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Eine Einführung in die Gedanken des großen utopischen
Sozialisten und Vordenkers der Gemeinschaftsbewegung

Charles
Fourier mag manchen Lesern mit marxistischer oder allgemein linker Vorbildung bekannt sein
als sogenannter "Frühsozialist", als ein Vorläufer etwa von Marx und Engels,
wobei der Begriff "Früh" nahelegt, daß es sich bei seinen Konzeptionen um
etwas eben frühes, verfrühtes, noch nicht vollendetes, noch unfertiges handeln soll. Die
wenigsten, die Fouriers Namen aus Hinweisen etwa von Engels in seiner "Geschichte der
Familie, des Privateigentums und des Staates" kennen, wissen aber um die
tatsächlichen Vorstellungen dieses großen Utopisten, der zu seinen Lebzeiten belächelt
bis gehaßt wurde. Dabei gäbe es gute Gründe, Fourier als eine Art geistiger Vater der
Sozialismus anzusehen, Engels jedenfalls ließ sich von ihm vergleichsweise stärker
inspirieren als etwa von dem trockenen Hegel.
Mehr als jeder andere Theoretiker aber kann
Fourier als der geistige Vater der Gemeinschaftsbewegung angesehen werden, denn das Leben
in "Phalansterien" genannten Großgemeinschaften erscheint Fourier als
unumgängliches Ziel der Entwicklung der menschlichen Kultur.
Seiner Zeit weit voraus war er mit seinen
Vorstellungen von der "Freiheit der Liebe" jenseits von Kleinfamilie und
Monogamie Dogma, sowie seiner Konzeption von der "anziehenden Arbeit". |
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Der
utopische Sozialist Fourier (1772 - 1837) übte in seinen Schriften massive Kritik an der
bürgerlichen Gesellschaft, die mit dem Überfluss auch die Armut schafft. Zentrale These
lautete, daß Einrichtungen der "Zivilisation" (Anm. 1) verhindern, daß der
Mensch seine natürlichen positiven Möglichkeiten zu entfalten vermag. Hinderlich sind
vor allem die von Menschen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Institutionen und
Moralsysteme, in die sie sich gewissermaßen verstrickt haben.
Er war insofern der Begründer der
sozialistischen Lehre des Fourierismus, die in Frankreich auch nach seinem Tod eine
wichtige Rolle spielte. |
Ein
Auftrag an ihn, im Interesse einer Preisspekulation heimlich eine Reislandung ins Meer
werfen zu lassen, soll ihn ursprünglich auf sozialistische Ideen gebracht haben. Als
Handelsmakler in Lyon veröffentlichte er ab 1803 - zum Teil anonym - sein umfangreiches
Schriftgut, in welchem er sein sozialistisches System begründet.
Fourier vertrat die Auffassung, dass eine natürliche gesellschaftliche Ordnung existiere,
welche analog den Newton'schen Gesetzen in der Physik entspreche. So wie es in der Physik
berechenbare Anziehungskräfte etwa der Gravitation gäbe, so existieren auch in der
menschlichen Gesellschaft berechenbare Anziehungskräfte zwischen den Menschen, deren
mächtigste gleichwohl die Liebe sei. Sowohl die physikalische Welt wie auch die
Gesellschaft in ihrer historischen Evolution entwickle sich in acht aufsteigenden Stufen.
In der Harmonie erst, der höchsten Stufe, sei der Mensch dazu in der Lage, seine
Emotionen frei auszudrücken. Diese Stufe könne erreicht werden, indem man die
Gesellschaft in "Phalanxen" aufteile. Dabei ist eine Phalanx eine
landwirtschaftlich- industrielle Kommune, in der sich die Mitglieder in der Ausübung
verschiedenen Tätigkeiten beständig abwechseln.
Ein Phalansterium ist indes nicht nur eine Arbeits-, sondern auch eine Liebesgemeinschaft. |
Durch die Bildung von großen Kommunen (Phalangen), in denen die
Menschen entsprechend ihrer Charakterstruktur, und ihrer Leidenschaften zusammen leben und
in Produktionsgenossenschaften die Arbeit organisieren, werden nach Fouriers Prognose alle
Übel der "Zivilisation" überwunden.
Die Arbeit wird zum Vergnügen werden, und
zwar einfach aus dem Grund, weil nicht mehr der Zwang, sondern die Entfaltung der
vielfältigen menschlichen Leidenschaften als Triebkraft des "gesellschaftlichen
Konzerts" funktioniert.
Freie Liebe wird die Regel sein, jenseits
jeglichen Dogmas über Beziehungsformen und strukturen wird jeder Mensch seinen
Neigungen folgen und diese in ihrer Vielfältigkeit kultivieren.
links das Titelblatt einer
fourieristischen Zeitschrift des 19. Jahrhunderts |
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Vor der detaillierteren Darstellung von
Fouriers Konzeptionen und Vorstellungen zunächst einige wichtige Daten aus Fouriers
Leben. Fourier lebte im wesentlichen im Zeitalter der französischen Revolution, der
napoleonischen Ära und der nachfolgenden Phase der Restauration.
 | 7.4.1771 geboren in Besancon als Sohn eines Tuchhändlers |
 | 1772-1791 Gymnasium; wird Lehrling bei Kaufleuten in Lyon und
Rouen |
 | 1791 Übersiedlung nach Lyon; Revolution; Konfrontation mit
den Seidenarbeitern und deren religiös mysthischen Vorstellungen. |
 | 1793 Verwicklung in den Bürgerkrieg Föderierte
Konvent (Anm. 2); Beerbung des Vaters |
 | 1794 Militärdienst als Kürassier am Rhein, dann Entlassung
aus dem Militär; Verlust seines gesamten Vermögens |
 | 1799 Als Kaufmannsgehilfe in Marseille Beginn der Arbeiten an
"der Berechnung der sozialen und erotischen Anziehung". Geht nach Paris, um
exakten Wissenschaften zu studieren. |
 | 1800. Geldmangel. Zurück nach Lyon, lebt als Makler ohne
Lizenz. Die (napoleonische) Zensur lehnt ein Zeitungsprojekt von ihm ab. |
 | 1803-1804 erstmals Erwähnung der "universellen
Harmonie" in einer Artikelserie |
 | 1808 Veröffentlichung seiner fundamentalen "Theorie
der vier Bewegungen" (anonym) |
 | 1815 Bürovorsteher in der Lyoner Präfektur. |
 | 1816 Beginn der Beziehung zu Just Muiron (frühester
Schüler) |
 | 1819 Vollendung "Grand traite" (8 Bände), ein
Werk, auf das sich Engels und Marx stark beziehen sollten. |
 | 1821 Erscheinen der "Abhandlung über häusliche und
landwirtschaftliche Assoziation", aber gekürzt um die erotischen Passagen. |
 | 1824 -1829 Schreibt an Robert Owen, um ihn für seine Ideen
zu gewinnnen. Lebt als kleiner Angestellter. Veröffentlicht "Die neue Industrie- und
Geschäftswelt". Wartet auf einen Sponsor für sein erstes Phalansterium. |
 | 1830 1832 Auseinandersetzungen mit den
Saint-Simonisten und Owenisten, denen er vorwirft, sie wollten die Natur des Menschen
verändern, was Fouriers Vorstellungen von der natürlichen Ordnung der menschlichen
Leidenschaften zuwiderläuft. |
 | 1833-1836 Fourier wird international gefeiert, zerstreitet
sich allerdings mit seinen Schülern, denen seine Vorstellungen von der Liebe in der
"Harmonie" peinlich sind. |
 | 1837 Fourier stirbt und wird auf dem Montmatre begraben. |
Rezensenten
Fouriers sprechen von einem "Legendären und geheimnisumwobenem Leben" des
Utopisten, indessen erscheint seine persönliche Biographie eher bescheiden und von vielen
persönlichen Niederlagen geprägt. Seine Schriften jedoch erregten weit über Frankreich
hinaus großes Aufsehen, die Rezensenten unterteilten sich kraß in Kritiker und Spötter
einerseits und Bewunderer andererseits. Auf ihn stützten u.a. Marx und Engels ihre
Vorstellung von dem, was sie Kommunismus nannten (wovon später).
Er heiratete nie, hatte keine (bekannten)
längeren sexuellen Beziehungen, lebte stets allein als Mieter eines möblierten Zimmers,
das er mit Zimmerpflanzen vollstopfte. In seinen Schriften gab er an wenigen Stellen eine
spezielle Neigung zu Lesbierinnen zu, es ist aber nicht bekannt, ob er diese Neigung
jemals ausleben konnte. Vielleicht ist er gerade wegen der Bescheidenheit seines
persönlichen Lebens zu einem Vordenker einer sexuellen Revolution geworden, neben dem
Freud, Reich und Kinsey selbst heute noch fast schüchtern wirken. |
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Obwohl Fourier mit
einigem Recht als geistiger Vater der Kommunismus Vorstellungen eines Marx und
Engels gelten kann, so hat seine Vorstellung von einer Zukunftsgesellschaft sehr wenig zu
tun mit der Wirklichkeit von verschiedenen unterdessen untergegangenen sich
""arxistisch""nennenden Systemen zu tun im Gegenteil.
Fourier ist Gegner jeder erzwungenen
Vereinheitlichung, und gerade in dieser Frage geriet er immer wieder mit anderen Utopisten
und Revolutionären aneinander. Seine Vorstellungen von der Harmonie sind weit weg von der
Monokultur vieler anderer sozial-revolutionärer Modelle, jede Vorstellung einer
Erziehungsdiktatur ist ihm ein Greuel. "In der Harmonie ist alles frei"
die Zukunft basiert nach Fourier auf der Freiwilligkeit. Mit dieser Auffassung unterschied
sich Fourier grundlegend von vielen frühkommunistischen und frühsozialistischen Schulen
seiner Zeit, sie war die Wurzel seiner Konflikte mit Owen, Saint Simon, Cabet und
anderen.
| Glücklich ist der von
Leidenschaften bewegte Mensch |
Das ist
Fouriers zentrale These: Gesellschaftliche Harmonie entsteht nicht durch Unterdrückung
von (ökonomischen, nach Herrschaft strebenden, sexuellen usw.) Trieben, sondern durch das
Ausleben der verschiedenen, in jedem Individuum anders konzentrierten, das Talent, die
geistigen Fähigkeiten, das emotionale Leben usw. betreffenden Anziehungs- oder
Assoziationskräfte.
Fourier sieht den glücklichen Menschen als ein durch Leidenschaften bewegtes und
gesteuertes Wesen.
Fourier glaubt, dass die Leidenschaften durch "gegenlaufende" Leidenschaften zu
sozialen Triebfedern in einem harmonischen, dem»Aufflug«(essort) des Menschen
förderlichen Ganzen integriert werden können (Einheit der Leidenschaften).
Die Kunst der gesellschaftlichen Organisation besteht demnach nicht in der Kreation von
Zwängen, die den Menschen zur Produktivität bewegen sollen, sondern in der
Ausbalancierung der Leidenschaften. |
| Gegengewichte und
Gegenläufer |
Jeder
Leidenschaft kann eine sie gegenlaufende und damit sie zurücknehmende entgegengesetzt
werden. Wird ein solcher Ausgleich nicht unternommen, sondern versucht, Leidenschaften zu
unterdrücken, so bildet nach Fourier die Leidenschaft selbst ihre nicht mehr zu
kontrollierenden Gegenläufer.
Fourier schreibt: "Die Angelegenheiten der Liebe und der Feinschmeckerei finden
in der Zivilisation nicht allzuviel Beachtung, weil man nicht weiß, welche Bedeutung Gott
unseren Vergnügen zumisst. Die Wollust ist das einzige Mittel, durch das Gott uns
beherrschen und zur Erfüllung seines Wollens bringen kann. Durch Anziehungskraft und
nicht durch Zwang regiert er die Welt. Die Genüsse seiner menschlichen Geschöpfe sind
das wichtigste Moment göttlichen Planens".
Hier wird auch eine spirituell-religiöse Komponente in Fourier sichtbar: Gott lenkt durch
die Leidenschaften, ja durch die Wollust, die Geschicke der Welt. Es versteht sich von
selbst, daß Fouriers Gottesverständnis alles andere als christlich war. |
Die frühen
Frauenrechtlerinnen (Soufragetten) und später die Feministinnen respektierten und
verehrten Fourier wegen seiner zu seiner Zeit unerhört kühnen Parteinahme für die
Rechte der Frau.
"Die Harmonie entsteht nicht, wenn
wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken. Die Natur
hat beide Geschlechter gleichermaßen mit der Fähigkeit zu Wissenschaft und Kunst
ausgestattet."
Geradezu empört formuliert er: "Kann
man nur einen Schimmer von Gerechtigkeit in dem Los erblicken, das den Frauen beschieden
ist?"
Geradezu klassisch ist folgender Satz:
"Allgemein läßt sich die These aufstellen: der soziale Fortschritt vollzieht
sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau".
Möglicherweise hat Fouriers
lebenslanges Junggesellen Dasein ihn zu einer radikalen Kritik der Kleinfamilien
Ehe gebracht. Hier entwickelt er eine Radikalität, in der er seiner Zeit weit
voraus ist: "Das heutige System, das den Zusammenschluß der Menschen infolge der
Isolierung der Haushalte auf ein Minimum beschränkt, hat die Menschheit auf den Gipfel
der Verderbtheit geführt"
Die Familie erscheint ihm gar als die
Basis eines immerfortwährenden Kleinkrieges im Privaten: "Die Zivilisation
bewirkt, daß der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie
der geheime Feind aller anderen Familien ist".
Liebe und (Ehe-)Beziehung erscheinen Fourier geradezu
als unvereinbare Gegensätze: "In der Zivilisation kann die Liebe (
) keinen
freien Aufflug nehmen, denn sie ist in der Ehe gefangen".
Um es klar zu sagen: Fourier ist im Original nicht
leicht zu lesen. Er erfindet zur Beschreibung seiner Konzeptionen zum Teil neue Begriffe
oder definiert bekannte Begriffe auf eigenwillige Weise neu. Daher folgt nun ein kurzes
Glossar seiner "Kennworte".
| Anziehung
"attraction" |
Zwischen
Leidenschaften und der Arbeit der Menschen wirken berechenbare Anziehungskräfte (analog
Newtons physikalischen Anziehungskräften). Der Mensch kann nur kraft vielfacher
Beziehungen seine Bestimmung finden. Als Einzelner ist er nicht in der Lage, sich zu
entfalten. Die "attraction" hat in Fouriers Sozialphilosophie den gleichen Rang
wie die Gravitation in der Physik.
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| Aufflug
"essort" |
Das
ist die Entwicklung bzw Entfaltung einer Leidenschaft. Jede Leidenschaft hat eine
Triebfeder (ressort), der Raum gegeben werden muß, damit sie "auffliegen" kann.
Dieser Aufflug jeglicher Leidenschaft ist bei Fourier ein stets anzustrebendes Ziel.
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| Celadonische versus
materielle Liebe |
Fouriers
Begriff für "spirituelle, romantische Liebe" lautet "celadonische
Liebe", nach dem Helden Celadon des Schäferromans Astee. In der Zivilisation wird
die romantische Liebe nach Fouriers Beobachtung öffentlich scheinbar hochgehalten, in
Wirklichkeit aber heimlich verachtet. Wer romantisch liebt, ohne materielle (sexuelle)
Interessen zu verfolgen, erweist sich in der Realität der Zivilisation eher als Narr. Die
celadonische Liebe ist für Fourier der Gegenbegriff zur "materiellen Liebe"
(=Kopulation). Diese Doppelbödigkeit prangert Fourier unablässig an. Erst in der
Harmonie ist seiner Propgnose nach die celadonische Liebe wirklich gleichberechtigt mit
der materiellen Liebe.
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| Drehpunkt (pivot) |
Bezeichnet
bei Fourier das wichtigste Element eines Systems. So ist die Sonne der Drehpunkt im
Sonnensystem, die Familie in der Zivilisation, das Phalansterium in der Harmonie, der
Unitismus ist die Drehpunktleidenschaft, es gibt Drehpunktliebe bei Polygamen, etc. Den
Begriff hat Fourier den Newtonschen Bewegungsgesetzen entlehnt.
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| Hebel (levier) |
Von Fourier gern
gebrauchter Begriff, um die Methode zu bezeichnen, ein Vorhaben zur Entfaltung zu bringen.
Zur Verwirklichung eines jeglichen Vorhabens bedarf es eines "levier", in aller
Regel eine oder mehrere zur Entfaltung gebrachte Leidenschaften. Insbesondere für die
"anziehende Arbeit" ist ein System von Hebeln zu verwirklichen, die in "zum
Aufflug gebrachten" Leidenschaften der in geeigneten Gruppen zusammengefaßten
Menschen bestehen.
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| Serie |
Organisationsform,
die auch in der Natur anzutreffen ist. Sie ist nach Fourier die natürliche
Organisationsform des Menschen, und wohl der Gegenbegriff für alle auf Zwang beruhenden
Organisationsformen. Es handelt sich bei Serien um sorgfältig zusammengestellte Einheit
von Gruppen unterschiedlichen Alters, Besitzes, Intelligenz, die eine mehr oder weniger
starke gemeinsame Neigung für eine bestimmte Leidenschaft haben.
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| Gott (dieu) |
Fourier ist keineswegs
Atheist, sondern Pantheist. Entgegen christlichem Verständnis ist sein Gott aber kein
Gott der Moral, sondern ein sozialer, triebbejahender Gott und Schöpfer des sozialen
Codes. Durch die Leidenschaften bewegt Gott die Welt. Wie für viele christliche Ketzer
ist für Fourier auch die sexuelle Vereinigung von Gott gewollter Weg zur Vollendung des
Menschen (das Heilige ist unauflöslich mit dem Erotischen verbunden). Die religiösen
Kulte müssen die Liebe zu Gott mit der Liebe zu den Vergnügungen verbinden (Kultus der
wollüstigen Leidenschaften), das ist eine wichtige Forderung Fouriers.
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| Illusion (illusion) |
Bei Fourier ein positiver
Begriff. "Phantasie der Sinne", der neben den sinnlichen Wünschen Raum zur
Entfaltung gegeben werden muß. Illusionen sind für Fourier keine Ersatzlust, sondern
originäres Bedürfnis des Menschen.
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| Keime (germes) |
Mit
diesem Begriff bezeichnet Fourier in unserer Zeit bereits vorhandene Gewohnheiten und
Leidenschaften, die entwicklungsfähig sind in Richtung Harmonie. So ist zum Beispiel die
häufige Überschreitung des Monogamie Gebotes (Ehebruch, Affären) ein Hinweis
darauf, daß der Mensch der Abwechselung in der Liebe bedürfe. Der Ehebruch ist mithin
ein Keim der Harmonie.
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| Luxus (luxe) |
In der Harmonie ein
ausnahmslos positiver Begriff. Wird bewirkt durch die Befriedigung der fünf sensitiven
Leidenschaften; gleichbedeutend mit Wohlbehagen und Gesundheit. "Während der
Luxus in der Zivilisation dazu dient, den Ärmeren zu verdrießen, wirkt er in der
Harmonie stimulierend". Luxus ist bei Fourier allerdings stets dem Kollektiv
zugeordnet, niemals dem Individuum.
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| Phalansterium
(phalanstere) |
Die
aus rund 1620 Personen bestehende Phalanx ist für Fourier die Basiseinheit der Harmonie,
ein Drehpunkt des sozialen Mechanismus. Es handelt sich um Groß - Gemeinschaften, die
sowohl Landwirtschaft als auch Manufakturproduktion betreiben. Eine Phalanx besteht aus
einer nicht festgelegten Anzahl von Serien, die ihrerseits wieder aus Neigungsgruppen
bestehen.
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| Pfropfen (greffer) |
Bezeichnet die Kunst,
Leidenschaften durch "Gegengewichte" ins Gleichgewicht zu bringen. Es sei daran
erinnert, daß Fourier die Leidenschaften nicht durch Einschränkung, sondern durch Gegen
Leidenschaften vor destruktiven Exzessen bewahren will.
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| Liebeshof (court
damour) |
Die
Liebe in der Harmonie ist auf Grundlage der Freiwilligkeit
institutionalisiert und eine öffentliche Angelegenheit, so jedenfalls Fouriers
Vorstellung von der Liebe im Phalansterium. Menschen sind Mitglied in sogenannten
Liebesklassen, die ihren Neigungen entsprechen. Diese Liebesklassen können sich auf die
Anzahl der Liebespartner oder auf die Art der Liebespartner, sowie die Art der Liebes
Vergnügungen beziehen. Der Liebeshof registriert jeden Wechsel in den Beziehungen
oder von Liebesklasse zu Liebesklasse und wird von einer Hohepriesterin geleitet. Der
Wechsel eines Menschen in eine andere Liebesklasse ist natürlich jederzeit möglich.
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| Zusammengesetzt
(combine oder compose) |
Wichtiger Begriff bei
Fourier, bedeutet sowohl "Gegensätze in sich bergend" als auch
"kombiniert". Das Zusammengesetzte ist stets dem Einfachen überlegen. Die
Harmonie nennt Fourier auch "zusammengesetzte Ordnung" im Unterschied zur
"zusammenhanglosen" Zivilisation.
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| Zerstückelte Arbeit
(travail morcele) |
"Die
Zerstückelung der Arbeit ist eines der Hauptlaster der Zivilisation". Dies bezieht
Fourier auf die zu seiner Zeit vollkommen übliche Konzentration auf einen einzigen Beruf.
Das daraus resultierende Streben nach individueller Bereicherung und Abkapselung ist ein
wichtiger Grund für die Grundübel der Zivilisation. In diesem Zusammenhang spricht
Fourier auch von einem "zerstückelten Haushalt", womit er die Kleinfamilie
meint.
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| Leidenschaft (passion) |
Nach Fourier läßt sich
die Bestimmung des Menschen in seine Leidenschaften auflösen, die wiederum
Anziehungskräfte zwischen Menschen bewirken. Leidenschaften haben Triebfedern.
Leidenschaften ersetzen in der Harmonie den Zwang durch Not oder Gewalt. Leidenschaften
verzweigen sich baumartig, ausgehend von drei Ästen, sich "in eine Fülle von
Nuancen verzweigend". |
| Die 12 + 1 Leidenschaften |
Fourier
entwickelte ein ausgefeiltes System von Leidenschaften, das aus heutiger Sicht überholt
und unzureichend erscheinen mag, aber in sich schlüssig ist.
Sein Grundgedanke war, die Leidenschaften
und ihre Antriebe grundsätzlich anzunehmen und zu einer Einheit zu bringen durch ihren
"Aufflug". Kein Bedürfnis sei in seiner Triebfeder schlecht. Er kommt
in einer strengen Nomenklatur auf insgesamt 810 von den Grundleidenschaften abgeleitete
Leidenschaften: "12 primäre Leidenschaften, die unterteilt sind in fünf
sensitive: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - vier affektive: Freundschaft,
Liebe, Ehrgeiz, Familiensinn - und drei distributive: Intrigentrieb, Abwechslungstrieb und
Einungstrieb. Ferner existieren sekundäre Leidenschaften, tertiäre und quartiäre -
insgesamt 810."
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Die 12 primären Leidenschaften nach
Fourier sind: Luxurismus: die 5
Sinne
1. Sehen
2. Hören
3. Berühren
4. Schmecken
5. Riechen
Gruppismus:
6. Familiensinn
7. Ehrgeiz
8. Freundschaft
9. Liebe
Seriismus:
10. Flatterlust (papillone)
11. Streitlust
12. Übereinstimmungs-Lust (auch: Begeisterung)
Unitismus (Nr. 13)
Diese "13. Leidenschaft" nach Fourier ist die Drehpunkt Leidenschaft
(Pivotale) aller Leidenschaften, und sie ist die Gegenleidenschaft zum Egoismus. Es
handelt sich um die Neigung des Individuums, sein Glück mit dem Glück aller anderen in
Einklang zu bringen, eine leidenschaft, die gleichwohl bei verschiedenen Menschen
unterschiedlich ausgeprägt ist. Indessen bedeutet die Verwirklichung des Unitismus
"kollektiven Aufflug aller Leidenschaften", es handelt sich also um eine
Leidenschaft, die alle anderen Leidenschaften nährt und insofern die Pivotale darstellt. |
| Die 8 Epochen der
Menscheitsentwicklung |
Die menschliche Geschichte folgt
nach Fourier einem klaren evolutionären Schema, das aus 8 Epochen besteht. Fouriers
Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts befindet sich demnach auf Stufe 4. Es handelt sich um folgende Epochen:
- Ungeordnete Serien
- Wildheit
- Patriarchat
- Barbarei
- Zivilisation (Fouriers HEUTE)
- Garantismus (genossenschaftliche Ordnung)
- Unvollständige Serien (Anbruch des Glücks)
- Harmonie
Leser von Schriften Friedrich Engels werden
diese Epochen bekannt vorkommen, in der Tat: er griff Fouriers Epochen Schema auf,
um es weiter auszudifferenzieren. |
Zwischen 1808 und
1837 warf der geniale Einzelgänger in seinen Schriften alle Moralbegriffe über den
Haufen, die zu seiner Zeit galten, und entwarf die Grundzüge einer umfassenden
gesellschaftlichen und sexuellen Revolution. Er wurde nicht nur vom etablierten System,
sondern auch von anderen Frühsozialisten erbittert angegriffen. Gleichwohl fand er auch
begeisterte Anhänger. An ihm schieden sich gewissermaßen die Geister. Er ist übrigens
auch Schöpfer von heute wohlbekannten Begriffen wie "Feminismus" und
"Freie Liebe".
Der "Anarchist"
Proudhon klagte Fourier wegen "Unmoral" an ("Ihr seid Päderasten")
und forderte glatt vom Staat das Verbot der "phalanstrischen Schule". Gerade die
Toleranz, die Fourier der antiken Homosexualität entgegenbrachte, brachte den
"Theoretiker des Anarchismus" auf die Palme, wobei Fourer selbst lesbischen
Frauen sehr zugetan war und wohl nicht homosexuell war. In seiner geistigen
Unbefangenheit und in guter Kenntnis klassischer antiker Quellen war Fourier immer wieder
auf die Existenz der rituellem Homosexualität im antiken Griechenland gestoßen und hatte
sie natürlich auch beschrieben als eine der vielen Leidenschaften, die Menschen bewegen
können .
Auch die Frühkommunisten Cabet und Leroux
griffen Fourier geradezu wütend an. Der christliche Kommunist Leroux beschuldigte ihn der
"Gotteslästerung". Damals waren sehr viele kommunistische Sekten geradezu
fanatisch an einem Bibelchristentum fixiert.
Fourier wehrte sich gegen die "Heuchler
und Hochstapler der Moral und der Religion", mußte aber in seinen Äußerungen
vorsichtiger sein. Er wich zum Teil aus in dunkle Analogien. "Gastrosophie"
nennt sich sein rhetorisches Verfahren, durch die Beschreibung kulinarischer Genüsse die
direkte Besprechung sexueller Themen zu vermeiden. Bei heiklen Themen (z.B. der Befreiung
der Frau, freie Liebe) unterdrückte er schließlich in späten Lebensjahren widerwillig
seine eigenen Auffassungen, zog sich auf Andeutungen zurück, um sich Schwierigkeiten und
Anfeindungen zu ersparen.
Nach seinem Tod zensierten
ihn auch noch seine Schüler und unterschlugen seine Vorstellungen von der Freiheit
der Liebe als "soziale Unschicklichkeit" in seinen
veröffentlichten Texten. Man sprach verlegen von "notwendige Auslassungen".
Seine "Schülerin" Gatti de Damond
protestierte hysterisch gegen die Teile seiner Lehre, die von den "harmonischen
Sitten" handelt. "Notgedrungen" würde die "Arbeit darunter
leiden", wenn der "Grundsatz der Freiheit der Liebe" verkündet würde,
meinte die prüde Dame.
Die Entkernung und Kastration vieler seiner
Schriften bewirkte, daß sich nach seinem Tode die von ihm begründete
sozialphilosophische Schule und Bewegung mehr und mehr verflachte und sich nach einigen
gescheiterten Phalansterium Experimenten ganz auflöste.
In der Tat war der Fourierismus nach Fourier
durch den Verrat seiner Schüler seiner beiden bedeutensten Kernkonzeptionen beraubt: der
Freiheit der Liebe in der Harmonie, und der anziehenden Arbeit. Was übrig blieb war nicht
lebensfähig.
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| Marx und Engels waren
Anhänger von Charles Fourier |
Die jungen
Hegelianer Marx und Engels beschäftigten sich ab 1842 mit den Schriften des großen
Utopisten. Besonders Engels studierte das Gesamtwerk Fouriers und verteidigte ihn
engagiert gegen seine Kritiker. Fouriers Vision von der "Harmonie" wurde zum
Ausgangspunkt der Vorstellungen von Marx und Engels von einer kommunistischen
Zukunftsgesellschaft.
Dieser Umstand ist insofern beachtenswert,
als von späteren "Marxisten" diesbezüglich beträchtliche Geschichtsklitterung
hinsichtlich ihrer Säulenheiligen betrieben wurde. Der "utopische Sozialismus"
unter anderem eines Charles Fourier wurde als "überholt" und
"überwunden" abgetan, ein Josef W. Stalin verstieg sich gar zu der Behauptung,
Marx wäre "ein Feind der utopischen Sozialisten" gewesen, was völliger Unsinn
ist und sich auf keine Zeile im Schrifttum weder von Marx noch von Engels stützen kann.
Aus der engen Weltsicht des Diktators Stalin
mochte diese Behauptung Sinn machen, denn Fouriers Vorstellungen von einer auf
Freiwilligkeit und Kultivierung der Leidenschaften basierenden Harmonie ( = Kommunismus,
jedenfalls nach Marx und Engels) stellten geradezu das Gegenteil von der stalinistischen
Einparteien-Diktatur und vor allem der Arbeitslager Gesellschaft der Gulags dar.
Sie hat indessen mit der historischen Wahrheit nichts zu tun. Es finden sich gerade
Fourier betreffend im Gegenteil geradezu begeisterte Urteile von Marx und Engels über den
französischen Utopisten. Einige Textstellen sollen daher im folgenden zitiert werden.
"Fast gleichzeitig mit Saint-Simon
wandte noch ein anderer Mann die Tatkraft seines gewaltigen Verstandes dem sozialen
Zustand der Menschheit zu - Fourier. Wenn auch (
) sein Stil schwerfällig ist
und in erheblichem Maße die Mühe erkennen läßt, mit welcher der Verfasser ständig
arbeitet, um seine Gedanken klar zu formulieren und Dinge auszusprechen, für die in der
französischen Sprache keine Worte vorhanden sind nichtsdesto-weniger liest man
seine Werke mit (
) Genuß und findet mehr wirklichen Wert in ihnen, als in
denen der vorhergehenden Schule"
So Friedrich Engels im Original über
Charles Fourier (im Vergleich zu Saint-Simon).
|
| "Nehmt euch ein
Beispiel an Fourier!" |
Es gehörte in Kreisen der Demokraten
und Sozialisten der damaligen Zeit wohl zum guten Ton, über Fourier, den
"Spinner", die Nase zu rümpfen. Engels ließ es sich nicht nehmen, seinerseits
Fouriers Kritiker mit ätzendem Spott zu überziehen:
"Ich will diesen weisen Herren ein kleines Kapitel von Fourier vorhalten, woran
sie sich ein Exempel nehmen können. Es ist wahr, Fourier ist nicht aus der Hegelschen
Theorie hervorgegangen und hat deshalb leider nicht zur Erkenntnis der absoluten Wahrheit,
nicht einmal zum absoluten Sozialismus kommen können; es ist wahr, Fourier hat sich durch
diesen Mangel leider verleiten lassen, die Methode der Serien an die Stelle der
absoluten Methode zu setzen, und dadurch ist er dahin gekommen, die Verwandlung des Meeres
in Limonade, die couronnes boréale und australe <nördlichen und südlichen
Korona>, den Anti-Löwen und die Begattung der Planeten zu konstruieren, aber wenn es
so sein muß, will ich doch lieber mit dem heitern Fourier an alle diese Geschichten
glauben, als an das absolute Geisterreich, wo es gar keine Limonade gibt, an die
Identität von Sein und Nichts und die Begattung der ewigen Kategorien. Der französische
Unsinn ist wenigstens lustig, wo der deutsche Unsinn morose und tiefsinnig ist. Und
dann hat Fourier die bestehenden sozialen Verhältnisse mit einer solchen Scharfe, einem
solchen Witz und Humor kritisiert, daß man ihm seine auch auf einer genialen
Weltanschauung beruhenden, kosmologischen Phantasien gerne verzeiht."
|
| "Fourier ist
einzig!" |
Geradezu beklemmend aktuell sind
Engels folgende Sätze in der gleichen Schrift: "Wenn sich unsere deutschen halb
und ganz kommunistischen Dozenten nur die Mühe gegeben hätten, die Hauptsachen
von Fourier, die sie doch so leicht haben konnten wie irgendein deutsches Buch, etwas
anzusehen, welch eine Fundgrube von Material zum Konstruieren und sonstigen Gebrauch würden
sie da entdeckt haben! Welche Masse von neuen Ideen - auch heute noch neu für
Deutschland - hätte sich ihnen da dargeboten! Die guten Leute wissen bis auf die
heutige Stunde der jetzigen Gesellschaft gar nichts vorzuwerfen als die Lage des
Proletariats, und auch davon wissen sie nicht über die Maßen viel zu sagen.
Allerdings ist die Lage des Proletariats der Hauptpunkt, aber ist damit die Kritik der
heutigen Gesellschaft abgemacht? Fourier, der außer in späteren Schriften diesen
Punkt kaum berührt, liefert den Beweis, wie man auch ohne ihn die bestehende Gesellschaft
als durchaus verwerflich anerkennen, wie man allein durch die Kritik der Bourgeoisie, und
zwar der Bourgeoisie in ihren inneren Beziehungen, abgesehen von ihrer Stellung zum
Proletariat, zur Notwendigkeit einer sozialen Reorganisation kommen kann. Für
diese Seite der Kritik ist Fourier bis jetzt einzig. Fourier deckt die Heuchelei der
respektablen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen ihrer Theorie und ihrer Praxis, die
Langeweile ihrer ganzen Existenzweise unerbittlich auf; er verspottet ihre Philosophie,
ihr Streben nach der perfection de la perfectibilité perfectibilisante
<Vervollkommnung der vervollkommenden Fähigkeit zur Vervollkommnung> und der
auguste vérité <erhabne Wahrheit>, ihre "reine Moral", ihre einförmigen
sozialen Institutionen, und hält dagegen ihre Praxis, den doux commerce <lieben
Handel>, den er meisterhaft kritisiert, ihre liederlichen Genüsse, die keine Genüsse
sind, ihre Organisation der Hahnreischaft in der Ehe, ihre allgemeine Konfusion. Alles das
sind Seiten der bestehenden Gesellschaft, von denen in Deutschland noch gar nicht die Rede
gewesen ist. Freilich, man hat hier und da von der Freiheit der Liebe, von der
Stellung, der Emanzipation des Weibes gesprochen: aber was hat man zustande
gebracht?" |
| Engels über Fouriers
Thesen zur Arbeit |
Ganz wesentlich war für Engels
Fouriers Konzept der anziehenden Arbeit: "Fourier weist nach, daß jeder mit der
Neigung für irgendeine Art von Arbeit geboren wird, (
) daß das Wesen des
menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (
), und daß daher keine
Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig
bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in
die richtige Bahn zu lenken. Er (
) zeigt die Vernunftwidrigkeit der
gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit
eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter
unerreichbar macht; weiter zeigt er, wie (
.) die Arbeit zu dem gemacht werden kann,
was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen
eigenen Neigungen folgen darf. (
)" |
| Auch Marx stützt sich
auf Fourier |
Auch bei Marx
finden sich immer wieder - oft indirekte - Hinweise auf Fouriers Theorie der freien
Arbeit:
"Sowie nämlich die Arbeit verteilt
zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der
ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann (
) - während in der kommunistischen
Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern
sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine
Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu
tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem
Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder
Kritiker zu werden". (aus "Die deutsche Ideologie"). Ohne jeden Zweifel
liegt das Fouriersche Konzept von der anziehenden Arbeit in der Harmonie solchen Sätzen
zugrunde.
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| Marx und Engels als
"Fourieristen" |
Keineswegs
ist speziell Friedrich Engels geradezu ehrfürchtige Verehrung Fouriers eine
"Jugendsünde", wie mir "Marxkenner" schon weismachen wollten. Auch in
seinem Spätwerk "Anti-Dührung" (Anm. 5) erhebt er Fourier geradezu zu seinem
Meister: "Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitere Natur macht
ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker aller Zeiten. Die mit
dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation ebenso wie die
allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen Handels schildert er ebenso
meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik der
bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse und der Stellung des Weibes in der
bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft
der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation
ist. Am großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte der
Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen:
Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten
bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, und weist nach (
), daß die Zivilisation
sich in einem »fehlerhaften Kreislauf« bewegt, in Widersprüchen, die sie stets neu
erzeugt, ohne sie überwinden zu können, so daß sie stets das
Gegenteil erreicht von dem, was sie erlangen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So daß
z.B.»in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst entspringt«. Fourier,
wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft wie sein Zeitgenosse
Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von der
unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß jede geschichtliche Phase ihren
aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und wendet diese Anschauungsweise
auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an."
Es gibt zahllose weitere Textstellen,
die belegen, wie tief Marx und Engels von den Fourierschen Vorstellungen von der Harmonie
geprägt waren. Engels sagt beispielsweise über Regierungsformen, daß "jede
Regierungsform gleichermaßen anfechtbar ist, ob es sich nun um die Demokratie, die
Aristokratie oder die Monarchie handelt, daß alle mit Gewalt regieren". Dieser
Satz ist wird nur dann wirklich verständlich, wenn man weiß, daß Engels gemeinsam mit
Fourier die auf Zwanglosigkeit und Freiwilligkeit basierende Harmonie (Kommunismus) als
Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung sah.
Engels sagt über die sich entwickelnde
Kommune Bewegung seiner Zeit: "Alles Menschenmögliche wird getan, um die Freiheit
des Individuums zu gewährleisten. Strafen sollen abgeschafft und durch
Erziehung der Jugend und vernünftige geistige Einwirkung auf die Erwachsenen ersetzt
werden".
Waren Marx und Engels denn gar Fourieristen
gewesen? Dogmatische "Marxisten" werden an dieser Stelle möglicherweise empört
aufschreien. Nun, ich schließe denn mit einem Marx Zitat: "Alles was ich
weiß ist, daß ich kein Marxist bin". Sagte Marx. |
Noch August
Bebel schrieb 1869 eine Monographie des großen Utopisten, dessen Visionskraft
er bewunderte.
Überhaupt war es für die Arbeiterbewegung
des 19. Jahrhunderts vollkommen unstrittig, daß das als "Kommunismus"
bezeichnete Endziel identisch war mit der von Fourier beschriebenen Harmonie.
Dies änderte sich um die Jahrhundertwende,
als die Sozialdemokratischen Parteien Europas sich mehr und mehr in die damaligen Staaten
integrierten und sich eine Spaltung zwischen Reformisten und Revolutionären abzeichnete.
Indessen orientierten sich auch die
Revolutionäre in ihren Gesellschaftsformen mehr und mehr an den fortgeschrittensten
Formen der damaligen kapitalistischen Staaten, spätestens mit der russischen Revolution
und der anschließenden Stalinisierung der Sowjetunion kam es auch zu einer Art
Militarisierung der Kommunismus Vorstellungen, ein Prozeß, der etwa in der
chinesischen Kulturrevolution ihren deutlichsten Ausdruck fand. |
Auch
für einen Lenin oder einen Trotzki war Fourier kein Thema mehr, seine
"Harmonie", für Marx und Engels gewissermaßen als "ok" abgehakt,
geriet in Vergessenheit, dafür wurden die deutsche Reichspost oder der Krupp
Konzern Vorbilder für einen auf Arbeiterräte basierenden Sozialismus.
Der Surrealist Andre Breton schrieb
noch 1945 seine "Ode an Charles Fourier", nachdem er das Werk des nur
noch dem Namen nach bekannten großen Utopisten selbst gelesen hatte.
Im Bereich des "offiziellen"
Marxismus allerdings wurde Fourier und seine Vision von der Harmonie vergessen und totgeschwiegen.
Sogenannte "kommunistische" (stalinistische) Staaten, die sich auf Marx
beriefen, waren als Zwangssysteme das glatte Gegenteil von Fouriers Harmonie.Es
versteht sich von selbst, daß es auch keine nennenswerte Rezension Fouriers von
"marxistischer" Seite mehr gab. |
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Tatsächlich
sind Fouriers Auffassungen von der Liebe in der Harmonie die unverzichtbare Basis seines
gesamten Werkes.
Lassen wir Fourier wieder selbst sprechen: "Seit
nunmehr dreitausend Jahren besudelt man die Erde mit den abgeschmacktesten Faseleien über
die Leidenschaften. Wir müssen dem Übel ein Ende setzen, methodisch vorgehen in
jedem Bereich, der das schmerzliche Rätsel der Leidenschaften berührt"
Predigen nicht alle großen
Weltreligionen, daß die Leidenschaften zum Leiden führen, und Entsagung von den
Leidenschaften der Weg zum Heil sei? Ganz anders Fourier, für den dieses Dogma nicht
gilt. "Wenn wir in der Harmonie alle Schattierungen der Liebe erfaßt haben
werden, wird diese bei uns so verachtete Triebfeder unzählige Quellen der Begeisterung
erschließen".
Kein Utopist hat sich mit der gleichen
Entschlossenheit und Akribie so sehr daran gemacht, der Liebe einen zentralen Stellenwert
in der menschlichen Kultur zu geben. "Die Liebe ist die mächtigste Triebkraft
der leidenschaftlichen Annäherung, selbst bei antipathischen Charakteren. Darum ist
die Liebe diejenige Leidenschaft, die am geeignetesten ist, Beziehungen
zwischen Menschen zu knüpfen"
In einem Satz faßt Fourier die kühnste
gesellschaftliche Zukunftsvision der Geschichte zusammen: "In der Harmonie,
wo niemand arm und für jedermann bis ins hohe Alter die Liebe zugänglich ist, widmet ein
jeder dieser Leidenschaft einen bestimmten Teil des Tages; die Liebe wird zur
Hauptbeschäftigung"
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| Nutzung der
Leidenschaften |
Um Fouriers Vorstellung von der
Liebe in der Harmonie wirklich zu verstehen, muß man natürlich seine Theorie der
Leidenschaften (passions) begreifen. Die zentralen Thesen:
 | Nutzung der Leidenschaften ist der Schlüssel zur HARMONIE. |
 | Leidenschaften sollen entfaltet statt unterdrückt werden.
Dazu muß man ihre Gesetze studieren. "(
) der menschlichen Vernunft hätte
es besser angestanden, jene unbezwingbaren Kräfte, die man Leidenschaften nennt, nicht zu
kritisieren, sondern deren Gesetze zu studieren". |
 | Gleichgewicht der Leidenschaften, das auf Regeln beruhen muß
(geordnetes Zusammenspiel wie in einem Orchester). "Jede Leidenschaft bringt ihr
Gegenstück hervor, das ebenso schädlich ist, wie die natürliche Leidenschaft heilsam
gewesen wäre". |
 | Alle Leidenschaften und Anziehungen sind nützlich. |
Hier liegt auch Fouriers
sozialrevolutionärer Ansatz begründet. Es kommt nicht darauf an, wenigen Reichen ihre
Leidenschaften streitig zu machen, sondern die Leidenschaften aller zu erfüllen.
"Diejenigen, welche die Leidenschaften
verlästern (
) haben Einrichtungen ersonnen einzig zu dem Zweck, die Leidenschaften
der anderen einzudämmen und die ihrigen zu befriedigen. Gott hatte etwas anderes im Sinn.
Alle seine Einrichtungen und Bräuche (
) zielen darauf hin, jeder einzelnen Leidenschaft
einen besonderen und allen einen kollektiven Aufflug zu gewährleisten. Es ist sein
Wille, daß sie vereint befriedigt werden, sobald jede einzelne befriedigt ist." |
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In der Liebe in
der Harmonie ist zwar alles erlaubt, was auf Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit beruht,
aber es gibt nach Fourier eine Ordnung in der harmonischen Liebe.
Es handelt sich gewissermaßen um Neigungsklassen, die jederzeit freiwillig gewechselt
werden können.
Fourier entwirft in seiner grenzenlosen Fantasie und Fabulierlust ganze Systeme solcher
Neigungsklassen.
Beispiele (in der Reihenfolge wachsender sexueller Freiheit):
 | Vestalen und Vestalinnen (keine körperliche Liebe) |
 | Damoiseaux, Damoiselles (monogame Treue) |
 | Odalisken (ab hier ansteigend polygam) |
 | Fakiressen |
 |
. |
 | Bacchanten und Bacchantinnen |
 | Bayaderen (reisende Priesterinnen und Priester der Lust, die
sich verschenken) |
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| Zugehörigkeit
zu Liebesordnungen |
Natürlich sind die bezeichneten
Liebesordnungen für Fourier keine Zwangsorganisationen, sondern sie dienen dem Zweck,
daß Menschen gleicher oder ähnlicher Neigung leichter zueinander finden, denn nur kraft
vielfacher Beziehungen kann der Mensch zu seiner Bestimmung finden: "Jeder Mann
und jede Frau werden völlig frei sein, nach eigenem Gutdünken zu handeln und ihren
Geschmack zu wechseln, wann immer es ihnen gefällt; aber sie sind verpflichtet, sich der
Gruppe anzuschließen, die ihre vorherrschende Leidenschaft pflegt". |
| Alles für das
Vergnügen |
Die Organisation des
Vergnügens ist für Fourier der Dreh- und Angelpunkt der sozialen Struktur der Zukunft.
"Bei der Berechnung der Anziehung muß sich alles um das Vergnügen
drehen, alles muß auf die Garantie der Vergnügungen zielen"
"In der Harmonie, wo großer
Überfluß und eine ungeheure Vielfalt von Vergnügungen herrscht und wo das harmonische
Leben allgemeine Eintracht verlangt, muß der religiöse Kult die Liebe zu Gott mit der
Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird" |
| Polygamie |
Fourier hält die
strikte Monogamie für den meisten Menschen nicht entsprechend und deckt sich darin mit
den Ergebnissen der modernen Sexualforschung.
Die Sprengkraft aber, die in der
"Untreue" und "Seitensprüngen" in der Zivilisation liegt (Trennungen,
Scheidungen etc.) wird in der Harmonie dadurch aufgehoben sein, daß die Polygamie eine
anerkannte Quelle hocherziger Beziehungen sein wird: "Die Polygamie, bei den
Zivilisierten und Barbaren ein Auswurf der Leidenschaft, wird in der Harmonie eine hochherzige
Beziehung sein (
.)".
"Mit gutem Grund darf ich
verheißen, daß die Harmonie Keime der freiheitlichen Liebe hervorbringen wird,
die in der entgegengesetzten Richtung wie unsere (heutigen) Bräuche und (
.)
eine hochherzige und heilige Trunkenheit, eine erhabene Wohllust bescheren
wird, die unserem heutigen Egoismus weit überlegen ist |
| Galanter Adel |
Konsequenterweise
deutet Fourier auch den Begriff Adel um in seinem Sinne:"Laster heißt vor dem
Gesetz der Attraktion alles, was die Zahl der Beziehungen vermindert, Tugend alles, was
sie vermehrt"
Der galante "Adel der
Zukunft" wird sich also durch Qualität und Quantität seiner Beziehungen
auszeichnen, und nicht durch Geblüt oder materiellen Reichtum.
"Was ist ein Liebespaar nach
der heutigen Methode? Ein Individuum zu zweit, welches das Glück für sich allein pachten
will. Ein solches Paar ist dem Mann vergleichbar, der in seinem Keller die besten Weine
der Welt lagert, aber sie stets alleine trinkt, ohne je einen Freund, Verwandten oder
Nachbarn einzuladen." |
| Auch die Monogamie ist
(natürlich) erlaubt |
"Jedem Paar
steht es frei, den Ehebund einzugehen; er wird sogar begünstigt und gefestigt durch die
Einführung von Ehe-Pausen, d.h. der Aufhebung der Treuepflicht für eine vereinbarte
Zeitspanne, sofern diese Aufhebung in der Kanzlei des Liebeshofs registriert wird".
"In der Harmonie wird es
keine Fallstricke mehr geben. Die Paare erlangen die höheren Liebes-grade erst im Laufe
der Zeit; anfangs haben sie keinen anderen Titel als den des Favoriten oder der Favoritin". |
| Unbeständigkeit wird
zur Tugend |
"Wir werden
(
.) zeigen, daß die unbeständige Liebe in der Harmonie die höchsten sozialen
Tugenden hervorbringt"
"Die Unbeständigkeit birgt
keine Gefahren mehr und ist nützlich, wenn sie freundschaftliche Beziehungen
hinterläßt"
Keineswegs versteht Fourier das
aber so, daß es etwa in der Harmonie einen Zwang zur Unbeständigkeit in der Liebe gäbe,
alles basiert auf der Freiwilligkeit.
"Die offen geübte
Unbeständigkeit hat nichts Lasterhaftes an sich, zumal dann nicht, wenn sie auf gegenseitigem
Einverständnis beruht". |
| Die
"Drehpunktliebe" |
Instinktiv stellt Fourier auch die
traditionelle Definition des Wortes "Treue" in Frage. Polygyne haben die "Eigenart,
sich einen oder mehrere Drehpunkte in der Liebe zu schaffen, (
) eine Neigung,
die sich durch alle Stürme der Unbeständigkeit erhält".
"Bei dieser Liebe handelt es
sich also um eine zusammengesetzte Beständigkeit, die sich mit den
Unbeständigkeiten, den Treuebrüchen verträgt und darum den Titel einer transzendenten
Treue verdient".
Fast 200 Jahre vor unserer heutigen
Polyamory Bewegung ist Fourier nahe dran, den Begriff der "Treue" neu zu
definieren: "Die Drehpunktliebe ist wahrlich eine transzendente Treue,
und umso erhabener, als sie die Eifersucht überwindet, welche die gewöhnliche Liebe
verunstaltet". |
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Weit entfernt von einer durch
Zwänge und Verbote reglementierten Sexualität erwies sich Fourier als Kenner
vielfältiger Spielarten der Sexualität. Er spricht dabei auch keineswegs von
"Abirrungen", wie es Siegmund Freud mehr als ein Menschenalter nach ihm als
Wissenschaftler tat, denn es gibt in den Leidenschaften für ihn natürlich keine
"Abirrungen". Sogenannte "Zwiespältigkeiten" oder
"Absonderlichkeiten" werden "in der Harmonie den Aufflug der sozialen
Tugenden ungemein begünstigen", sie sind "unendlich kostbar", "für
die Einheit des Systems der Bewegung wahrhaft unerläßlich", "wie die Zapfen
und Fugen in einem Gebälk". "Die Natur will in den Vergnügungen eine ungeheure
Vielfalt". |
| Homosexualität |
Homosexualität
bezeichnet Fourier als "unisexuell".
Gegenüber der
"Knabenliebe", womit er freilich nicht Sexualität mit Kindern, sondern
Homosexualität mit Jünglingen meint, verhehlt er seine "Nachsicht" nur
schlecht. Er weiß um die erwiesene Homosexualität bei antiken Autoren wie Lykurg,
Sokrates, Platon, Cäsar (kennt Plutarch sehr gut), aber auch um das Lesbiertum
("sapphische Liebe) und heißt diese sexuellen Orientierungen ebenso gut wie alle
anderen. In der Harmonie werden auch seiner Sicht "unisexuelle Orgien"
natürlich ihren Raum bekommen.
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| Sado-Masochismus |
Zwar hat Fourier noch keine Worte für
die sexuellen Orientierungen, die man heute als Sado-Masochismus bezeichnet, aber sie sind
ihm offenkundig wohlbekannt. Er weist nach, daß diese Triebe schon in der Natur
existieren und erzählt aus seinen Lebenserfahrungen: "Einige melancholisch
veranlagte Männer finden Gefallen daran, von ihren Schönen (
.) geschlagen und
mißhandelt zu werden (
.)" und "
die Frau, die sie (die Peitsche)
schwang, versicherte mir, daß sie mit aller Kraft auf ihre Opfer einschlage (
) und
daß es überaus glücklich sei ob dieser ritterlichen Liebkosung".
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| Andere von Fourier
beobachtete "Zwiespältigkeiten" |
Fouriers Studien zur
Homosexualität und zum Sado-Masochismus entsprechen nur bedingt seinen eigenen Neigungen
er hatte eingestandenermaßen einen Hang zu lesbischen Frauen-, vielmehr geht es
ihm um die Erforschung der Komplexität der Leidenschaften:"Ich habe (
)
einen Mann gekannt, dem es Lust bereitete, wenn seine Geliebte sich vor seinen Augen mit
einem anderen vergnügte; dennoch liebte er diese Frau und war durchaus imstande, sie
zufrieden zu stellen"
Doch auch noch wunderlichere Geschichten weiß er zu erzählen: "(
) als
einzigen Lohn begnügte er sich damit, (
) am Fußende ihres Bettes zu sitzen und der
Dame die Fußsohlen zu kitzeln" und "Ein anderer liebt es, sich als kleines Kind
verkleiden und behandeln zu lassen (
.)"
Solcherlei offen auszusprechen
war für Fouriers Zeit unerhört und skandalös.
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| Die Harmonie und die
Zwiespältigkeiten |
Fourier meinte, daß
es eine festgesetzte Zahl von Zwiespältigkeiten gibt und diese einen relativ konstanten
Prozentsatz bilden. Das deckt sich mit den modernen Erkenntnissen der
Sexualwissenschaften. Doch der große Utopist geht noch weiter. Er geht davon aus, daß es
noch Leidenschaften gibt, die er selbst gar nicht kennt! Auch diese sollen in der Harmonie
zu ihrem Recht kommen. Selbst wenn nur vierzig Menschen auf der ganzen Welt einer solchen
speziellen Neigung nachgehen, "dann wird man sich bemühen, diese 40 Sektierer
zusammenzubringen". Deren Zusammenkünfte würden eine "Pilgerfahrt"
sein, die "ebenso heilig ist wie die Reise nach Mekka". Minoritäre
Neigungen werden nicht nur geduldet, toleriert, sondern geradezu von Fourier und der
Gesellschaft der Harmonie "mit Weihrauch bestreut" werden.
Es ist die Aufgabe der Harmonie, deren Anhänger "zum Schutze dieser Art von
Lustbarkeit zusammenzuschließen".
In der Harmonie wird man sich "des Zwiespältigen bedienen", die
zweispältigen Neigungen werden sich "in Tugenden wandeln", das
Zwiespältige dient, wie alle anderen Leidenschaften auch, der differenzierten Anordnung
und Bewegung, dem guten Fortgang des "gesellschaftlichen Konzerts". Es
wird sicherlich noch lange dauern, bis diese Sicht des wohl größten Utopisten der
bisherigen Geschichte auch Ansichten eines "main stream" sein werden.
Die Betrachtung der
Zwiespältigkeiten in den erotischen Leidenschaften führt Fourier aber nicht zur
Beliebigkeit und zur Gleichgültigkeit gegenüber Zwang und Gewalt. Insbesondere die
Sklaverei und die Erniedrigung der Frau werden von Fourier immer wieder gebrandmarkt. Die
Freiwilligkeit und der Zusammenschluß von Menschen nach ihren Neigungen in Serien ist
absolute Grundlage seines Konzepts. |

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Ebenso
revolutionär wie seine Texte zur Liebe in der Harmonie sind seine Ausführungen zum Thema
Arbeit.
Was ist Arbeit? Nach der Bibel eine
Strafe für den Menschen. Fourier, dessen religiöses Verständnis sehr weit von der
christlichen Religion entfernt ist, hat mit diesen Auffassungen sicherlich nichts am Hut.
Er geisselt das Verständnis von Arbeit als eine Strafe, das typische Produkt einer
verderbten Zivilisation. "Zivilisierte Arbeit" ist überhaupt ein Unglück für
die Menschen, und so ist es aus seiner Sicht kein Wunder, daß Arbeit bei Reichen verpönt
sei.
Wie ist Liebe zur Arbeit möglich, so
fragt Fourier? Seine Antwort: Nicht in der Zivilisation ist sie möglich, sondern nur in
den "leidenschaftlichen Serien" der Harmonie. |
| Friedrich Engels über
Fouriers Theorie von der Arbeit |
Ausnahmsweise lasse
ich, statt Fourier selbst, seinen großen Bewunderer Friedrich Engels in dieser Sache
sprechen: "Fourier war es, der zum ersten Male das große Axiom der
Sozialphilosophie aufstellte: Da jedes Individuum eine Neigung oder Vorliebe für eine
ganz bestimmte Art von Arbeit habe, müsse die Summe der Neigungen aller Individuen im
großen ganzen eine ausreichende Kraft darstellen, um die Bedürfnisse aller zu
befriedigen. Aus diesem Prinzip folgt: wenn jeder einzelne seiner persönlichen Neigung
entsprechend tun und lassen darf, was er möchte, werden doch die Bedürfnisse aller
befriedigt werden, und zwar ohne die gewaltsamen Mittel, die das gegenwärtige
Gesellschaftssystem anwendet. Diese Behauptung scheint kühn zu sein, und doch ist sie
in der Art, wie Fourier sie aufstellt, ganz unanfechtbar, ja fast selbst-verständlich -
das Ei des Kolumbus".
(Engels in Fortschritte der Sozialreform auf
dem Kontinent 1843)
Die Aufhebung des Arbeitszwangs
durch die "anziehende Arbeit" im Sinne Fouriers bezeichnet Engels hier als das
"Ei des Kolumbus", was er auch im hohen Alter noch einem Eugen Dühring
entgegenhält. |
| Überflüssige,
vergeudete Arbeit |
Nichts ist
lächerlicher als das Durcheinander, das in der Arbeit der Zivilisierten herrscht, die
doch unzählige ökonomische Abhandlungen verfaßt haben" Zwei Drittel der
Bevölkerung gehen nach Fourier keinen oder negativen Beschäftigungen nach. Parasiten der
Arbeit sind:
 | an den Haushalt gefesselte Frauen |
 | alle Angestellten, "deren Tätigkeiten nur
infolge der zerstückelten Arbeit nötig sind und darum in der Assoziation überflüssig
werden"; |
 | Militärapparate |
 | Staatsbeamte |
 | Arbeiten für die Regierung, die "jeder zu
betrügen sucht" |
 | "neun Zehntel" der Kaufleute und
Handelsagenten |
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| Recht auf Arbeit |
Fourier ist übrigens auch Schöpfer
des Begriffs "Recht auf Arbeit", aber er versteht diesen begriff etwas anders,
als man auf den ersten Blick vermuten könnte: "Gebt dem Zivilisierten eine
Arbeit, die ihm unwiderruflich gehört und die er ausüben kann, wie und wann es ihm
gefällt, ohne daß er von einem ungerechten Aufseher abhängig ist und sich mit Leuten
einlassen muß, deren Sitten ihn abstoßen. Gebt dem Zivilisierten die gleichen Rechte
wie dem Wilden, dem keine Macht der Welt das Recht streitig machen kann, die gleichen
Arbeiten auszuführen wie die Häuptlinge seiner Horde". |
| Anziehende Arbeit |
Viele Geschöpfe arbeiten mit Lust,
obwohl die faul sein könnten, argumentiert Fourier mit Blick auf das Tierreich. In der Tierwelt gäbe es keinen
Arbeitszwang. Trotzdem wimmelt die Tierwelt von emsig arbeitenden Ameisen, Bibern, Bienen
etc., deren "Arbeitseifer" unstrittig sei. Woran liegt das?
Nach Fourier handelt es sich um einen
sozialen Mechanismus, der bewirkt, daß sie (die Tiere) ihr Glück in der Arbeit finden.
Auch dem Menschen ist dieser Mechanismus zueigen.
Fourier nennt ihn "anziehende
Arbeit" und meint damit "von Leidenschaften gesteuerte Arbeitstätigkeit". |
| Genossenschaftliche Arbeit |
Fourier war
keinesfalls der Auffassung, daß sich der Sprung von der Zivilisation zur Harmonie
gewissermaßen über Nacht erreichen ließe. Der an die utopischen Sozialisten bisweilen
von pseudomarxistischer Seite gerichtete Vorwurf, sie hätten einen direkten Übergang zur
Zukunftsgesellschaft ohne Zwischenetappen vorgesehen, stimmt nicht. Auf dem Weg zur
Harmonie sieht Fourier immerhin noch 3 Zwischenstufen.
Trotzdem ist die möglichst frühe
Verwirklichung der anziehenden Arbeit statt der Arbeit aufgrund von Arbeitszwang für ihn
ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Der Hebel dazu ist die Gründung von Phalansterien
gewissermaßen hier und heute.
Er nennt folgende Bedingungen für
anziehende genossenschaftliche Arbeit in einem Phalansterium:
 | Jeder Arbeiter ist Assoziierter, es gibt
gewissermaßen Dividende statt Lohn |
 | Bezahlung entsprechend drei eingebrachten Faktoren
nach einem bestimmten Schlüssel: Kapital, Arbeit, Talent |
 | Arbeitsperioden müssen (bis zu 8 mal) wechseln, denn
"Begeisterung für eine Sache kann in Landwirtschaft / Manufaktur nicht länger als 2
Stunden anhalten" |
 | Arbeit in Gesellschaft von Freunden |
 | Werkstätten und Anbauflächen müssen durch Eleganz
und Sauberkeit bestechen. |
 | Arbeitsteilung muß so fortgeschritten sein, daß
jeder Mensch sich den Arbeiten widmen kann, die ihm zusagen. |
 | Volles Recht auf Arbeit (sofern Aufrichtigkeit und
Befähigung unter Beweis gestellt worden ist). |
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Vielfach herrscht
in der Gemeinschaftsbewegung die Ansicht vor, zu einer funktionierenden Gemeinschaft
gehöre ein gewisses Maß an Gruppenzwang, auf diese Erkenntnis stoße ich immer wieder.
Eigentlich kenne ich nur eine einzige Gemeinschaft, die das Prinzip des Gruppenzwangs
weitgehend abgeschafft hat, den Stamm der Likatier.
Damit will ich nicht sagen, daß
Gruppenzwang offen propagiert wird, jedoch stellt er oft ein Axiom, eine Grundannahme im
Denken vieler Menschen dar, die fest in ihrer Weltsicht verankert ist. Entsprechend hat
die Kommunikation oft nötigenden beziehungsweise verletzenden Charakter. Verletzungen und
destruktive Kommunikation zerstören immer wieder viele Gemeinschaftsinitiativen.
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Die Zukunftsgesellschaft kann nur ein
auf Freiwilligkeit aufbauendes System sein. Überwindung nötigungsorientierter
Kommunikation ist ein wichtiges Strukturelement in der Feinstruktur einer Gemeinschaft.
Sicherlich kommen Systeme, die auf Nötigung und (Gruppen)zwang basieren, unter Umständen
schneller auf die Füsse, aber um den Preis der Erosion des
Zusammengehörigkeitsgefühles.
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Wo Menschen ihre
Leidenschaften leben können, dort fühlen sie sich beheimatet. Kultivierung der
Leidenschaften statt ihrer Unterdrückung muß als unbedingtes Ziel einer Gemeinschaft
aufgefaßt werden. Erforschung der Leidenschaften und der Möglichkeiten ihrer Erfüllung
muß als individuelles und gemeinsames Ziel einer Gemeinschaft verstanden und gesehen
werden.
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Gemeinschaften ab einer gewissen
Größe können das Prinzip der anziehenden Arbeit verwirklichen. "Jeder nach seinen
Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Vertrauen auf die Leidenschaften als
Triebfeder der Arbeit statt des Zwanges ist ein wesentliches Element emotionaler
Gemeinschaftsbildung.
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Gemeinsamer Aufflug der Leidenschaften
verhindert destruktive Entartungen, wie sie zumeist durch Ausgrenzung und Streit ihren
Ausdruck findet. Die Kultivierung des fourierschen Unitismus als "Pivotale"
(Drehpunkt Leidenschaft) kann da Abhilfe schaffen, wenn sie eine bewußte und
gewollte Absicht ist. Die Leidenschaft, das eigene Glück mit dem Glück anderer zu
vereinen, vereint die Leidenschaften aller insgesamt zu einem harmonischen Ganzen.
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Nemetien ist wie den meisten Lesern
dieser Zeitschrift wohl bekannt ist eine konkrete Utopie und ein praktisches
Projekt. Die Vision eines Charles Fourier ist selbstredend heute genau so wenig Realität
wie zu seinen Lebzeiten. Gerade aber am unzureichenden Verständnis sowohl der Freiheit in
der Liebe als auch in der zwangfreien Arbeit scheitern viele Gemeinschaftsansätze. Ein
Charles Fourier kann uns da auch heute noch beflügeln und inspirieren, weil er uns das
Ziel weisen kann, um das es letztlich geht: eine Gesellschaft der Harmonie. Insofern kann
man Charles Fourier als einen großen Lehrer des Projektes Nemetien ansehen.

Anmerkungen
| Anm. 1 |
"Zivilisation" nannte Fourier die
Gesellschaftsform, in der er selbst lebte, und das war das Frankreich seiner Zeit.
Betrachtet man seine Zivilisationskritik näher, so scheint sich seit dem Frankreich des
frühen 19. Jahrhunderts außer einem gewaltigen technologischen Aufschwung wenig
geändert hat. |
| Anm. 2 |
Es handelte sich um den Bürgerkrieg zwischen
Girondisten und Jakobiner. Fourier entkam nur knapp der Hinrichtung durch die jakobinische
Guillotine. |
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| Anm. 5 |
"Herrn Eugen Dührung's Umwälzung der
Wissenschaft", letzte von Engels autorisierte Ausgabe 1894 |
<raven>
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