beweis gestellt worden ist).

6. Zusammenfassung: was Charles Fourier uns heute noch zu sagen hat

Probleme in Gemeinschaften

Vielfach herrscht in der Gemeinschaftsbewegung die Ansicht vor, zu einer funktionierenden Gemeinschaft gehöre ein gewisses Maß an Gruppenzwang, auf diese Erkenntnis stoße ich immer wieder. Eigentlich kenne ich nur eine einzige Gemeinschaft, die das Prinzip des Gruppenzwangs weitgehend abgeschafft hat, den Stamm der Likatier.

Damit will ich nicht sagen, daß Gruppenzwang offen propagiert wird, jedoch stellt er oft ein Axiom, eine Grundannahme im Denken vieler Menschen dar, die fest in ihrer Weltsicht verankert ist. Entsprechend hat die Kommunikation oft nötigenden beziehungsweise verletzenden Charakter. Verletzungen und destruktive Kommunikation zerstören immer wieder viele Gemeinschaftsinitiativen.

Das Prinzip der Freiwilligkeit

Die Zukunftsgesellschaft kann nur ein auf Freiwilligkeit aufbauendes System sein. Überwindung nötigungsorientierter Kommunikation ist ein wichtiges Strukturelement in der Feinstruktur einer Gemeinschaft. Sicherlich kommen Systeme, die auf Nötigung und (Gruppen)zwang basieren, unter Umständen schneller auf die Füsse, aber um den Preis der Erosion des Zusammengehörigkeitsgefühles.

Aufflug der Leidenschaften

Wo Menschen ihre Leidenschaften leben können, dort fühlen sie sich beheimatet. Kultivierung der Leidenschaften statt ihrer Unterdrückung muß als unbedingtes Ziel einer Gemeinschaft aufgefaßt werden. Erforschung der Leidenschaften und der Möglichkeiten ihrer Erfüllung muß als individuelles und gemeinsames Ziel einer Gemeinschaft verstanden und gesehen werden.

Anziehende Arbeit

Gemeinschaften ab einer gewissen Größe können das Prinzip der anziehenden Arbeit verwirklichen. "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Vertrauen auf die Leidenschaften als Triebfeder der Arbeit statt des Zwanges ist ein wesentliches Element emotionaler Gemeinschaftsbildung.

Harmonie der Leidenschaften

Gemeinsamer Aufflug der Leidenschaften verhindert destruktive Entartungen, wie sie zumeist durch Ausgrenzung und Streit ihren Ausdruck findet. Die Kultivierung des fourierschen Unitismus als "Pivotale" (Drehpunkt – Leidenschaft) kann da Abhilfe schaffen, wenn sie eine bewußte und gewollte Absicht ist. Die Leidenschaft, das eigene Glück mit dem Glück anderer zu vereinen, vereint die Leidenschaften aller insgesamt zu einem harmonischen Ganzen.


Epilog: Fourier und das Projekt Nemetien

Nemetien ist – wie den meisten Lesern dieser Zeitschrift wohl bekannt ist – eine konkrete Utopie und ein praktisches Projekt. Die Vision eines Charles Fourier ist selbstredend heute genau so wenig Realität wie zu seinen Lebzeiten. Gerade aber am unzureichenden Verständnis sowohl der Freiheit in der Liebe als auch in der zwangfreien Arbeit scheitern viele Gemeinschaftsansätze. Ein Charles Fourier kann uns da auch heute noch beflügeln und inspirieren, weil er uns das Ziel weisen kann, um das es letztlich geht: eine Gesellschaft der Harmonie. Insofern kann man Charles Fourier als einen großen Lehrer des Projektes Nemetien ansehen.

 

Anmerkungen

Anm. 1 "Zivilisation" nannte Fourier die Gesellschaftsform, in der er selbst lebte, und das war das Frankreich seiner Zeit. Betrachtet man seine Zivilisationskritik näher, so scheint sich seit dem Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts außer einem gewaltigen technologischen Aufschwung wenig geändert hat.
Anm. 2 Es handelte sich um den Bürgerkrieg zwischen Girondisten und Jakobiner. Fourier entkam nur knapp der Hinrichtung durch die jakobinische Guillotine.
Anm. 5 "Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der Wissenschaft", letzte von Engels autorisierte Ausgabe 1894

 

 

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Stand: 02. September 2006